Weltmeisterschaft

#ZSMMNgefasst: So hat die Sportredaktion der BZ die WM 2018 erlebt

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Mo, 16. Juli 2018 um 11:11 Uhr

Fußball-WM

Die Fußball-WM in Russland ist zu Ende. Sportlich wird wohl wenig von ihr in Erinnerung bleiben – drumherum aber umso mehr. Die Sportredaktion der BZ hat ihre persönlichen Highlights der letzten vier Wochen gesammelt.

Faszinierender Fußball am zweiten Tag

Eines der besten Spiele dieser Weltmeisterschaft sahen wir gleich am zweiten Tag. Spanien trat gegen Portugal an, sechs Tore fielen, und vor allem das sechste war einmalig schön anzuschauen. Ignoriert man die Theatralik, mit der Cristiano Ronaldo die Fußballfans nervt, schließt man einfach die Augen, während er sich die Hose zurechtzupft, und öffnet sie erst in dem Augenblick, in dem dieser Schuss seinen Anfang nimmt, der Ball sich in einer magischen Kurve dem Tor der Spanier entgegen dreht und schließlich oben rechts einschlägt – dann weiß man wieder, was die Faszination dieses Sports ausmacht. Spanien spielte eine sensationell gute zweite Halbzeit, aber Ronaldo traf einfach alles, und als das Spiel vorbei war, gerecht endete mit einem 3:3, konnten sich alle Beteiligten gegenseitig gratulieren. Die Portugiesen daheim auf der Iberischen Halbinsel waren außer sich vor Freude, dass sie dem großen Nachbarn Spanien wenigstens hier, im Fußball, auf Augenhöhe begegnet waren. In Lissabon, Porto und anderswo feierten sie das 3:3 wie einen Sieg. Beiden Teams war zu wünschen, dass sie weit kommen. Aber sie scheiterten schon im Achtelfinale.

Andreas Strepenick

Doch noch Mensch

Abgehoben – ein Wort, das inzwischen zum Spitzenfußball gehört wie der Videoassistent. Was keinesfalls nur mit Neymar und seinen nicht sonderlich lustigen Purzeleinlagen zu tun hat. Gerade der deutschen Mannschaft wurde zuletzt immer häufiger vorgeworfen, den Kontakt zur Basis verloren zu haben. Doch es gibt – und das beruhigt – positive Gegenbeispiele. James Rodriguez hat gezeigt: Es geht auch anders. Knapp 33 Millionen Menschen folgen dem Kolumbianer auf Facebook, mehr als 34 Millionen auf Instagram. Damit ist der 27-Jährige der mit Abstand populärste Bundesliga -Profi in den sozialen Netzwerken. Nur zur Einordnung: Ein Toni Kroos bringt es bei Facebook auf 12,5 Millionen Follower. James Rodriguez zählt also zu jener Kategorie Fußballer, bei denen man sich fragt, ob sie überhaupt von dieser Welt sind. Und dann steigt dieser Superstar vor dem kolumbianischen Mannschaftshotel aus dem Bus, geht zu einem weinenden Jungen, hebt ihn über die Absperrung, nimmt ihn in den Arm, zieht seinen Pulli aus, um ihn dem kleinen Fan zu schenken – samt Autogramm versteht sich. Einfach so. Beim Anblick dieser Bilder ist man fast geneigt zu sagen: Gott sei Dank, ein Mensch.

René Kübler

Die Rechtsprecher

Sportlich wird von dieser WM wenig in Erinnerung bleiben. Irgendwie passt es ins Bild, dass die zur Titelverteidigung angetretenen Deutschen schon nach der Vorrunde das Feld wegen erbärmlicher Leistungen zu räumen hatten. In diese Kategorie passte dann so einiges in Russland. Richtig innovativ war dort wenig, wenn man davon absieht, dass mittlerweile die meisten Tore nach vorherigen Standardsituationen erzielt werden. Was bei genauem Hinsehen ja auch bisschen jämmerlich ist, da die Kunst des Spielens offenbar immer weiter in den Hintergrund rückt, der sogenannte ruhende Ball dagegen in den Mittelpunkt. So gesehen bleibt für mich etwas ganz anderes in Erinnerung: Serbiens Trainer Mladen Krstajic. Der empfahl nach der Niederlage gegen die Schweiz, den deutschen Referee Felix Brych vors UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zu zitieren. Dafür gehört der Serbe gesperrt, sofort und lebenslang. Die Fifa ließ ihn 5000 Schweizer Franken berappen. Das zeigt, wessen Geistes Kind die Fifa-Rechtsgelehrten sind. Respekt!

Michael Dörfler

Wer braucht schon Deutschland?

