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21. März 2017

Fußball

Englands Nationalcoach Gareth Southgate polarisiert die Szene

Englands Nationalcoach Gareth Southgate polarisiert die Szene.

  1. Markige Worte: Gareth Southgate Foto: dpa

DORTMUND (sid). Die englische Fußball-Nationalmannschaft ist seit 1966 chronisch erfolglos. Und mit ihr die jeweiligen Trainer. Neuerdings arbeitet sich Gareth Southgate an den Three Lions ab.

The Football Association (FA) ist ein stolzer Verband, genau genommen der älteste der Welt für die populärste Sportart der Welt. Gegründet bereits am 26. Oktober 1863, Präsident ist seit 2006 der künftige König von England, Prinz William. Viel Tradition also, dazu ein bisschen royaler Glanz – allerdings: sportlich hat das dem Mutterland des Fußballs wenig gebracht. Weltmeister 1966, das war es dann auch.

Vielleicht liegt es auch daran, dass es in der FA auch Tradition hat, keinen anständigen Nationaltrainer zu finden, oder Teammanager, wie es auf der Insel heißt. Zuletzt versuchten sich in diesem wenig erstrebenswert erscheinenden Amt unter anderem: ein Lebemann aus Schweden (Sven-Göran Eriksson), ein "Trottel mit einem Regenschirm" (Steve McClaren), ein knurriger Italiener (Fabio Capello) und zuletzt ein Engländer, Sam Allardyce, der schon nach 68 Tagen wegen Untragbarkeit entlassen werden musste.

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Jetzt, seit November 2016, also Gareth Southgate. 57 Länderspiele für England. In Deutschland bekannt, weil er im EM-Halbfinale 1996 im Elfmeterschießen an Andreas Köpke scheiterte. Ein Mann, der so gar nicht zum Selbstverständnis der FA passt. Southgate hatte keine Erfolge als Trainer vorzuweisen, auch nicht bei der englischen U21. Er riss sich auch nicht gerade um den Job, genau genommen lehnte der frühere Abwehrspieler ihn gleich zweimal ab.

Im vergangenen Juni bot die FA Southgate zum ersten Mal den Posten an: England war unter Hodgson gerade bei der EM in Frankreich im Achtelfinale an Island gescheitert. Southgate wollte nicht, der Verband nahm Allardyce. Der aber musste rasch wieder entsorgt werden, weil ihn verdeckt arbeitende Reporter des Daily Telegraph unter anderem dazu verleitet hatten, Hodgson und ein paar Nationalspieler zu verunglimpfen.

Southgate fand den Job zunächst erneut nicht erstrebenswert und sagte erst mal interimsmäßig für vier Spiele zu. Irgendwann aber hatte ihn die FA weichgeklopft – es gab keine Alternativ-Kandidaten mehr. Southgate hatte bis dahin nur einmal einen Klub trainiert: Im Sommer 2006 wurde er beim FC Middlesbrough Nachfolger des zum Nationalcoach berufenen McClaren.

Frühere Weggefährten haben Southgate oft als geborenen Trainer beschrieben. Er galt als intelligenter Spieler, idealer Anführer, war schon als 22-Jähriger Kapitän bei seinem ersten Profiverein Crystal Palace in London, danach auch bei Aston Villa in Birmingham und eben "Boro". Als er dort zum Teammanager ernannt wurde, besaß er kein Trainerdiplom – und scheiterte schließlich mit seinem Versuch, aus dem Team eine spielstarke Billigversion des FC Arsenal zu machen.

Southgate stieg mit Middlesbrough 2009 ab, wurde aber erst nach ein paar Zweitligaspielen entlassen. Anschließend arbeitete er als TV-Kommentator und Zeitungskolumnist, ehe ihm die FA 2013 die U21 übertrug. Großen Erfolg hatte er auch dort nicht. Einigen gilt er als viel zu nett, einigen als ahnungslos. Wie auch immer: Die Spiele gegen Deutschland und vier Tage später in der WM-Qualifikation gegen Litauen sind seine Ersten als Cheftrainer der Three Lions.

Vor der Reise nach Dortmund hat Southgate England schon mal mit flotten Bemerkungen aufgeschreckt. "Ich denke", sagte er, "dass wir unsere Horizonte erweitern müssen", bislang dächten die Spieler ja, "dass wir der Mittelpunkt der Erde sind – aber wir sind es nicht." Über den Tellerrand hinausschauen, das müsse sein, so Southgate: "Eine Insel zu sein, hat uns 1945 geholfen, aber ich bin nicht so sicher, ob es uns seitdem geholfen hat."

Autor: sid