Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
05. Oktober 2011 00:00 Uhr
Nationalmannschaft
Ömer Toprak: In Deutschland ausgebildet – in der Türkei heiß begehrt
Ekici, Torun, Töre – und jetzt auch Ömer Toprak: Fußballer, die in Deutschland ausgebildet wurden, sind in der türkischen Nationalmannschaft heiß begehrt.
FREIBURG. Ömer Toprak, einst Spieler des SC Freiburg und seit dieser Saison für den Fußball-Bundesliga-Konkurrenten Bayer Leverkusen am Ball, hat mit seiner Entscheidung für Aufsehen gesorgt, künftig für die türkische Nationalmannschaft spielen zu wollen. Am Freitag (20.30 Uhr/ARD) könnte er im EM-Qualifikationsspiel in Istanbul sein Debüt für die Türkei geben – ausgerechnet gegen Deutschland.
Als Ömer Toprak im Juni 2009 mit schweren Verbrennungen auf der Intensivstation einer Tübinger Spezialklinik lag, hieß die Frage nicht Deutschland oder Türkei. Für den damals 19-Jährigen ging es nach seinem Kart-Unfall in Umkirch nur darum, ob er wieder ein normales Leben führen und auf den Fußballplatz zurückkehren kann. Fußball-Anhänger in Deutschland und der Türkei nahmen damals Anteil am Schicksal des in Ravensburg geborenen Sohn türkischer Eltern, der nach seiner Genesung im Januar 2010 erstmals wieder für seinen damaligen Klub SC Freiburg auflaufen konnte.Nun steht Toprak, der mit der deutschen U-19-Auswahl vor drei Jahren den EM-Titel gewonnen hat, vor seinem ersten Länderspiel für die Türkei. "Ich weiß, dass ich dem DFB viel zu verdanken habe, aber in meinem tiefsten Inneren fühle ich mich als Türke. Letztlich hat mein Herz entschieden", begründete der mittlerweile 22 Jahre alte Innenverteidiger von Vizemeister Bayer Leverkusen seinen Entschluss, zukünftig den türkischen Halbmond anstatt den Bundesadler auf der Brust tragen zu wollen: "Es war eine schwierige Entscheidung, über die ich lange und sehr intensiv nachgedacht habe. Nach vielen Gesprächen mit meinem engsten Umfeld und der Familie habe ich mich für die Türkei entschieden."
Werbung
Die Begründung Topraks hört sich allerdings auffällig nach der Losung an, die der türkische Nationaltrainer, der Niederländer Guus Hiddink, im Kampf der Verbände um hoffnungsvolle deutsch-türkische Nachwuchskräfte ausgegeben hat. "Es gibt viele Talente in der zweiten oder dritten Generation von Türken, die in Deutschland aufgewachsen sind", sagte Hiddink – und ergänzte: "Ich nehme natürlich Kontakt zu den Spielern auf, rufe an. Ich sage den Jungs: Du musst die Entscheidung treffen, zusammen mit deiner Familie. Du musst auf dein Herz hören."
Hören sollen die jungen Deutsch-Türken aber wohl auch auf die Versprechungen der Türken. Der Verband hat 13 Scouts in Deutschland im Einsatz. Sie sollen die Spieler beobachten und Kontakte zu ihnen knüpfen. So lief es auch bei Toprak, der neben Mehmet Ekici (Werder Bremen), Tunay Torun (Hertha BSC Berlin), Gökhan Töre (Hamburger SV) und Hamit Altintop (Real Madrid, zuvor Bayern München) für das Spiel gegen die deutsche Auswahl nominiert wurde.
Im August fanden dann die entscheidenden Gespräche mit Hiddink, Teammanager Okan Buruk und Europascout Erdal Keser (einst Spieler bei Borussia Dortmund) statt. "Sie haben sich sehr um mich bemüht", sagte Toprak. Schon vor einem Jahr hatten türkische Medien berichtet, dass sich Toprak für die Türkei entschieden habe. Diese Meldungen hatte der Abwehrspieler, der im Fußball-Internat des SC Freiburg ausgebildet wurde, noch dementieren lassen. "Damals war ich noch nicht so weit. Aber mittlerweile bin ich mir sicher, dass dies die richtige Entscheidung ist", äußerte Toprak, der im Sommer mit Trainer Robin Dutt von Freiburg nach Leverkusen gewechselt war. Für Türkei-Kenner Christoph Daum ist die Wahl Topraks, der in Leverkusen auf Anhieb den Sprung in die Stammelf geschafft hat, keine Überraschung. "Das ist keine Entscheidung gegen Deutschland, dies wird oft falsch dargestellt", sagte der frühere Trainer von Besiktas sowie Fenerbahce Istanbul und brachte ebenfalls die Herzensangelegenheit ins Spiel: "Die Spieler geben dem DFB keinen Korb, sie entscheiden sich für ihr Herz."
Für Ömer Toprak mag aber auch eine wichtige Rolle gespielt haben, dass bei Bundestrainer Joachim Löw junge Innenverteidiger wie Mats Hummels (Borussia Dortmund), Holger Badstuber (Bayern München) und Benedikt Höwedes (Schalke 04) in den Vereinen zuletzt bessere und vor allem konstantere Leistungen erbrachten als Toprak.
Autor: sid/gg
