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05. Juni 2010
Von wegen 90 Minuten
Was die Statistik über die anstehende Fußball-Weltmeisterschaft schon jetzt verrät / .
b Deutschland Weltmeister wird? Selbstverständlich – aber garantieren können wir es auch nicht. Die paar Dinge, die uns die Statistik mit Sicherheit über die anstehende Fußball-WM verrät, haben wir ihnen aber schon einmal zusammengetragen.
ODauert ein Spiel
tatsächlich 90 Minuten?
Zumindest nicht für den Ball. Der rollt nämlich im Schnitt nur 55 Minuten, wie der Trainingswissenschaftler Martin Lames von der Universität Augsburg berechnet hat. Er hat die Unterbrechungen der 16 Spiele in der Endrunde der letzten WM gezählt. Insgesamt waren es 1686, das sind im Schnitt 117 Zäsuren pro Spiel. "Alleine die durchschnittlich 39,2 Freistöße verursachen insgesamt knapp 14 Minuten Unterbrechung", erklärt Lames. Die Nettospielzeit sei 35 Minuten kürzer. Ziel der Analyse war es herauszufinden, wie fit ein Spieler sein sollte, um die Anforderungen zu erfüllen. Ein Spieler läuft pro Spiel rund zwölf Kilometer. In 90 Minuten bringt das kaum einen Freizeit-Jogger zum Schnaufen. Dieses Pensum in den 55 Minuten reiner Spielzeit kombiniert mit vielen Sprinteinlagen zu absolvieren, ist eine deutlich höhere Belastung. Lames stellte noch einen anderen Zusammenhang fest: "Besonders die Torhüter zeigen ein ausgeprägtes Zeitgefühl", berichtet er. "Während ein Abstoß bei Rückstand in der letzten Viertelstunde gerade mal zwölf Sekunden beansprucht, findet man bei Vorsprung etwa den doppelten Wert." Ähnliches gilt für Einwürfe, an deren Dauer man theoretisch während des gesamten Spiels ablesen könne, ob die einwerfende Mannschaft in Führung liegt oder nicht. Und: Sobald der Schiedsrichter den Arzt aufs Feld winkt, hat der Fernsehzuschauer im Schnitt 66 Sekunden Zeit für den Gang zur Toilette oder zum Bierkasten.
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Was ist der beste
Weg zum Tor?
Der unbeabsichtigte – zumindest wenn man den Berechnungen des Augsburgers Lames folgt: Der Sportwissenschaftler hat genau Buch über 2306 Tore aus europäischen Erstligen geführt und gezählt, dass der Zufall seine Finger exakt bei 44,4 Prozent aller Tore im Spiel hatte. Auch für die 146 Feldtore der WM 2006 sah das Ergebnis ähnlich aus: Bei 41,8 Prozent der Tore war der Zufall in Form von abgefälschten Bällen, Torwartberührung, Abprallern von Latte, Pfosten oder einem Abwehrspieler beteiligt.
Weitaus weniger vielversprechend ist dagegen das Erfolgsrezept Ecke – Tor. Statistisch gesehen führt nur einer von 47 Eckbällen zum Tor – im Schnitt sechs holt jede Mannschaft pro Spiel heraus. Dies führt aber laut Lames immerhin zu acht bis zehn Prozent der Tore im Fußball – etwa genauso viele werden jeweils durch Elfmeter und Freistöße erzielt. Jedes dritte Tor entsteht demnach aus einer Standardsituation.
Überschätzt wird auch das Mittel Doppelpass. Der Sportwissenschaftler Roland Loy hat für Sat 1 die "ran"-Datenbank aufgebaut. Laut seiner Analyse von 18 Jahren Bundesliga geht nur zehn von jeweils 900 Toren pro Saison ein Doppelpass voraus – ein Prozent. Er hält auch die Weisheit des greisen Griechentrainers Otto Rehhagel, für überholt, der besonders auf effektives Flügelspiel setzt. Denn: Nur 20 Prozent aller Tore fallen nach Flanken, 50 Prozent resultieren aus Pässen. Wobei schnelle Angriffe über drei, vier Stationen nachweislich seltener zum Torerfolg führen als langsame über zehn, zwölf, 14 Stationen.
