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29. Januar 2010
Interview
Hugstetter Firma vertreibt Feinstaub-Kleber
BZ-INTERVIEW mit RAW-Geschäftsführer Joachim Wittstock, der den in Stuttgart ausprobierten "Feinstaubkleber" vertreibt
FELDBERG / MARCH-HUGSTETTEN. Die Stadt Stuttgart hat jetzt den Versuch gestartet, mit Hilfe des als "Feinstaub-Kleber" bekannten Calcium-Magnesium-Acetats (CMA) die Feinstaub-Belastung zu senken. Im Gespräch mit BZ-Mitarbeiterin Tina Hättich hat sich Joachim Wittstock, Geschäftsführer der Firma R.A.W., die ihren Sitz von Feldberg inzwischen nach March-Hugstetten verlegte und als Beratungsunternehmen im Bereich Feinstaub-Reduzierung mit CMA tätig ist, über das "Wundermittel", die Gesundheitsgefährdung durch Feinstaub und zur Griffigkeit auf den Teststrecken geäußert.
BZ: Bereits wurde CMA als "Wundermittel" in der Feinstaub-Reduzierung bezeichnet. Können Sie das bestätigen ?Wittstock: CMA ist kein "Wundermittel", sondern ein flüssiges Produkt, das gleichzeitig Eisglätte auf Straßen beseitigt und gesundheitsschädliche Staubpartikel in der Luft mindert.
BZ: Das Mittel wurde nicht zufällig als Wirkstoff gegen die Feinstaub-Belastung entdeckt, sondern gezielt für diesen wichtigen, umweltrelevanten Zweck konzipiert. Von wem ?
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Wittstock: Nordisk Aluminat A/S ist ein dänisches Unternehmen, das Produkte für den Gewässerschutz, beispielsweise wässrige Aluminat-Lösungen und Calcium-Magnesium-Acetat entwickelt und herstellt. Die Produkte werden auch für die Reinigung von Abwasser, bei der Herstellung von Papier, Pigmenten, Katalysatoren und pharmazeutischen Produkten verwendet.
BZ: Können Sie dem Laien verständlich machen, welche Gesundheitsrisiken solch eine erhöhte Feinstaub-Belastung mit sich bringt?
Wittstock: Wie medizinische Studien ergeben haben, ist Feinstaub für die Gesundheit deshalb so gefährlich, weil die winzigen Partikel nicht in Nase oder Bronchien hängen bleiben, sondern ungehindert in die Lunge gelangen. Dort können sie Entzündungen, Asthma oder sogar Krebs auslösen.
BZ: Wie wirkt CMA auf der Straße ?
Wittstock: Zur Feinstaub-Reduzierung ist folgendes herauszustellen: Das regelmäßige Aufbringen von ICE & DUST-AWAY, so lautet der Verkaufsname des Produktes, auf stark befahrene Verkehrsflächen bindet die Feinstaub-Partikel durch Anlagerung an der Fahrbahn-Oberfläche, vermindert das Wiederaufwirbeln der Feinstaub-Partikel und reduziert dadurch nachhaltig die Feinstaubkonzentration in der Luft.
BZ: CMA wird auch zur vorbeugenden Glätte-Bekämpfung auf Straßen eingesetzt. Wie stellt man sich das vor?
Wittstock: Die Wirkungsweise von CMA ist so zu verstehen, dass es zum einen den Gefrierpunkt von Wasser senkt und daher den Schnee, beziehungsweise das Eis schmilzt. Darüber hinaus sorgt CMA dafür, dass der Schnee pulverig bleibt. Bei einem präventiven Einsatz verhindert es die Bildung von Eisschichten und festgefahrenen Schneedecken. Zur vorbeugenden Glätte-Bekämpfung wird es bis zu 60 Stunden vor dem zu erwartenden Schnee- oder Glätte-Aufkommen auf die Straßen aufgebracht. Nach dem Schneefall kann über einen längeren Zeitraum bis zu 48 Stunden die Räumung erfolgen, ohne dass die Schnee- beziehungsweise Eisschicht durch den laufenden Verkehr wieder festgefahren wird. Eine sogenannte Schwarzräumung ist also bei hoher Auslastung der Räumdienste auch noch zeitversetzt möglich.
Acetats (CMA) benötigt."
BZ: Welche Erfahrungen gibt es in Bezug auf die Umweltverträglichkeit von CMA?
Wittstock: Es ist im Einsatz für die Umwelt unbedenklich. Die ICE & DUST-AWAY-Produkte der Nordisk Aluminat sind mit dem nordischen Ecolabel, dem Schwan-Umweltzeichen ausgezeichnet. Im Rahmen dieses Ecolabels wird die Unbedenklichkeit eines Produktes durch die umfangreiche Prüfung einer Vielzahl von Umwelteinflüssen und die Einhaltung enger Grenzwerte gewährleistet. CMA ist biologisch abbaubar und das einzige Feinstaub reduzierende Taumittel auf dem Markt.
