Farbe ist gleichzeitig Objekt und Motiv

Dietrich Roeschmann

Von Dietrich Roeschmann

Sa, 20. Mai 2017

Ausstellungen

BZ-PORTRÄT des Malers Phil Sims, dessen Werkschau "Solo" am Sonntag in Freiburg eröffnet wird.

Phil Sims hat die Handschuhe abgestreift und blickt nachdenklich zu Boden. Vor ihm liegt eine große Leinwand auf Plastikfolie ausgerollt, die Farbseite nach unten. Vor ein paar Tagen kam das Gemälde zusammen mit anderen aus Sims’ Studio in Pennsylvania. Eine Woche waren sie unterwegs, zusammengerollt in langen Holzkisten. Im Freiburger Kunstraum Alexander Bürkle, wo der 76-Jährige am Sonntag seine Werkschau "Solo" eröffnen wird, gehört den reisigen "Navigator Paintings" der zentrale fünfte Raum. Mit Arbeiten aus den vergangenen 40 Jahren ist es die größte Einzelausstellung, die Sims je in Europa gezeigt hat, auf Einladung eines seiner größten Fans, des Freiburger Sammlers Paul Ege.

Doch bevor es soweit ist, gibt es noch ein Problem zu lösen. Seit Sims die Leinwände der "Navigator"-Serie, die 2010 zuletzt im Münchner Lenbachhaus zu sehen waren, vom Rahmen genommen hatte, sind einige um gut einen Zentimeter in der Breite geschrumpft. Das Material arbeitet, die Farbe arbeitet, alles ist in Bewegung. So mussten Sims und seine Assistenten einige der Gemälde nach ihrer Ankunft Tag für Tag um ein paar Millimeter spannen, damit am Ende die hauchdünn in Weiß aufblitzende Grundierung zwischen den roh belassenen Seiten der Leinwände und der jeweiligen Farbflächen, die uns als Gemälde gegenübertreten, exakt auf der Kante des Keilrahmens saßen. Der Effekt ist kaum wahrnehmbar, aber essentiell: wie Licht, das durch eine winzige Ritze scheint, bringt der weiße Grat Sims’ Malerei auf geradezu magische Weise zum Leuchten – und lässt sich zugleich als Spur des Entstehungsprozesses des Gemäldes entziffern.

Wann ein Gemälde fertig ist, entscheidet der Blick

Für Sims’ Malerei ist beides von zentraler Bedeutung. Farbe ist für ihn immer gleichzeitig Objekt und Motiv. 1940 in Richmond, Kalifornien, geboren, studierte er nach einer Ausbildung zum Keramiker ab Mitte der 1960er Malerei in San Francisco. In den frühen 70ern begann er sich für malerische Prozess zu interessieren und ging an der Leinwand der Frage nach, wie sich der Look eines Gemäldes aus dem Vorgang des Malens entwickelte. 1977 zog Sims nach New York und wurde Mitglied der Radical Painting Group, die sich um die Malerin Marcia Hafif zusammengefunden hatte und gegen den damaligen Trend der Lyrischen Abstraktion die Malerei zu ihren Wurzeln zurückbringen wollte. Ihre Frage war: Was ist ein Gemälde? Auf der Suche nach Antworten zerlegten die Radical Painter die Malerei in Einzelelemente wie Farbe, Träger, Auftrag und Duktus und unterzogen sie in ihrer künstlerischen Praxis einer eingehenden Untersuchung.

Für Sims mündete diese Auseinandersetzung in einer Malerei, die Farbe nicht als Grundlage für farbige Bilder nutzte, sondern sie in einem zeitintensiven Verfahren des Schichtens, Lasierens und Strukturierens selbst entwickelte. "Ich male kein grünes oder weißes Bild, ich male Grün oder Weiß", sagt Sims heute – nicht ohne zu betonen, dass Weiß nie gleich Weiß ist, und zwar weder unter dem je individuellen Blick der Betrachter noch in den Tiefen des Farbresonanzraums dieser Malerei, die sich aus bis zu 60 Schichten aufbaut. Im Kunstraum Bürkle ist diese Wirkung problemlos zu überprüfen: Während ein Gemälde wie das "White Porträt "#1" von 1997 hier im ersten Saal in kompakt schimmernder Schwere an der Wand prangt, scheint das großformatige "A Journey to White #580" von 2006 im letzten Saal wie eine gleißend flirrende Erscheinung aus rötlich und bläulich gefiltertem Licht auf dem Putz zu schweben. Wann ein Gemälde fertig, wann es in Dichte, Struktur, Intensität und Emotion gesättigt sei, sagt Sims, entscheide letztlich sein Blick. "Ich halte es da mit Barnett Newman, der befand: Malerei ist zu zehn Prozent Malen und zu 90 Prozent Sehen".

Nahezu ohne kontrollierendes Auge entstehen die Keramiken, die Sims seit 2005 fertigt. Farbe, Risse und Oberflächenstruktur der schrundigen "Tea Bowls" und atemberaubend schönen Skulpturen, zu denen er sich von chinesischen Gelehrtensteinen inspirieren ließ, sind das Resultat eines nur vage kalkulierbaren Zusammenspiels von Hitzeentwicklung, Ascheflug und Brennposition im traditionellen japanischen Holzofen. Für Sims macht gerade das ihren Reiz aus. "In ungebranntem Zustand sehen sie langweilig, fast armselig aus. Erst das Feuer gibt ihnen eine lebendige Gestalt".

Kunstraum Alexander Bürkle, Freiburg. Bis 17. September, Di bis Fr, So 11–17 Uhr. Vernissage: So, 21. Mai, 11 Uhr.