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31. August 2010
Fakten-Check: Thilo Sarrazins Argumente gegen Einwanderung
Thilo Sarrazin hat mit seinen Thesen zur bedrohlichen Einwanderung von Muslimen nach Deutschland eine heftige Debatte ausgelöst. Die BZ hat die wichtigsten Thesen aus Sarrazins Buch überprüft.
»These 1: Wegen der höheren Geburtenrate muslimischer Einwanderer könnte Deutschland in 100 Jahren überwiegend muslimisch sein.
Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung weist diese These zurück. Nur "gerade drei Prozent" der Einwohner Deutschlands seien heute muslimischen Glaubens, so Kröhnert. Ihre Geburtenrate liege zwar höher als die der deutschstämmigen Bevölkerung, gleiche sich dieser aber allmählich an. "Von einer Übernahme des Landes durch die Muslime kann also keine Rede sein", sagt Kröhnert. Die Bevölkerungsentwicklung bis in 100 Jahren zu beschreiben, hält er für unwissenschaftlich – der Zeitraum sei zu lang, um belastbare Aussagen zu treffen.
»These 2: "Die Gastarbeiter-Einwanderung der 1960er und 1970er Jahre war ein gigantischer Irrtum". Die wirtschaftlichen Nachteile überwögen die Vorteile.
"Die Gastarbeiteranwerbung war zu ihrer Zeit ein wirtschaftlicher Erfolg, die Gastarbeiter haben zum Wachstum beigetragen", sagt dagegen Einwanderungsforscher Kröhnert. Die Arbeiter aus Spanien, Italien, der Türkei und anderen Ländern haben mitgewirkt, dass die deutsche Automobilindustrie Millionen Fahrzeuge herstellen und exportieren konnte. Das generierte Gewinne, Steuern und Sozialabgaben, die den Wohlstand des Landes erhöhten. Seit Mitte der 1970er Jahre allerdings hat sich die Bilanz ins Negative verkehrt: Viele Gastarbeiter wurden arbeitslos, lebten von staatlicher Unterstützung und holten ihre Familien nach. Die meisten Experten gehen davon aus, dass die ökonomischen Nachteile die Vorteile mittlerweile übersteigen.
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»These 3: Wegen der Sozialleistungen locke Deutschland arme Einwanderer an, die hohe Kosten verursachten.
Diese These Sarrazins trifft teilweise zu. Die Sozialleistungen in Deutschland sind großzügiger als etwa in Kanada. Wobei die Experten anmerken, dass es gegenwärtig kaum noch eine Einwanderung nach Deutschland gibt. 2008 wurden nur 233 Personen als asylberechtigt anerkannt. 2007 und 2008 sind weniger Menschen aus muslimischen Ländern nach Deutschland eingewandert als von hier dorthin auswanderten. Beispiel Türkei: 2008 sank die Zahl der Türken in Deutschland um 10 000.
»These 4: Muslimischen Einwanderern hafte eine "besondere Mischung aus islamischer Religiosität und traditionellen Lebensformen an", die ihre Integration erschwere.
Viele türkische und arabische Einwanderer stammen aus einfachen Verhältnissen und konservieren in Deutschland ihre traditionelle Lebensweise. Aber es gibt hunderttausende Gegenbeispiele: Unter den muslimischen Flüchtlingen etwa, die vor dem Schah oder Ajatollah Khomeini aus dem Iran flohen, waren viele Lehrer, Ärzte und Ingenieure, die wirtschaftlich und sozial hierzulande keine Probleme haben.
» These 5: Muslimische Einwanderer trügen dazu bei, dass die durchschnittliche Intelligenz der in Deutschland lebenden Bevölkerung sinke.
Es gibt Wissenschaftler, die Tendenzen sehen, dass die Intelligenz der deutschen Bevölkerung infolge zunehmender Armut, schlechterer Ernährung und Problemen im Bildungssystem abnimmt. Andere Wissenschaftler wiederum bestreiten das. Die Uneinigkeit beginnt schon bei den Messmethoden. Welche Intelligenztests sind geeignet, um diese Frage zu beantworten? Aber selbst, wenn die These von der abnehmenden deutschen Durchschnittsintelligenz zuträfe: Die dafür ursächlichen sozialen Probleme kann man nicht den drei Millionen muslimischen Einwanderern in die Schuhe schieben. Sie tragen keine Verantwortung für die Unzulänglichkeiten des Bildungssystems.
»These 6: Sarrazin hält Einwanderung für eine Bedrohung. Dem widersprechen die meisten Bevölkerungsforscher.
Die mehrheitliche wissenschaftliche Auffassung lautet: Wenn Deutschland seinen ökonomischen und sozialen Standard halten wolle, benötige es nicht weniger, sondern mehr Zuwanderer. Ohne diese würde die Zahl der deutschen Bevölkerung drastisch abnehmen. Um Vorteile zu bringen, muss man die Zuwanderung allerdings steuern. Im Gegensatz zu früher braucht Deutschland gut qualifizierte Neubürger.
Autor: Hannes Koch
