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10. Juni 2010 08:02 Uhr
Interview
Cacau: "Dieser Pokal passt irgendwie zu mir"
Religiosität, das 4-2-3-1-System und die Chance, gegen Australien in der Startelf zu sein: Kurz vor dem WM-Auftakt stellte sich der deutsche Angreifer Cacau den Fragen der Badischen Zeitung.
Cacau hat einen Lauf. Der deutsche Stürmer brasilianischer Herkunft hat beim VfB Stuttgart eine sensationelle Rückrunde gespielt. Er ist als einer der Streichkandidaten in die WM-Vorbereitung für Südafrika gestartet und hat sie als Gewinner beendet. Martina Philipp sprach mit dem 29-Jährigen darüber, was er an diesem Morgen in der Bibel gelesen hat und wie er Bundestrainer Joachim Löw davon überzeugen will, ihn im ersten WM-Spiel am Sonntag (20.30 Uhr/ZDF) gegen Australien von Beginn an einzusetzen.
BZ: Herr Cacau, haben Sie heute schon in der Bibel gelesen?Cacau: Ja. Das ist das, was mir Kraft, Hoffnung, Zuversicht und Freude gibt. Und das versuche ich auch, auf dem Platz zu zeigen.
BZ: Worum ging es in der heutigen Bibelstelle?
Cacau: Es ging darum, Gott zu dienen und für ihn zu leben.
BZ: Manchmal geht es in der Bibel auch um Gerechtigkeit. Würden Sie zustimmen, dass Gott, wenn er gerecht wäre, dafür sorgen müsste, dass Sie am Sonntag in der Startelf aufgestellt werden und nicht Miroslav Klose, der noch nicht in seine Form gefunden hat?
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BZ: Laut einer Umfrage der Bild-Zeitung würden zwei Drittel der Fans Sie aufstellen und nicht Miroslav Klose. Hat Sie das gefreut?
Cacau: Ja, weil das natürlich eine Bestätigung meiner Leistung ist. Ich kann mir davon aber nichts kaufen, ich muss weiterhin gut trainieren. Letztendlich wird der Trainer entscheiden.
BZ: Was spricht denn für Miroslav Klose?
Cacau: Er ist schon lange dabei, er hat viel geleistet. Mich wundert, wie vorbildlich er sich immer einsetzt, wie er kämpft, er ist sehr erfahren und hat schon viel erlebt. Das muss ich mir erst erarbeiten.
BZ: Man hat den Eindruck, dass Sie in der Form Ihres Lebens sind. Sie auch?
Cacau: Ich habe mich sehr gut entwickelt in jüngster Zeit, im Moment ist einfach der Schwung da, diese Freude und das möchte ich mit in die Weltmeisterschaft nehmen. So stelle ich mir vor, Fußball zu spielen.
BZ: Sie haben mal gesagt, Sie seien kein Stürmer, der nur vorne rumsteht. Sondern?
Cacau: Ich bin immer in Bewegung, ich denke, das ist meine Stärke. Ich will so oft wie möglich an den Ball kommen, allein damit ich das Gefühl habe, dabeizusein.
BZ: Wie sehen Sie sich in dem System 4-2-3-1 mit nur einem Stürmer?
Cacau: Das gefällt mir auch, weil ich sowohl vorne agieren kann als auch von weiter hinten Impulse setzen kann. Ich muss nicht unbedingt vorne bleiben, weil es immer Unterstützung von außen und von hinten gibt. Das Spiel, das der Trainer pflegt, ist sehr beweglich.
BZ: Das haben Sie in den Testspielen während der Vorbereitung deutlich gezeigt.
Cacau: Ich möchte das so oft wie möglich zeigen. Ich kann nicht fordern, dass ich spielen muss, aber ich kann meine Leistung so bringen, dass der Trainer mich auswählt. Wenn ich von Anfang spielen kann, dann würde ich mich freuen. Wenn er sagt ’Cacau wird erst später eingesetzt’, dann werde ich versuchen, mein Bestes zu geben, damit ich beim nächsten Spiel von Anfang an spielen kann.
BZ: Sie sehen hier in Südafrika viel Armut. Fühlen Sie sich dabei an Ihre Kindheit in Brasilien erinnert?
