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06. Juli 2010 12:56 Uhr

Vor dem Halbfinale

Unnützes Gegnerwissen über... Spanien

Wie viele Schüsse hat Spanien im bisherigen WM-Verlauf auf des Gegners Kasten gebracht? Wie hat Katalonien gegen Argentinien gespielt? Und was hat der deutsche Halbfinalgegner mit einem Kinderspiel zu tun?

Viva Catalunya

Weltmeisterschaften sind für Fußballfreunde im Grunde unverschämte Antagonismen. Sie zwingen einen BVB-Fan, dem Schalker Manuel Neuer zuzujubeln, und nötigen dem Bayernhasser Respekt vor Schweini ab (jedenfalls seinen Aktionen fernab der Mikrofone). Nirgendwo wird der Fußballfreund aber einer innigeren Identitätsverwirrung unterworfen als in Spanien. Ein Real-Anhänger soll die acht Barca-Spieler im Team anfeuern? Ein Katalane diesmal über die Ungeschicker von Iker Casillas nicht losprusten? Im Zweifelsfall findet der Katalane immerhin noch Trost bei seinem von Johan Cruyff trainierten "Nationalteam". Dem gehören die aktuellen WM-Kräfte Valdés, Capdevila, Piqué, Puyol, Xavi, Busquets, Fabregas und Iniesta an. Und die haben zuletzt Maradonas Argentinier mit 4:2 geschultert.

Zielwasserknappheit

Manche meinen, die Malaise mit den vielen ereignisreduzierten WM-Spielen habe mit der Doppel-Sechs begonnen. Braucht eine gute Abwehrkette tatsächlich eine doppelte Vorab-Sicherung? No gracias, sagt jetzt – ausgerechnet auf dem arabischen CNN-Umdribbler al-Dschasira – Luis Aragonés. Dem alten Grantler und Thierry-Henry-Beschimpfer genügte ein Sechser (Marcos Senna), um 2008 die Versetzung zum Europameister zu schaffen. Sein Nachfolger Vicente del Bosque stellt lieber zwei Mann (Busquets, Xabi Alonso) auf Position 6 und opfert dafür einen Stürmer. Resultat: Auf dem langen Weg nach vorn verbrauchen alle Spanier außer David Villa zuviel Zielwasser. Bei 90 Schüssen im bisherigen Turnier gelangen ihnen nur sechs Hütten.

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Zaubertrankreichtum

Jogis Jungs, mit mehr Tempo gesegnet, gaben bisher 79 Torschüsse ab – und trafen 13 Mal.

Takatuka? Titicaca? Tiqui-taca!

Der deutsche Journalismus hat dem Fußball so kernige Begriffe wie Arschkarte, Gurkentruppe oder Rumpelfüßler geschenkt. Die Bild-Zeitung bejubelte das inspirierte Spiel der deutschen Nationalelf 1972ff gar als "Rambazamba", was wohl nach der teutonischen Variante eines brasilianischen Balltanzes klingen sollte. Die Gegenwart huldigt dagegen Spaniens Lust, sich die Kugel mit nur einem Kontakt hin- und herzupassen, als "Tiqui-Taca". Das war ursprünglich ein Kinderspiel, bei dem man zwei an Schnüren befestigte Kugeln gegeneinander klackern lässt. Bei dieser WM nun lässt Spanien es gehörig klackern: In punkto Anzahl der Pässe (2797 – Deutschland: 2031) , Angriffe (84 – D: 68) und Ecken (41 – D: 26) führt es haushoch vor dem Rest der Welt. Allerdings wird der Weltmeister nach keinem dieser Kriterien ermittelt.

Keine Furie mehr!

Ob nun Tiki oder Taka: Der neue Erfolg der "stolzen Iberer" (zwei Worte, die hierzulande zwanghaft zusammengehören) ist mal wieder in ihrem Namen begründet. Seit 1920 galt das Nationalteam als "la furia roja". Das klingt animalisch, blind, sinnlos, und es führte die rote Bestie nie ins WM-Halbfinale. Erst seit die Spieler unter Aragones und Del Bosque nur noch von "la selección" sprechen, spielen sie furios. Dafür sind sie zahm wie nie: Kein WM-Team hat mehr Fouls erlitten (97 – Deutschland: 61), keines außer Nordkorea weniger Gelbe Karten kassiert (3 – D: 8). Damit ist ihnen der Fairplay-Pokal fast schon sicher. Den WM-Pokal können sie also getrost ihrem Mittwochsgegner überlassen.

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Autor: Toni Klein