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06. September 2011 00:04 Uhr

Interview

Lato zur EM 2012: "Polen wird ein Fußballfest bieten"

Polen hat die deutsche Nationalelf zu Gast. Für den EM-Gastgeber ist es nicht nur in sportlicher Hinsicht ein Härtetest. Ein Interview mit dem Verbandspräsidenten Grzegorz Lato.

  1. Strahlt Zuversicht aus: Grzegorz Lato Foto: usage Germany only, Verwendung nur in Deutschland

Das Stadion in Danzig ist ebenso verspätet fertig geworden wie die Arena in Warschau. Verzögerungen gibt es auch bei Verkehrsprojekten. Hooligans verbreiten in polnischen Stadien Angst und Schrecken. Unser Korrespondent Ulrich Krökel sprach mit dem Präsidenten des polnischen Fußball-Verbandes, der Stürmer-Legende Grzegorz Lato, über vergangene Erfolge und die Herausforderungen der Euro 2012.

BZ: Erinnern Sie sich an den 3. Juli 1974?
Lato: Ja, natürlich, die Regenschlacht von Frankfurt. Kurz vor dem Spiel öffnete sich der Himmel, und dann war da nur noch Wasser. Überall. Aber am Ende zählt das Ergebnis. Und die Deutschen sind zu Recht Weltmeister geworden.

BZ: Es ging damals zwischen West-Deutschland und Polen um den Einzug ins Finale. Franz Beckenbauer hat später bekannt, dass Sie die bessere Mannschaft hatten und unter regulären Bedingungen möglicherweise gewonnen hätten.
Lato: Niemand weiß, wie es auf einem trockenen Platz ausgegangen wäre. Heutzutage würde ein Spiel bei solchen Verhältnissen nicht angepfiffen. Das war kein Fußball, sondern eine Schlammschlacht.

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BZ: Für Sie als Stürmer muss das ein besonderer Horror gewesen sein.
Lato: Natürlich. Nur Gerd Müller konnte so etwas und hat das einzige Tor gemacht. Ich muss auch zugeben, dass die Deutschen an diesem Tag den besten Mann auf dem Platz hatten. Torwart Sepp Maier hat mich und uns alle mit seinen Paraden fast um den Verstand gebracht.

BZ: Die heutige polnische Nationalmannschaft ist weit von der Stärke der 74er-Elf entfernt. Sie steht auf Platz 65 der Fifa-Weltrangliste, hinter Ländern wie Australien (22.) und Burkina Faso (40.).
Lato: Im Fußball ist alles enger zusammengerückt. Es gibt keine schwachen Mannschaften mehr. Die Zeiten, als Deutschland Australien mit 8:0 abgefertigt hat, sind vorbei. Aber Ihre Frage ist komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint, weil es nicht nur um Sport geht.

BZ: Sondern?
Lato: Polen hat einen radikalen politischen und wirtschaftlichen Systemwechsel hinter sich. Unsere Vereine haben große finanzielle Probleme und können dem eigenen Nachwuchs nicht mehr die Entwicklungsmöglichkeiten bieten wie zu meiner Zeit. Viele junge Menschen geben einer beruflichen Perspektive außerhalb des Fußballs den Vorzug.
BZ: Sie haben fast Ihre gesamte Karriere über für den kleinen Karpatenklub Stahl Mielec gespielt. Das wäre heute undenkbar. Hat das Geld im Fußball die Alleinherrschaft übernommen?
Lato: In gewisser Weise war Mielec unter realsozialistischen Bedingungen auch ein privilegierter Vorzeigeklub. Wir hatten Fußball-Internate für die Jugend und Schulungszentren für die Trainer. Der Verein hielt den Spielern den Rücken frei. Heute ist Polen Mitglied der EU, und die Spieler suchen ihr Glück im Ausland – vor allem in Deutschland. Denken Sie an Lukas Podolski und Miro Klose oder Robert Lewandowski und Kuba Blaszczykowski.
"Polen hat sich in den

vergangenen Jahren

unglaublich zum Positiven

hin verändert."
BZ: Die beiden Letztgenannten spielen für Polen. Am Dienstag treffen sie in Danzig zum Freundschaftsspiel auf Deutschland. Zeit für eine Revanche für 1974?
Lato: Unsere Legionäre helfen uns natürlich, aber es ist noch ein langer Weg, bis Polen wieder das Niveau der 70er Jahre erreichen kann. Die Deutschen haben derzeit eine fantastische Mannschaft. Sie sind ein Vorbild für uns.
BZ: Das Spiel findet in Danzig statt, weil das neue Nationalstadion in Warschau nicht rechtzeitig fertig geworden ist. Als die Danziger Arena Anfang Juni eröffnet werden sollte, war sie ebenfalls nicht fertig. Das Einweihungsspiel musste verlegt werden. Das ist peinlich, oder?
Lato: Nein, es ist bedauerlich, aber mehr auch nicht. In beiden Fällen haben uns ein paar Wochen Bauzeit gefehlt. Am Ende werden hier wie dort fantastische Stadien stehen. Sie werden zu den schönsten Fußball-Arenen Europas gehören.