"Warum guckst Du denn noch WM? Wir sind doch eh raus", fragte mich eine Freundin, als ich mich samstags bei 30 Grad gegen Baggersee und für das Achtelfinale Frankreich – Argentinien entschied. Es war die richtige Wahl. Das 4:3 der Franzosen war das wohl spektakulärste Spiel der WM. Aber abgesehen davon: Warum sollte ich meine Freizeitplanung von der Leistung von elf Spielern abhängig machen, die zufälligerweise in dem gleichen Land geboren sind wie ich? Seit 1994 gucke ich alle zwei Jahre diese übertrieben gehypten Kommerzveranstaltungen. Und mir macht’s jedes Mal Spaß. Weil man sich stundenlang mit sinnlosen Dingen beschäftigen kann, auf die man keinen Einfluss hat. Irgendwie entspannt das – egal wie weit Deutschland kommt.

Sebastian Krüger

Der Wert echter Handarbeit

Als die Engländer als Gastgeber der Olympischen Spiele 2012 in London dazu verdonnert worden waren, eine Handball-Mannschaft zu stellen, obwohl es in Britannien gar keine Handballer gab, hätten sie eine Anleihe aus dem Fußball nehmen können. Zu jener Zeit machte der irische Fußballer Rory Delap die Premier League unsicher, weil er den Ball per Einwurf rund 40 Meter weit und mit einer Geschwindigkeit von 60 Stundenkilometern quer durch den Strafraum bis an den zweiten Pfosten schmeißen konnte. Zeitweise war Delap über seine kanonenartigen Einwürfe an der Hälfte der Tore seines Klubs Stoke City beteiligt. Nun ja, Delap war nicht bei Olympia 2012, vielmehr gaben die Briten vor allem dänischen Handballern den Vorzug, die in ihrer Ahnenliste mindestens einen ballwerfenden englischen Schäferhund nachweisen sollten. Pech gehabt, ihr Engländer! Ihr wäret bestimmt Weltmeister geworden, wenn ihr neben euren Rugby-Freistößen noch Einwürfe à la Delap gehabt hättet. Der Einwurf-Weltmeister von 2018 heißt indes Jonas Knudsen. Und er ist – ein Däne.

Georg Gulde

Simulieren lohnt sich nicht

Von weisen Ärzten kann man einiges lernen. Etwa, dass man erstmal abwarten sollte, wenn ein Kind hinfällt. Trost anbieten – aber nicht sofort hinrennen. Lernen, die Intensität des Schmerzes einzuschätzen, ist die Devise. Simulieren soll sich nicht lohnen. Nach dieser Weltmeisterschaft in Russland scheint es wichtiger denn je, Kindern genau das beizubringen. Waren Schwalben und übertrieben lange Liegezeiten auf dem Rasen mit schmerzverzerrten Gesichtern schon immer albern, sind sie in Zeiten all der Kameras am Spielfeldrand und des Videobeweises umso peinlicher – und trotzdem unfassbar zahlreich. Irgendwie scheint es übrigens, als seien die Eltern heutiger Profis besonders schnell gerannt, als ihre Jungs sich einst das Köpfchen stießen – im Frauenfußball ist eine derartige Verletzlichkeitsquote nicht erkennbar.

Laetitia Bürckholdt

Endstation Wiehrebahnhof

Eher zufällig kam ich in den Genuss, das letzte Vorrundenspiel der Deutschen gegen Südkorea im neuen Wiehrebahnhof zu verfolgen. Die Stimmung: süffisant-distanziert. An jenem heißen Juninachmittag füllte die Halle jene Wiehremer Melange, die in ihrer Klischeehaftigkeit für einen Freiburg-Tatort geeignet gewesen wäre. Während der letzten, dramatischen 30 Minuten blätterte die Bohème nebenher in der Zeitung oder stand auf, um draußen nachzusehen, ob die Boule-Kollegen schon am Spielen waren. Eine Dame tippte mich an und fragte: "Dieses andere Spiel, Mexiko gegen Schweden, ist das eigentlich auch irgendwie wichtig?" Der Abpfiff verursachte eine Gemütsregung vergleichbar mit dem Gefühl, wenn die Höllentalbahn mal fünf Minuten später kommt.

David Weigend

Kroatische Hupbürger

Behaupte noch einer, diese WM habe durch das frühe Aus der deutschen Elf einen Euphoriedämpfer erhalten. Ich zumindest konnte mich als Bewohner des Freiburger Stadtteils Stühlinger nicht über ausbleibende Hupkonzerte beklagen. Wer hupte am ausdauerndsten? Die Kroaten. In vier Wochen Weltmeisterschaft konnte ich meine Nachttischuhr danach stellen. War eine Partie des WM-Finalisten beendet, setzten sich die kroatischen Hupbürger schon wenig später in Bewegung. Besonders laut, kein Wunder, war es beim Halbfinalsieg. An Einschlafen war nach dem Last-Minute-Sieg gegen England nicht zu denken - weit nach halb ein Uhr nachts hupte und jolte es von draußen. Aber hey, besser als die Totenstille beim deutschen Aus war das allemal. Also, liebe Kroaten: Auch wenn ihr am Sonntag nicht den WM-Sieg behupen durftet – wir hören uns in zwei Jahren bei der EM wieder.

Matthias Joers