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04. Dezember 2010

Die zornigen Briten

Das Mutterland des Fußballs kann es nicht verstehen, von der Fifa abgewatscht worden zu sein.

  1. Ein Gesicht, das alles sagt: Dieser weibliche Fan aus England kann seine Enttäuschung über das Abstimmungsergebnis nicht verbergen. Foto: afp

LONDON. "Betrogen" fühlten sich am Freitag die Fußball-Fans Englands. In einem "abgekarteten Spiel" seien sie um die Austragung der Fußball-WM 2018 gebracht worden. Von "Schwindel", "Lügen" und "üblen Absprachen" tönten gestern die Frontseiten der Londoner Boulevardblätter (siehe Pressestimmen). Die "Sun" fand, dass die Sache "zum Himmel stinkt". Selbst seriöse Zeitungen, wie der "Independent", berichteten von Befürchtungen im englischen Lager, es sei "foul play" im Spiel gewesen, bei der Entscheidung des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa).

Die bittere Enttäuschung war begreiflich. Am Ende hatten viele Leute in England doch geglaubt, dass ein Zuschlag für ihr Land im Bereich des Möglichen lag. Umso größer war der Schock, dass es außer der englischen Stimme im noch 22-köpfigen Fifa-Exekutivkomitee nur eine einzige andere für England gegeben hatte. Frustration über eigene unzureichende Bemühungen und regelrechter Zorn über die "Machenschaften" der Fifa halten sich seither die Waage, beim bedrückten Blick zurück auf die Niederlage.

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"Wir haben keinen Platini und keinen Beckenbauer."

Englands Bewerbungs-Chef Anson
Zum einen räumen auch englische Beobachter ein, dass die WM-Bewerbung Englands über lange Zeit von internen Streit begleitet war – und dass England in der Fifa selbst eher am Rande steht. "Wir haben keinen Platini und wir haben keinen Beckenbauer", zog Englands Bewerbungs-Chef Andy Anson sein Resümee. "Aber wir integrieren uns auch nicht richtig in die internationale Gemeinschaft. Das ist von Anfang an ein Problem gewesen."

Zum anderen bezichtigt man Fifa-Delegierte wie den Vizepräsidenten John Warner "glatter Lügen" gegenüber hohen England-Repräsentanten wie Premierminister David Cameron. Die Fifa-Leute hätten Cameron und andere prominente Mitglieder der England-Bewerbungsgruppe bewusst irregeführt, hieß es im englischen Lager. Sie hätten die Qualität der einzelnen Bewerbungen ignoriert und ihre Entscheidungen auf ganz und gar nebulöser Basis getroffen. Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson forderte umfassende Veränderungen für die Fußball-Organisation. "In ihrer jetzigen Form kann die Fifa nicht weiter machen", sagte Johnson. Die Fifa sei eine "Oligarchie", deren "Tage gezählt sind". Johnson gab auch britischen Medienberichten Schuld am Scheitern der englischen Bewerbung. Die Korruptionsstorys der Sunday Times im Oktober und eines Panorama-Programms der BBC drei Tage vor der Abstimmung hätten ganz offensichtlich zu einer Gegenreaktion bei den Fifa-Delegierten geführt. "Geholfen" hätten diese Berichte jedenfalls nicht, meinte Premier-League-Generalsekretär Richard Scudamore. Fifa-Präsident Sepp Blatter hatte offenbar vor der Abstimmung am Donnerstag in der Runde der Exekutivmitglieder die britischen Medienberichte ausdrücklich angesprochen. Bewerbungschef Anson, der Wortführer Englands in Zürich, zitierte gestern Fifa-Mitglieder mit den Worten, die Attacken auf ihre Kollegen hätten die England-Bewerbung "gekillt".

Dabei müssten die britischen Journalisten der Sunday Times und der BBC doch eigentlich geadelt statt getadelt werden. Denn sie waren mutig genug, über Korruptionsfälle bei der Fifa im Vorfeld der WM-Vergabe zu berichten.

Autor: Peter Nonnenmacher