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06. Juli 2010 12:46 Uhr
Essay
Fußball und Politik: Die bunte Republik auf dem Platz
"Bananenrepulik und Gurkentruppe" – vor zweieinhalb Jahrzehnten hat dieser Buchtitel für Furore gesorgt. Doch was ist aus der These geworden, dass der Fußball der Nationalmannschaft die Kanzlerpolitik widerspiegelt?
Ach, ist das herrlich. Jogis Jungs zuzusehen, wie sie Fußball spielen, kann bei dieser Weltmeisterschaft noch jeden Ästheten befriedigen. Schon wieder vier Tore und eines schöner als das andere! Vorbereitet und vollendet in fast perfekter Manier. Geschlossen wie ein gutes Orchester agieren sie, dirigiert von einem Trainer mit dem Sinn für das Große und Ganze, vorangetrieben auf dem Feld von einem, der weiß, wie man die erste Geige spielt.
Doch halt, meldet sich da eine kritische Stimme im Hinterkopf des Kulturmenschen, kann das denn eigentlich sein? Gibt es da nicht unter Fußball-Interpretatoren jene These, dass in Zeiten gesellschaftlichen Stillstands auch der Ball nicht richtig rollt? Einfacher gesagt: dass in Zeiten schlechter Politik schlecht gespielt wird? Oder noch simpler: Dass unter einem schwachen Kanzler schwach gekickt wird?
Norbert Seitz hat diese These vor zweieinhalb Jahrzehnten aufgestellt. 1987, als junger Politologe, veröffentlichte er sein Buch "Bananenrepulik und Gurkentruppe". Es war das fünfte Jahr nach dem Sturz des Kanzlers Helmut Schmidt, es war das Jahr nachdem die Deutschen zum zweiten Mal in Folge das Finale einer WM verloren hatten – 1982 gegen Italien, 1986 gegen Argentinien. Seitz gefiel weder der Fußball unter Jupp Derwall und Franz Beckenbauer noch die Politik unter Helmut Kohl. Er gab der Bananenrepublik die Schuld an der Gurkentruppe.
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Wie so einige Theoretiker auf der linken Außenbahn schwärmte er stattdessen von jener Nationalmannschaft, die 1972 Europameister geworden war. Und von deren Regisseur Günter Netzer und seinen Traumpässen. Die hätten genauso wie Bundeskanzler Willy Brandts Ostpolitik den Raum geöffnet. Reformvisionen und Ballästhetik seien damals Hand in Hand gegangen.
Die Parallele zwischen Politik und Fußball lässt sich auch bei anderen Nationalmannschaften ziehen. Dass die Weltmeister von 1954 das Nachkriegsdeutschland verkörperten, ist keine Frage. Die harte Fußball-Arbeit, die sie am liebsten bei Fritz-Walter-Wetter verrichteten, sprich bei Regen und auf tiefem Boden, glich dem Aufbau des Landes aus den Ruinen des Zweiten Weltkriegs. Und einige Zeit nach dem Erfolg in Bern wurde Deutschland auch Export-Weltmeister. Wir waren wieder wer.
1990 hatten Politik und Fußball wieder eine Hoch-Zeit miteinander: Im Jahr der Wiedervereinigung von BRD und DDR, parallel zu Helmut Kohls Höhenflug, wurde Beckenbauers Elf Weltmeister, und der Bundestrainer erklärte Deutschland für auf Jahre hinweg unbesiegbar, so leid es ihm auch für die anderen tat. Doch statt blühender Landschaften kam die Mühsal mit Solidaritätszuschlag. Und Deutschland schied zweimal hintereinander im WM-Viertelfinale aus.
2006 wurden dann allerdings die Früchte der Wiedervereinigung geerntet. Mit Angela Merkel war eine Ostdeutsche Kanzlerin der großen Koalition geworden, mit Michael Ballack führte ein Ostdeutscher die gesamtdeutsche Nationalmannschaft zum Sieg im kleinen Finale, der sich anfühlte wie ein Sieg im großen Finale.
Sie sind augenfällig, die Parallelen zwischen der großen Politik und dem nationalen Fußball. Auch wenn man nicht für jede WM der vergangenen Jahrzehnte ganz starke Argumente finden kann. Die WM dieses Jahr allerdings scheint die These von der "nahtlosen Übereinstimmung" (Seitz) auszuhebeln. Da ist auf der einen Seite eine Nationalmannschaft, die in Südafrika modernen und schnellen Team-Fußball spielt. Da ist auf der anderen Seite eine Regierungskoalition in Berlin, in der jeder für sich spielt und alle schimpfen, weil die anderen nie zu ihnen passen. In Jogi Löws Elf vermisst niemand den verletzten Leitwolf, in Merkels Regierungsmannschaft rufen alle nach einem Machtwort.
Vielleicht muss man die These von Norbert Seitz etwas anders fassen. Bei ihm hatte sie etwas vom guten alten Schema von Basis und Überbau, das Karl Marx eingeführt hatte. Da sind wir in der Theorie ja längst weiter. Mit dem Soziologen Niklas Luhmann gesprochen besteht die Gesellschaft aus Teilsystemen, die jedes für sich funktionieren. Und da kann eines schon mal fortschrittlicher sein als das andere.
Vielleicht sitzen mit Ballack und Merkel die Auslaufmodelle auf der Tribüne. Und die Zukunft findet auf dem Platz statt – und auf Schloss Bellevue. Hatte nicht der neu gewählte Bundespräsident Christian Wulff zwei Tage vor dem Sieg über Argentinien eine "bunte Republik" ausgerufen? Und von jener Mischung aus "urdeutscher Disziplin und türkischem Dribbling" gesprochen, die – um einige andere nichtdeutsche Faktoren noch ergänzt – die Stärke von Joachim Löws Multikulti-Elf ausmacht? Was der Fußball vormacht, könnte ja die Politik nachmachen. Man könnte die Parallelen noch fortspinnen. Ist nicht Jogi Löw noch immer der Torschützenkönig des SC Freiburg? Mit 81 Treffern, die er hier von 1978 bis 1989 erzielte? Und ist nicht Freiburg die erste deutsche Großstadt, in der Schwarz-Grün regiert?
Nun gut, keine Parteipolitik. Was der Ästhet sich nur wünscht: Dass sich Merkel und Westerwelle vielleicht Schweinsteiger und Özil ein wenig zum Vorbild nehmen. Nicht dass doch wieder die Politik auf den Fußball abfärbt, und wir 2014 wie die Franzosen, Italiener oder Engländer enden. Jetzt aber sollte erst einmal Christian Wulff nach Südafrika fahren – zum Finale am Sonntag.
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Autor: Thomas Steiner


