Dunkle Schatten über der Wüsten-WM

dpa

Von dpa

Mo, 16. Juli 2018

Fußball-WM

Die Weltmeisterschaft 2022 in Katar soll im Winter über die Bühne gehen / Wie viele Teams teilnehmen ist noch unklar.

MOSKAU (dpa). Auf das nächste sommerliche WM-Fest müssen Fußball-Fans in Deutschland acht Jahre lang warten. Nicht nur das Motto Glühwein statt Grill bremst die Vorfreude auf die umstrittene Wüsten-WM 2022 in Katar, wo der neue Titelträger erstmals im Dezember gekürt wird. Der politisch in der Region weitgehend isolierte Gastgeber gerät zudem nach dem Vorstoß von Fifa-Präsident Gianni Infantino zur möglichen Ausweitung des Teilnehmerfelds immer mehr unter Druck. Derzeit ist nicht einmal sicher, mit wie vielen Teams gespielt wird – und ob das Emirat der einzige Ausrichter bleibt.

"Wir haben keine Zweifel, dass zahlreiche Fans auch aus Europa nach Katar kommen werden", sagte Vize-Organisationschef Nassir al-Chatir am Rand der WM in Russland zu allen Bedenken. Das erste Weltturnier in der arabischen Welt werde "die Neugier eines jeden Fans wecken".

Das Konzept verspricht ein außergewöhnliches Turnier: Vier Stadien befinden sich in Doha, vier Arenen sollen maximal 35 Kilometer von der Hauptstadt entfernt sein. Mit schwimmenden Hotels will das 2,7 Millionen-Einwohner-Land den Ansturm aus aller Welt bewältigen. Durch die historisch einmalige Verlegung auf den Termin kurz vor Weihnachten werden die Temperaturen erträglich sein. Doch das macht eine Änderung des Spielkalenders notwendig, auch die Bundesliga muss länger als gewohnt pausieren.

Da macht der Werbespruch der Organisatoren Sinn. Es werde eine "einzigartige und ganz andere WM als jemals zuvor", versprechen die Kataris bei ihrer Ausstellung im Moskauer Gorki-Park. Bislang unerreicht sind auch die Querelen für den Gastgeber: Wie Russland erhielt Katar die WM vor acht Jahren unter dubiosen Umständen, wie Russland erntet das Emirat Kritik von Menschenrechtsorganisationen. Darüber hinaus hängt der Konflikt mit den Nachbarstaaten wie ein dunkler Schatten über den Vorbereitungen. Seit mehr als einem Jahr währt die Blockade durch Saudi-Arabien, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten bereits. Die vier Länder werfen Katar die Unterstützung von Terrorismus vor. Fast schon zynisch wirkt da der Vorschlag von Fifa-Chef Infantino, das Emirat könne doch mit seinen Nachbarn über eine Co-Gastgeberschaft sprechen, sollte die Teilnehmerzahl von 32 auf 48 Teams erhöht werden. "Die Tür ist leicht geöffnet, und wir werden sehen, wie es von hier aus weitergeht", sagte Infantino.

Die Debatte über die mögliche Aufstockung wird mit Finalabpfiff in Moskau weiter an Fahrt aufnehmen. "Wir werden über eine Entscheidung mit der Fifa diskutieren", sagte Organisationschef Hassan al-Thawadi am Final-Wochenende. "Bislang jedoch haben wir uns darauf vorbereitet, ein Turnier mit 32 Teams auszurichten, bis diese Frage geklärt ist."

Grundsätzlich zeigt sich Katar bereit, das Teilnehmerfeld auszuweiten. Allerdings vorerst nur für den Fall, dass in den acht geplanten Stadien gespielt wird. Russlands WM-Cheforganisator sieht die Pläne skeptisch. "Es ist wichtig, dass wir zuerst auf Katar hören, was das Land meint. Sie haben sich vorbereitet auf 32 Teams, ihre Infrastruktur ist ausgelegt auf 32 Teams", sagte Alexej Sorokin. Für die Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen wurde Katar stark kritisiert, zuletzt sahen Organisationen aber Fortschritte. Und auch die gesamte Menschenrechtslage hat sich durch die Golfkrise aus Sicht von Experten nicht verschlechtert. "Katar hätte angesichts der politischen Krise in Autoritarismus zurückfallen können", sagte Belkis Wille, Katar-Expertin bei Human Rights Watch, Anfang 2018. "Stattdessen begegnete die Regierung den massiven Problemen in den Beziehungen zu ihren Nachbarstaaten, indem sie die Messlatte für Menschenrechtsstandards in der Golf-Region höher legte." Organisatorisch könnte die zu erreichende Marke für Katar ebenfalls kaum höher liegen – Infantino stellte Russland zum Abschied das Prädikat "beste WM aller Zeiten" aus.