Luka Modric

108 überflüssige Zeilen zum "hässlichen" Klavierschlepper

Toni Nachbar

Von Toni Nachbar

So, 15. Juli 2018 um 16:07 Uhr

Fußball-WM

Der Sonntag Klemens Harten bach, Sportdirektor des SC Freiburg, sagte am Donnerstagmorgen: "Wenn ich einen großen Wunsch frei hätte, dann würde Luka Modric beim Sportclub spielen."

Zeitgleich veröffentlichte Zeit online eine Hymne auf den kroatischen Mittelfeld-Dirigenten mit dem Seufzer: "Man müsste ihn Luka Spielvic nennen." "Professor des Spiels" rühmen ihn italienische Kommentatoren. So behauptete es am Sonntag die Ehefrau eines hiesigen Restaurantbesitzers gegenüber ihren zu Abend essenden Gästen, um mit Bedauern hinzuzufügen: "Wenn er nur nicht so hässlich wäre."

Ein unergründliches Drehbuch wollte es, dass bei der WM in Russland die Stars wie Cristiano Ronaldo oder Messi die Bühne räumten für einen, der Jahre lang in ihrem Schatten stand. In Moskau, Nishni Nowgorod und Sotschi hingegen geriet der kroatische Zehner Luka Modric ins gleißende Rampenlicht.

Nähert man sich dem 32-Jährigen aus Zadar, sollte man die Lyrik vermeiden, die den Ronaldos, Messis und Neymars hinterher geworfen wird. Prosa reicht, denn Luka Modric hat in Russland nicht geglänzt.

Am ehrwürdigsten behält man die WM-Bilder von ihm in Erinnerung, die oft zu sehen waren, wenn das Spiel nicht lief. Da stand der Kapitän der Kroaten irgendwo gebeugt auf dem Platz und stützte seine Hände auf die Knie. Nach den letzten Kraftreserven suchend, und man darf annehmen, dass er sie nicht mehr in seinem erschöpften Körper fand.

Jenes Trainer-Bonmot "Eine gute Mannschaft hat einen genialen Klavierspieler und neun, die das Klavier tragen" anwendend, kann man von den Kroaten 2018 nichts Schöneres behaupten als letztlich dies: Ihr virtuoser Künstler ist während dieser WM der eifrigste Schlepper gewesen. So hat der kleine und schmächtige Luka Modric seine Mannschaft durch die nicht mehr enden wollenden epischen Matches gegen Dänemark, Russland und England geführt.

Der anspruchsvollsten Position im Fußball – Spiellenker im zentralen Mittelfeld – hat er bereits zuvor ein Jahrzehnt lang ein Denkmal gesetzt.

Kein Herz darf daran zerbrechen, wenn dieser kleine Fußballer mit der Frisur aus den 80er Jahren, ohne Bart und Tattoos nicht Weltmeister wird. Vier Mal Champions-League-Sieger mit Real Madrid und WM-Finalist in Moskau – Luka Modric hat damit genauso viel erreicht wie die Fußball-Legende Johan Cruyff, mit der er in seinen jüngeren Jahren oft verglichen wurde. Den bitterarmen Flüchtlingsjungen hat der Fußball zum Millionär gemacht, aber auch den Verführungen der Gegenwart ausgesetzt.

Verdacht auf Steuerhinterziehung und Meineid belasten den beliebtesten Sportler Kroatiens und den nun meistgetippten Weltfußballer 2018. So widersprüchlich reich ist nur das Leben: Man kann mit einem Bein Weltmeister sein und mit dem anderen im Gefängnis.