Cacau: Ich muss ehrlich sagen, ich fühle mich hier wie zu Hause – wenn ich sehe, wie einfach die Leute hier leben und wie sie sich über Kleinigkeiten freuen. Natürlich kommen viele Erinnerungen hoch, viele gute. Für jemanden, der das hier noch nicht erlebt hat, sieht das nach Armut und Leid aus, aber für diese Menschen oder auch für uns damals ist und war es so, dass man mit wenig zurecht kommt und sich trotzdem freuen kann. So komisch das klingt: Wir können daraus etwas lernen.
Cacau: Sagen wir es mal so: Wir aus der westlichen und wohlhabenden Welt haben eine Vorstellung davon, was Zufriedenheit angeht. Wir denken, dass Glück bedeutet, ein iPhone, einen Fernseher und ein schönes Zuhause mit Sauna zu besitzen. Aber das Leben ist viel mehr als das. Ich habe die andere Seite schon gesehen und ich kann bestätigen, dass Glück nicht bedeutet, alles zu haben, sondern zufrieden damit zu sein, was man hat.
BZ: Haben Sie in Brasilien gelebt wie viele Menschen hier in Townships? In Wellblechhütten?
Cacau: Nein, wir haben schon in einem Haus gewohnt. Das war ein Dorf mit 92 Häusern, die alle gleich aussahen. Dort waren wir die Ärmsten, aber das war nicht so schlimm wie hier.
BZ: Hatten Sie immer genug zu essen?
Cacau: Es gab schon Tage, an denen es nicht gereicht hat, auch wenn uns viele Leute unterstützt haben.
BZ: Dann muss Ihnen das Fünf-Sterne-Hotel hier mit all seinem Luxus ganz komisch vorkommen?
Cacau: Nein, es ist einfach hervorragend, ich genieße das. Mich wundert, wie schlecht über das Quartier in Deutschland berichtet wurde. Dort hieß es, dass dies nicht funktioniert und jenes nicht stimmt. Da muss ich mich fragen: Was ist gut, wenn das schlecht ist?
BZ: Südafrika ist – 16 Jahre nach Ende des Apartheid-Regimes – noch deutlich spürbar von der Spannung zwischen der schwarzen und der weißen Bevölkerung geprägt.
Cacau: Sicher liegt das daran, dass 16 Jahre keine lange Zeit ist. Das ist gar nichts. Das wird noch eine Weile dauern, bis sich alles in unseren Augen normalisiert hat. Und ich hoffe, dass diese WM dazu beiträgt.
BZ: Haben Sie jemals wegen ihrer Hautfarbe in Deutschland schlechte Erfahrungen gemacht?
Cacau: Nein.
BZ: Wirklich nicht?
Cacau: Nein, wirklich nicht. Wenn, dann ist mir das eher in Brasilien begegnet. Ich war arm – und auch noch schwarz.
Cacau: Es war ein langer, spannender und sehr harter Weg.
BZ: Was haben Sie in Deutschland gelernt, was Sie noch nicht kannten? Sagen Sie jetzt bitte nicht Ordnung, Disziplin und Pünktlichkeit!
Cacau (lacht): Was kann man sonst in Deutschland lernen? Natürlich habe ich das gelernt. Es gibt niemand der das besser kann als die Deutschen, und das ist überhaupt nicht negativ, sondern positiv gemeint. Für mich ist es wichtig, eine Mischung finden. Zuvor kannte ich nur Spontanität, Lockerheit und jetzt kenne ich auch Ordnung, Disziplin und Pünktlichkeit. Wenn man beides mischen kann, dann kommt etwas Gutes dabei heraus.
BZ: Bei der Europameisterschaft 2008 hat Teammanager Oliver Bierhoff die Kopie eines EM-Pokal so aufgestellt, dass jeder Spieler und Trainer täglich daran vorbei laufen musste – zur Motivationssteigerung. Gibt es so etwas dieses Mal auch wieder?
Cacau: Nein, wir haben so etwas nicht. Ich kann nur für mich sagen: Jedes Mal, wenn ich im Fernsehen oder in der Zeitung den WM-Pokal sehe, dann denke ich: Dieser Pokal passt irgendwie zu mir.
Autor: phi