Wie lautet das Erfolgsrezept
für einen Elfmeter
Der Psychologe Rich Master von der Universität Hongkong hat die Position des Torwartes und die vom Schützen gewählte Torecke bei 190 Strafstößen der letzten Welt-, Europa- und Afrikameisterschaften und der Champions League analysiert. Sein Ergebnis: Bei 96 Prozent der Elfmeter standen die Torhüter nicht exakt in der Mitte zwischen den Pfosten sondern etwa zehn Zentimeter daneben. Die Elfmeterschützen schossen zehn Prozent häufiger in die freiere Torhälfte. Keeper könnten dies laut Masters nutzen, um die Schussrichtung zu manipulieren und vorherzusehen. Auch die alte Fußballweisheit, dass der Gefoulte nicht selbst den Elfmeter schießen sollte, haben Wissenschaftler widerlegt. Biometriker Oliver Kuß von der Universität Halle-Wittenberg hat alle Foulelfmeter der Bundesliga aus zwölf Jahren, exakt 835, untersucht. 102 davon wurden von den Gefoulten selbst geschossen und zu 73 Prozent verwandelt. Führten nicht gefoulte Spieler den Strafstoß aus, ging der Ball in 75 Prozent der Schüsse ins Netz. Ebenso hat Kuß empirisch nachgewiesen, dass weder der Spielstand, die Spielminute, der Tabellenrang der Mannschaft noch das Alter oder die bisher absolvierten Bundesligaspiele des Schützen Einfluss auf den Torerfolg haben. Über all das braucht sich derjenige Trainer aber keine Gedanken zu machen, der seine Spieler ins Elfmeterschießen nur mit einer Anweisung schickt: "In die obere Torhälfte schießen!" Laut den Statistiken von Robert Loy gehen 99 Prozent aller Bälle, die auf die obere Torhälfte zufliegen, rein.
Wie wichtig ist der Heimvorteil?
Ein weiteres unumstößliches Fußballgesetz, den Heimvorteil, haben Statistiker der Universität München anhand aller k.o.-Spiele der Champions League seit der Saison 1994/1995 unter die Lupe genommen. "Eine einfache Auszählung der Sieger mit Heimrecht im Rückspiel ergibt zwar ein Ergebnis von 57 Prozent", erklärte Sebastian Kaiser Ende April. "Dieser scheinbare Vorteil verschwindet aber, wenn man berücksichtigt, dass im Achtelfinale der Champions League immer ein Gruppensieger gegen einen Gruppenzweiten spielt – und das stärkere Team im Rückspiel das Heimrecht hat."
Einen gewissen Heimvorteil konnte jedoch Kognitionsforscher Daniel Memmert von der Deutschen Sporthochschule Köln ausmachen. Denn das Gebrüll der Zuschauer für "ihre" Mannschaft beeinflusst die Entscheidungen der Schiedsrichter.
Memmerts Auswertung von 1530 Spielen der ersten Bundesliga zeigte einen deutlichen Zusammenhang zwischen Zuschauerlärm und gelben Karten gegen das Auswärtsteam. Auch im direkten Labor-Test zeigten 20 DFB-Schiedsrichter eine Neigung, bei hohem Lärmpegel häufiger eine gelbe Karte zu zeigen, als in der identischen Situation ohne entsprechenden Lärm. "Die Vermutung liegt nahe, dass Schiedsrichter unbewusst den Lärm des Publikums als Hinweis für die Schwere eines Fouls nutzen", meint Daniel Memmert.
Kann teutonischer
Kampfgeist fehlende
fußballerische Qualität
ausgleichen ?
Zumindest Statistiker Laun hat daran erhebliche Zweifel. Allein schon deshalb, weil es in jedem Spiel seinen Berechnungen zufolge nur etwa 220 Zweikämpfe gibt, und jeder dauert rund eine Sekunde – macht 220 von insgesamt 5400 Spielsekunden.
Zudem kommt er nach der Analyse von mehreren 100 000 Zweikämpfen unter Fußballern zu dem Ergebnis, dass nur knapp über 40 Prozent der Spiele von der Mannschaft gewonnen werden, die auch die meisten Zweikämpfe für sich entschieden hat.
Autor: Margit Mertens und Michael Brendler