BZ: Als Ausrichter der EM 2012 haben Sie noch andere, schwerer wiegende Probleme. Im Frühjahr haben Hooligans mit ihren Randalen in polnischen Stadien Angst und Schrecken verbreitet. Premierminister Tusk hat Geisterspiele angeordnet und sogar mit einer Absage des EM-Turniers gedroht. Sind Sie sicher, dass die Euro das versprochene Fußball-Fest wird?
Lato: Ja, das bin ich. Das Hooligan-Problem wird aufgebauscht und überbewertet. Fangewalt gibt es überall in Europa.

BZ: Aber die Euro findet in Polen statt.
Lato: In den Stadien wird es keine Ausschreitungen geben. Die Polizei ist gut vorbereitet, und die Regierung hat inzwischen die Gesetze verschärft.

BZ: Es soll elektronische Fußfesseln zur Kontrolle von Stadionverboten und Schnellverfahren gegen Gewalttäter geben.
Lato: Ja, und außerdem kommen zur EM andere Zuschauer als bei Ligaspielen, wenn sich verfeindete Fanklubs gegenüberstehen. Wer im Sommer 2012 als Gast nach Polen reist, der braucht sich keine Sorgen zu machen.

BZ: Aber vielleicht um die Anreise selbst. Viele zur EM geplante Infrastrukturprojekte kommen nicht voran. Autobahnen werden nicht fertig, Bahnhöfe zu spät eröffnet . . .
Lato: Wir sind ein wenig ins Schlingern geraten. Aber diese Frage müssen Sie an die polnische Regierung richten. Wir als Fußball-Verband haben keinerlei Einfluss auf den Bau von Straßen und Eisenbahnlinien. Im Übrigen werden die wichtigsten Verbindungen fertig sein. Die Autobahn 2 von Berlin nach Warschau wird im Sommer 2012 vielleicht nicht perfekt ausgebaut, aber durchgängig befahrbar sein.

BZ: Sie arbeiten mit der Ukraine als Co-Gastgeber zusammen. Wie funktioniert das?
Lato: Für das, was bei unseren Freunden in der Ukraine passiert, trage ich keine Verantwortung und kann deshalb nichts dazu sagen. Sie haben dort ihre Sorgen, wir haben unsere Probleme.

BZ: Das klingt nicht sehr begeistert.
Lato: Ich kann doch nicht für andere sprechen. Wer 2012 nach Polen kommt, wird ein Fußball-Fest erleben. Polen hat sich in den vergangenen Jahren unglaublich zum Positiven hin verändert und ein gastfreundliches Volk sind wir sowieso.

BZ: Wenn die polnische Nationalmannschaft die Gruppenphase nicht übersteht, könnte es schnell vorbei sein mit der Festtagsstimmung.
Lato (schüttelt heftig den Kopf): Ach, was! Als wir 2007 den Zuschlag für das Turnier bekommen haben, waren die Menschen skeptisch. "Das schaffen wir nie", haben viele gesagt. Inzwischen ist die Vorfreude mit Händen zu greifen. Die Leute staunen über die großartigen Stadien. Als Heimmannschaft haben wir auch gute Chancen, das Viertelfinale zu erreichen. Und danach ist alles möglich.

BZ: Wer wird Europameister?
Lato: Darauf gebe ich erst eine Antwort, wenn die Qualifikation vorbei ist und ich die Gruppenauslosung kenne. Viel hängt davon ab, wer gegen wen spielt und wie mögliche Viertel- und Halbfinalpaarungen aussehen.

So wollen sie spielen:

Polen:
Szczesny, Wasilewski, Perquis, Glowacki, Wawrzyniak, Murawski, Dudka, Blaszykowski, Obranika, Mierzejewski, Lewandowski. Deutschland: Wiese, Träsch, Mertesacker, Boateng, Lahm, Rolfes, Schürrle, Götze, Kroos, Podolski, Klose.

Schiedsrichter: Orsato (Italien).

Autor: Ulrich Krökel