BZ: Gegner monieren die hohen Mengen an CMA, die auf der Teststrecke ausgebracht werden müssen. Speziell zu dieser Frage kursieren Zahlen zwischen 1000 und 10 000 Liter. Steht das in Relation zu einem möglichen Erfolg ?
Wittstock: Hier gilt es einiges richtig zu stellen: Für die Teststrecke in Stuttgart am Neckartor sind etwa 19 000 Quadratmeter veranschlagt, die mit 10 Gramm pro Quadratmeter CMA besprüht werden. Für eine Besprühung werden also 190 Kilogramm, das heißt 209 Liter benötigt. Für die Teststrecke fallen knapp 86 Euro Materialkosten pro Besprühung an, da ein Liter CMA zur Zeit 49 Cent kostet. Bei höherem Produktionsausstoß wird sich dieser Preis reduzieren. Für den Testversuch wurde der Stadt Stuttgart das CMA kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Stadt trägt die Kosten für Fahrzeuge, Personal und den Zeitaufwand für die wissenschaftliche Messwerte-Erfassung und -ausarbeitung.
BZ: Im Bereich des Winterdienstes schneidet CMA als deutlich teureres Taumittel im Vergleich zu herkömmlichem Streusalz schlecht ab ?
Wittstock: Man darf Winterdienst und Feinstaub-Reduzierung hier nicht trennen. Gerade auch in höher belasteten Wintermonaten werden durch den Einsatz von CMA die Feinstaub-Partikel reduziert, das heißt man kann sogar von einer Doppelwirkung sprechen. Des Weiteren sind die Rechenbeispiele schlichtweg falsch, da beim Einsatz von chloridhaltigen Salzen weitaus höhere Folgekosten, beispielsweise durch Schäden an Mensch, Tier, im Grundwasser und in der Pflanzenwelt sowie Korrosionsschäden an vielerlei Materialien entstehen. Diese enormen Zusatzkosten entfallen bei CMA.
BZ: Es war auch schon von vermehrten Unfällen aufgrund des Einsatzes von CMA die Rede. Wie viele CMA-verursachte Unfälle gab es auf den bisherigen Teststrecken in Klagenfurt und Halle tatsächlich ?
Wittstock: Mir ist kein einziger bekannt. Nach Auswertung von Tests durch die DEKRA in Halle wurde festgestellt, dass bei einer Irrtumswahrscheinlichkeit von zwei Prozent das Ausbringen von CMA keine signifikanten Veränderungen der Griffigkeit zwischen Reifen und Fahrbahn verursacht.
BZ: Kritische Stimmen sagen, dass CMA das Problem der Feinstaub-Belastung am falschen Ende anpacke. Viel wichtiger sei es, die Kraftfahrzeugtechnik zu verbessern.
Wittstock: Auch uns ist bewusst, dass eine nachhaltige Feinstaub-Reduzierung an den Wurzeln ansetzen muss, das heißt, es müssen alle Feinstaub verursachenden Schadstoff-Emissionen radikal gesenkt werden. Dazu zählen Schadstoff-Emissionen aus der Industrie, Hausbrand, Kraftwerke und die Schadstoffe, die durch den motorisierten Verkehr verursacht werden. Eine komplette Senkung wird kurzfristig jedoch nicht möglich sein. So lange kann CMA als eine von mehreren Maßnahmen zur Feinstaub-Reduzierung beitragen. Ein einziges Produkt gegen alle umweltschädigenden und belastenden Einflüsse im Zusammenhang mit der Feinstaub-Problematik einzusetzen, ist nicht möglich. Es ist mir auch im medizinischen Bereich kein Mittel bekannt, das in der Lage ist, sämtliche Krankheiten zu heilen.
BZ: Sie ziehen also ein positives Fazit aus den bisherigen Versuchen?
Wittstock: Von zentraler Bedeutung ist, dass die bisherigen wissenschaftlich begleiteten Versuche mit CMA in Klagenfurt, Stockholm, Göteborg und Halle im Wesentlichen die Wirksamkeit des CMA-Einsatzes zur Reduzierung der Feinstaub-Belastung bestätigen. Den Städten bietet sich eine zusätzliche Möglichkeit, ihrer Verantwortung gegenüber dem Bürger und dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes gerecht zu werden, indem sie die Reduzierung des Feinstaubs mit CMA in ihre Aktionspläne aufnehmen. Die Sicherung des menschlichen Lebensraums für nachfolgende Generationen muss für die Politik zu den wichtigsten Aufgaben der Gegenwart zählen. Die RAW-Unternehmensphilosophie ist es, das Umweltbewusstsein von Bürgern und Institutionen langfristig zu fördern und nicht einem aktuellen Umwelttrend zu folgen.
Autor: hät
