Die unendliche Geschichte

Frank Hellmann

Von Frank Hellmann

Mo, 11. Juni 2018

Nationalelf

Laute Pfiffe in Leverkusen zeigen, dass die Nationalmannschaft die Debatte um den Erdogan-Besuch ihrer Spieler Gündogan und Özil vor der WM nicht los wird.

LEVERKUSEN. Der türkische Taxifahrer öffnete am späten Freitagabend freundlich die Türen. Auch eine vergleichsweise kurze Fahrt von der Haltestelle Leverkusen-Mitte bis zum Parkplatz am Chempark war ihm genehm, obwohl es nach einem Länderspiel in einer ausverkauften Bay-Arena sicherlich lukrativere Touren gegeben hätte. Dass die deutsche Nationalmannschaft zuvor mit Ach und Krach gegen Saudi-Arabien (2:1) gewonnen hatte, hatte der Mann am Radio mitverfolgt. Und so entwickelte sich bald eine angeregte Diskussion über den Fußball, die WM und das Leben. Nur als es um seine Meinung zu Mesut Özil und Ilkay Gündogan und ihren Besuch beim türkischen Staatspräsidenten Recey Tayyip Erdogan ging, herrschte plötzlich Funkstille. Leichtes Grummeln. Langes Schweigen. Schwieriges Thema.

Joachim Löw schmerzen die Pfiffe gegen seine Spieler

Vor allem für den Weltmeister. Vor der Abreise nach Russland kocht die Debatte um die beiden türkischstämmigen Nationalspieler wieder hoch. Joachim Löw konnte vor der Einwechslung von Gündogan bei der WM-Generalprobe noch so sehr das Publikum zur Unterstützung auffordern: Die lauten Pfiffe drangen gefühlt übers nahe gelegene Flüsschen Dhünn bis in den Leverkusener Stadtpark. "Das hat mich geschmerzt", sagte der enttäuschte Bundestrainer: "Wenn ein Nationalspieler ausgepfiffen wird von der Einwechslung über alle Aktionen bis zum Ende, dann gefällt mir das nicht." Er könne das auch nur schwer nachvollziehen. "Ilkay hat gesagt, dass er sich absolut mit den Werten von Deutschland und den Werten, wie wir hier leben, identifiziert, dass er keine politische Botschaft senden wollte". Irgendwann müsse auch mal Schluss sein. Löw, der in der Kabine einen "geknickten" Gündogan antraf: "Man sieht, dass ihn das beschäftigt. Da muss er jetzt durch. Ich hoffe, dass er das kann."

Ähnliche Unmutsäußerungen hätten sicher auch Mesut Özil erreicht, der wegen einer Knieprellung nicht zum Einsatz kam. Der eine bat beim Verlassen der Arena um Verständnis, nichts sagen zu wollen (Gündogan), der andere machte sich wortlos davon (Özil). Immerhin twitterte der 27 Jahre alte Gündogan am Samstag: "Letztes Spiel vor der Weltmeisterschaft und immer noch dankbar, für dieses Land zu spielen." Der Mittelfeldspieler von Manchester City hat sich für eine eher offensive Kommunikation entschieden, während der Spielmacher des FC Arsenal auf die defensive Strategie setzt. Der 29-Jährige glaubt, mit dem inszenierten Besuch beim Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier genügend Abbitte geleistet zu haben.

Offenbar scheint aber die Macht der Bilder mit Überreichen eines – im Fall Gündogan sogar handsignierten – Trikots am 14. Mai ans türkische Staatsoberhaupt alles zu erdrückend. Der Schluss liegt nahe, dass mit dem Erdogan-Fotoshooting in London mehr kaputt gegangen ist als viele denken. Auch DFB-Präsident Reinhard Grindel, der das Thema bereits bei der Kadernominierung im Dortmunder Fußballmuseum schnell herunterdimmen wollte, kommt mit Beschwichtigungen dieser Art nicht viel weiter: "Beide haben das Recht, wenn sie für Deutschland kämpfen, von Deutschland auch entsprechend unterstützt zu werden."

Und selbst der ansonsten instinktsichere Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff hat das feine Gespür der Anhängerschaft falsch eingeschätzt. Im Vorlauf der Fernsehübertragung aus Leverkusen fuhr der DFB-Direktor ARD-Mann Alexander Bommes wegen Nachfragen harsch an: "Ihr bringt es doch jeden Tag wieder, weil ihr keine Themen habt." Nicht die Thematisierung der Medien, sondern der Umgang der Protagonisten ist das Problem: Aussitzen hilft bei diesem Thema nicht mehr. Und totschweigen erst recht nicht.

Schon hat Liga-Präsident Reinhard Rauball das Krisenmanagement von Verbandsseite in der Bild am Sonntag gerügt: "Das Thema ist in der Tat unterschätzt worden. Und ich glaube auch, dass man es nicht alleine mit den Maßnahmen und Erklärungen, die bisher erfolgt sind, aus der Welt schaffen kann." Der richtige Zeitpunkt für eine solche Maßnahme sei "entweder schon vorbei oder sehr schwer nachzuholen". Rauball fürchtet gar, dass das Thema "dauerhaften Schaden bei den beiden Sportlern hervorruft". Auf jeden Fall ist für die Mission Titelverteidigung unnötiger Ballast an Bord, wenn am Dienstag LH 2018 in Richtung Moskau startet.

Die deutsche Delegation scheint zu hoffen, dass sich bei den WM-Spielen die mitreisenden Fans – 62 541 Karten sind für die gesamte WM an deutsche Anhänger gegangen – auf die Unterstützung beschränken. Sicher ist das allerdings nicht.

"Ich bin selbst gespannt, welche Reaktionen es in Russland noch geben wird", sagte Löw, wohl wissend, dass die Debatten auch den Start der Nations League mit dem Heimspiel in München am 6. September gegen Frankreich erfassen dürften. Die Mitspieler der gebürtigen Gelsenkirchener appellierten daran, die beiden nicht auszugrenzen, sondern einzugliedern. Abwehrchef Mats Hummels empfahl eine neue Form des Dialogs. "Ab jetzt bitte ich die Leute einfach darum, daran zu denken, dass wir Weltmeister werden wollen – und dafür brauchen wir den Illy ebenso wie den Mesut", erklärte dazu Stürmer Mario Gomez.

Auch der Taxifahrer in Leverkusen hatte kurz vor dem Ausstieg noch etwas zu Gündogan und Özil zu sagen. "Sie sind Menschen." Sollte heißen: Und Menschen machen Fehler.

Deutschland: Neuer (46. ter Stegen) - Kimmich (81. Ginter), J. Boateng (46. Süle), Hummels, Hector – T. Kroos, S. Khedira – T. Müller (74. Brandt), Draxler, Reus (57. Gündogan) – Ti. Werner (62. M. Gomez).
Saudi-Arabien: Al-Mayouf - Al-Shahrani, Osama Hawsawi, Othman, Al-Harbi (46. Al-Burayk) – Otayf (75. Al-Moqahwi), Al-Jassim - Al-Faraj (90.+1 Al-Khaibari), Al-Shehri - Al-Dawsari (87. Bahebri), Al-Muwallad (62. Al-Sahlawi).
Schiedsrichter: Vincic (Slowenien). Tore: 1:0 Ti. Werner (8.), 2:0 Othman (43., Eigentor), 2:1 Al-Jassim (85.). Zuschauer: 30 210. Gelbe Karte: – / Al-Moqahwi. Bes. Vorkommnis: ter Stegen hält Strafstoß von Al-Sahlawi (84.).