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17. November 2011
DFB-Team spielt Fußball fürs Lehrbuch
Die deutsche Nationalmannschaft spielt nach einer kontinuierlichen Entwicklung vorbildlichen Fußball.
HAMBURG. Irgendwann, als um ihn herum die Festivitäten längst begonnen haben, ist Joachim Löws glänzende Laune noch einmal gefährdet. Erregt schnellt der Bundestrainer von seinem Sitz hoch, gestikuliert wild, als habe sein Team gerade im EM-Finale selbst verschuldet den entscheidenden Gegentreffer kassiert. Der Auslöser für Löws Wutausbruch hat jedoch nicht annähernd eine derartige Tragweite. Sein Team liegt gegen die Niederlande 3:0 vorn, führt in der Hamburger Imtech-Arena eine eindrucksvolle Machtdemonstration souverän dem Schlusspfiff entgegen. Der eingewechselte Mats Hummels denkt sich vermutlich nichts Böses, als er den Ball weit und hoch in die gegnerische Hälfte befördert. In Dortmund, wo Jürgen Klopp Trainer ist, darf Hummels das. Dort ist es sogar ein durchaus erwünschtes Stilmittel. Joachim Löw aber hat diese schlichte Art der Spieleröffnung aus dem taktischen Repertoire der Nationalmannschaft verbannt. Er erwartet auch von seinem verteidigenden Personal flache Präzision.
"Wir müssen den Ball flach halten", sagt Holger Badstuber nach Spielschluss. Er ist ein gehorsamer Spieler, wenngleich er es im übertragenen Sinne meint. Badstuber gehört an diesem Abend zu den Wenigen, die sich als strikte Euphorie-Verweigerer präsentieren. "Von Perfektion spreche ich nicht so gerne", meint er mit ernster Miene, während um ihn herum die Kollegen deutlich freundlicher dreinschauen und sich übermütig an das P-Wort herantrauen. "Das war nahe an der Perfektion", findet Sami Khedira. Als zumindest "zwischendurch perfekt" wertet Toni Kroos den deutschen Vortrag gegen den Rivalen von Nebenan. Thomas Müller sinniert darüber, ob dieses 3:0 nun eine Steigerung der bisher gezeigten Leistungen war oder eher eine Fortsetzung. Schließlich einigt er sich mit sich selbst auf "eine gesteigerte Fortsetzung". Überragende Leistungen der deutschen Mannschaft seien inzwischen nicht mehr allzu überraschend, fügt er zur Klarstellung noch an.
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Die Einschätzung des Bayern-Angreifers ist ebenso selbstbewusst wie zutreffend. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist selbstverständlich gut, spielerische Dominanz von der Ausnahme zur Regel geworden – als Ergebnis eines kontinuierlichen Prozesses. Die Frage, ob ihm die beeindruckende Vorstellung gegen die Niederländer nicht ein wenig unheimlich sei, empfindet Joachim Löw despektierlich, weil er seine Entwicklungshilfe ignoriert sieht. "Wir haben Jahre darauf hingearbeitet", stellt der sportliche Vordenker klar.
Der entscheidende Qualitätssprung ist in den vergangenen Monaten gelungen. Was Löw-Assistent Hansi Flick als "Arbeit am letzten Drittel" bezeichnet, hat aus einer beachtlichen Kontermannschaft mit überdurchschnittlicher Qualität im Umschaltspiel ein Team werden lassen, das ein Spiel dauerhaft beherrschen kann. "Wir lassen verstärkt die Abläufe auf den letzten 20, 25 Metern vor dem gegnerischen Tor trainieren", verriet Flick kürzlich in der Süddeutschen Zeitung. Der Effekt stellte sich nun in Hamburg ein.
Die deutsche Elf ist nicht mehr wie bei der WM 2010 auf überfallartige Aktionen angewiesen, sondern kann den Gegner aus dem gesicherten Ballbesitz heraus permanent unter Druck setzen. Löw stehen Akteure zur Verfügung, die – jeder auf seine eigene Art – Schlüssel für den Zutritt zur Gefahrenzone besitzen: Thomas Müller, der als umtriebiger Dauerunruhestifter stets entscheidende Lücken in die Defensive der Konkurrenz reißt. Mesut Özil, der dank seiner glänzenden Technik als Spielbeschleuniger, Vorbereiter und Vollender glänzt. Miroslav Klose, der – anders als Mario Gomez – nicht nur für den Abschluss zuständig ist, sondern auch Kombinationsfluss garantiert. Und Toni Kroos, der als kluger Strippenzieher inzwischen Erstinitiator vieler Offensivaktionen ist. Sie produzieren Tore wie jene drei gegen die Niederlande: Müllers 1:0 (15.), Kloses 2:0 (26.) und Özils 3:0 (66.) waren für die Gästeabwehr pure Überforderung, im Grunde nicht zu verhindern. "Ich weiß nicht, welches Tor schöner war", sagt Thomas Müller später. Nur eins weiß er genau: "Die kann man in jedes Lehrbuch packen."
Per Mertesacker hat die Höhepunkte des Spiels "nur aus der Ferne gesehen". Dennoch habe er sie genossen, versichert er. Kein Wunder, brachten sie für den Innenverteidiger vom FC Arsenal London doch einen angenehmen Nebeneffekt mit sich: Defizite fielen im herrlichen deutschen Angriffswirbel nicht sonderlich auf. Tatsächlich wirkt Mertesacker unter all den technisch Hochbegabten wie ein Nachhilfeschüler. Seine Spieleröffnung ist mühsam, eher hemmend denn hilfreich. Zudem verpasste Mertesacker im ansonsten gut harmonierenden Defensivensemble gleich mehrfach seinen Einsatz.
Lukas Podolski verzichtete nahezu ganz auf die aktive Teilnahme am Fußballfest. Der Kölner unterstützte zwar den hilfsbedürftigen Dennis Aogo hinten links einigermaßen zuverlässig, beschränkte sich ansonsten aber darauf, die verwirrend-genialen Rotationen seiner Offensivkollegen zu beobachten. "Es hat Spaß gemacht", berichtet Podolski und gibt wieder mal den lustig-unbedarften Poldi. Per Mertesacker dagegen spricht von Gefahr. Er hat erkannt: "Unser Kader ist so gut, dass jeder aus der ersten Elf rausfliegen kann." Ein hoher, weiter Pass kann bereits einer zu viel sein.
Deutsche Länderspiele 2011
9.2. Deutschland – Italien 1:1 (F) 26.3. Deutschl. – Kasachstan 4:0 (Q) 29.3. Deutschland – Australien 1:2 (F) 29.5. Deutschland – Uruguay 2:1 (F) 3.6. Österreich – Deutschland 1:2 (F) 7.6. Aserbaidschan – Deutschl. 1:3 (Q) 10.8. Deutschland – Brasilien 3:2 (F) 2.9. Deutschland – Österreich 6:2 (Q) 6.9. Polen – Deutschland 2:2 (F) 7.10. Türkei – Deutschland 1:3 (Q) 11.10. Deutschland – Belgien 3:1 (Q) 11.11. Ukraine – Deutschland 3:3 (F) 15.11. Deutschl. – Niederlande 3:0 (F) F = Freundschaftsspiel
Q = EM-Qualifikationsspiel
Autor: dpa
Autor: René Kübler
