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14. Januar 2012
Neuer Besitzer
Der FC Paris St. Germain mutiert zum Glitzerklub
Der heruntergekommene Hauptstadtverein Paris St. Germain hat einen neuen Besitzer: Eine Investorengruppe aus Katar will PSG zurück an die Spitze führen. Die Fans wenden sich mit Grausen vom Glitzerklub ab
PARIS. Märchenhaft ist das. Ein bisschen wie bei Aschenputtel, nur besser. Anstatt eines Schmuddelkindes werden in diesem Märchen Dutzende aus Bedürftig- und Bedeutungslosigkeit errettet. Und anstatt eines Königssohns ist es ein ganzes Konsortium, das sich zu herablässt, die Armen zu adeln.
Aus dem Scheichtum Katar hat es sich in die Niederungen des französischen Fußballs begeben, um den heruntergekommenen Hauptstadtverein Paris St. Germain auf europäisches Spitzenniveau zu heben. Was den Spaniern Real Madrid ist, soll den Franzosen der PSG sein. Galaktischen Fußball verheißen die Herren des seit der Saison 2004/2005 nicht mehr in internationalen Wettbewerben vertretenen Klubs. Und wie das im Märchen so ist: Geld spielt keine Rolle.
Europas Spitzenvereine sind in den Augen von Qatar Sports Investments und des von ihm als Sportdirektor eingesetzten früheren Inter-Mailand-Trainers Leonardo zu Selbstbedienungsläden mutiert, in denen ausliegt, was den Emporkömmling schmückt. Auf dem Einkaufszettel wurden der italienische Startrainer Carlo Ancelotti und Barcelonas brasilianischer Linksfüßer Sherrer Maxwell (30) mit einem Haken versehen und geholt. Maxwells stürmende Landsleute Kaká (29, Real Madrid) und Pato (22, AC Mailand) sowie der Außenverteidiger Douglas Maicon (30, Inter Mailand) sind auch auf der Wunschliste, diese Transfers allerdings nicht realisiert.
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Ancelotti, der mit dem AC Mailand 2003 und 2007 die Champions-League gewann, hat Ende Dezember beim PSG unterschrieben. Mit einem Jahresgehalt von sechs bis sieben Millionen Euro gilt er als bestdotierter Coach der französischen Fußballgeschichte. Am Donnerstag zückte Maxwell ebenfalls den Federhalter. Zuvor hatte bereits der für 42 Millionen Euro Ablöse von US Palermo abgeworbene Argentinier Javier Pastore (22) in Paris unterzeichnet. Pato hat allerdings abgesagt – trotz eines ihm verheißenen Jahressalärs von sieben Millionen Euro. Sein Herz schlage für die Rossoneri, hat er wissen lassen. Hinzuzufügen wäre: Paris Saint Germain klingt in den Ohren eines Spitzenfußballers einfach nicht sexy – auch wenn er in einer der Metropolen Europas zu Hause ist.
Das Nein des Stürmers ist nicht die erste Abfuhr, die sich der PSG holt. Ende Dezember hatte bereits David Beckham einen Rückzieher gemacht. Jährlich 9,6 Millionen Euro hätten dem 36-Jährigen Beau gewunken. Aber das ist Schnee von gestern. Andere Ballgenies werden an der Seine anheuern. Schon jetzt führt der Verein die französische Liga an. Nächstes Ziel ist es, "sämtliche Spiele zu gewinnen", hat Ancelotti gesagt. Und Nasser Al-Khelaifi, Präsident des dem Kronprinzen von Katar gehörenden Investorenkonsortiums wie auch des PSG, hat klargestellt, wo der Verein danach stehen wird: "An der Spitze in Europa."
In einem nur fällt die PSG-Saga hinter Aschenputtel zurück. Während das Volk im Märchen ausgelassen tanzt, setzen die Fans des PSG Leichenbittermienen auf. Der Verein habe seine Seele verkauft, er verkomme zu einem Disneyland, sagen die Getreuen. Wie die Gefolgschaft des FC St. Pauli halten sie wenig von Glanz und Glitter, sind im besten Fall bodenständig, im schlechtesten Fall gewaltbereit. Ob sie nun den "Boulogne Boys" angehören, den "Supras Auteuil" oder einer anderen Unterstützergruppe: Der Besuch des Prinzenparkstadions im Südwesten der Stadt ist für sie Herzenssache, Ehrensache, nicht schnöde Unterhaltung.
"Wenn du Spieler mit großen Namen einkaufst, wird das Stadion zum Theater oder Kino", schimpft Youssef, Anführer des Fan-Clubs "K-soce Team"." Anstelle von wahren Anhängern kämen unbedarfte Zuschauer, die sich amüsieren wollten. Das schlage aufs Gemüt. Wenn das so weitergehe, könne sich der Verein für die Petrodollars aus dem Morgenland gleich noch neue Fans kaufen. Das "K-soce-Team" habe jedenfalls beschlossen, die Heimspiele des Vereins künftig zu boykottieren. Noch deutlicher äußert sich der Filmschauspieler, Bestsellerautor und PSG-Fan Lorant Deutsch. "Ich bin angewidert", sagt er. Dass die neuen Klubbesitzer die im Mai vergangenen Jahres erworbene Aktienmehrheit nutzen wollen, um das in die Jahre gekommene Prinzenparkstadion abreißen zu lassen, passt für ihn ins rabenschwarze Bild.
Fußballliebhaber, die weniger dem PSG verbunden sind als der Schönheit des Spiels schlechthin, reiben sich angesichts des kollektiven Liebesentzugs entsetzt die Augen. Rafik Redjem zählt zu den Verstörten. Hilfe suchend hat er sich an die Öffentlichkeit gewandt und in der Zeitung Libération ein Forum gefunden. "Da kommt jemand aus dem Morgenland und beschließt, dem Klub einer grandiosen Hauptstadt eines grandiosen Landes eine grandiose Fußballmannschaft zu schenken, die es mit Real Madrid aufnehmen kann", schreibt der Algerier. "Und was tun die Beschenkten? Sie rümpfen die Nase."
Autor: Axel Veiel
