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30. Januar 2015 14:22 Uhr

Feldberg / Herzogenhorn

Lawinen im Schwarzwald: Opfer schweben in Lebensgefahr

Großalarm für die Bergwacht am Feldberg und am Herzogenhorn: Binnen einer Stunde gingen dort zwei Lawinen ab, ein Mann und eine Frau wurden verschüttet. Beide konnten inzwischen von der Bergwacht ausgegraben werden. Beide schweben in akuter Lebensgefahr.

  1. Die Bergretter sind am Feldberg und am Herzogenhorn im Einsatz – unter anderem mit Hubschrauber und Suchhunden. Foto: dpa

  2. Das Gebiet am Feldberg ist nur sehr schwer zugänglich. Foto: Kamera24.tv

  3. Rettungseinsatz am Feldberg Foto: Kamera24tv

  4. Rettungseinsatz am Feldberg Foto: Kamera24.tv

  5. Helfer der Bergwacht am Feldberg Foto: dpa

  6. Die Bergretter sind am Feldberg und am Herzogenhorn im Einsatz – unter anderem mit Hubschraubern und Suchhunden. Foto: dpa

  7. Helfer der Bergwacht am Feldberg Foto: Max Schuler

  8. Rettungskräfte am Feldberg Foto: Max Schuler

  9. Rettungskräfte am Feldberg Foto: Max Schuler

Sie sind mit Tourenski unterwegs, als sie von den Schneemassen überrollt werden: Zwei Freunde sind am Freitag am Nordhang des Feldberg von einer Lawine erfasst worden. Während der eine Mann sich selbst ausgraben konnte, wurde der andere oberhalb der Zastler Hütte unter dem Schnee begraben. Eine Stunde später ging an der Südseite des Herzogenhorns ebenfalls eine Lawine ab. Sie riss eine 58 Jahre alte Frau mit sich und verschüttete sie unter den eiskalten Massen.

100 Helfer, davon 50 Kräfte der Bergwacht, suchten die Hänge nach den beiden ab – mit Erfolg. Nach anderthalb Stunden wurde der 22-Jährige aus dem Schnee gegraben, auch die Frau wird erst nach mehr als 90 Minuten aus der eisigen Kälte befreit. Beide mussten reanimiert werden, das gaben die Einsatzkräfte bei einer Pressekonferenz am frühen Freitagabend bekannt. Beide schwebten in akuter Lebensgefahr und wurden mit Hubschraubern in umliegende Krankenhäuser gebracht. "Zwei Lawinenabgänge binnen so kurzer Zeit – ich kann mich nicht erinnern, dass es so etwas in dieser Gegend schon einmal gab", so David Vaulont, Landespressesprecher der Bergwacht Schwarzwald.

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Lawine erfasste zwei Tourenskigänger

Das Unglück am Feldberg ereignete sich gegen 13.30 Uhr unterhalb des Gipfels. Wie es dazu kam – etwa ob sich ein Schneebrett oder eine Wächte vom Hang löste – ist derzeit noch unklar. Die Schneemassen erfassten die beiden jungen Skitourengänger. Einer der beiden konnte sich selbst befreien. "Er alarmierte die Rettungskräfte", sagte Polizeisprecher Walter Roth der Badischen Zeitung.

Der Unglücksort am Feldberg liegt fernab vom Skigebiet, man gelangt nur mit einem Pistenbully oder mit Tourenski dorthin. Es war nicht möglich, mit einem Hubschrauber dort zu landen. Die Helfer hätten sich mit Tourenski zum Unglücksort vorgekämpft, erläutert Adrian Probst von der Bergwacht Schwarzwald. Er leitete den Einsatz am Feldberg. Auch das Kriseninterventionsteam und die Notfallseelsorge waren hier mit insgesamt fünf Personen im Einsatz.

Nach anderthalb Stunden aus dem Schnee gezogen

Die Bergwacht suchte in Zweiergruppen die Schneedecke ab. Zunächst fehlte von dem 22 Jahre alten Verschütteten jede Spur. Schließlich gelang es den Einsatzkräften, ihn zu orten. Wie, ist derzeit unklar. "Sie konnten ihn ausgraben und mussten ihn reanimieren", sagte vor Ort Feldbergs Bürgermeister Wirbser der Badischen Zeitung. Anderthalb Stunden lang war er von Schnee begraben gewesen. Der 22-Jährige sei zur Rettungsstation am Rinken gebracht worden.

"Bei Lawinenopfern reanimiert man länger, weil sie stark unterkühlt sind", so der Einsatzleiter am Freitag in einer Pressekonferenz. Der junge Mann befinde sich in akuter Lebensgefahr.

Zweite Lawine am Herzogenhorn

Verschärft wurde die Lage für die Retter gegen 14.45 Uhr durch einen zweiten Lawinenabgang: Er ereignete sich nur wenige Kilometer weiter südlich am Herzogenhorn, auch hier abseits des Skigebiets. Am Südhang erfassten die Schneemassen vier Menschen aus einer Gruppe Skitourengeher und begruben eine 58-Jährige unter sich.

Auch hier suchte die Bergwacht die Schneedecke ab. "In der Regel wird erst der Lawinenhund losgelassen, schlägt er an, wissen die Einsatzkräfte, wo sie zu graben haben", erläutert David Vaulont von der Bergwacht. Finde der Hund keine Spur, würde mit Sonden gesucht. Doch auch am Herzogenhorn gelang es den Rettern, die Verschüttete zu orten und auszugraben. Genau wie der 22-Jährige musste sie reanimiert werden. Auch bei ihr besteht akute Lebensgefahr. Sonst wurde niemand verletzt.

Reichlich Neuschnee

Wird jemand von einer Lawine verschüttet, zählt jede Sekunde: Zwar kann man auch drei bis vier Stunden im Schnee überleben – aber nur, wenn sich ein Atemloch gebildet hat. Ansonsten droht nach 15 bis 20 Minuten der Erstickungstod.

In der Nacht auf Freitag hat es am Feldberg – wie fast überall im Hoch- und Südschwarzwald – 20 bis 30 Zentimeter Neuschnee gegeben. Fällt viel Schnee in kurzer Zeit, wächst die Belastung durch das zusätzliche Gewicht schneller als sich das Ganze verfestigen kann. Bereits geringe Zusatzbelastung – etwa durch das Gewicht eines Skifahrers – kann dazu führen, dass die Schichten ins Rutschen geraten. "Für die Lawinengefahr ist neben Neuschnee noch der Wind ein Faktor", so Vaulont von der Bergwacht. Gerade am Feldberg herrsche ein starker Wind, "da reichen schon geringe Schneefälle aus". Dieser bläst den Schnee über den Bergkamm und bildet auf der windstillen Seite eine sogenannte Triebschneedecke. Auch hier hat das Ganze keinen Halt.

Lawinengefahr wird häufig unterschätzt

Problematisch ist laut Adrian Probst von der Bergwacht, dass die Lawinengefahr im Schwarzwald häufig unterschätzt würde. "Der Schwarzwald ist kein einfaches liebliches Mittelgebirge." Es gebe keine Lawinenlageberichte oder entsprechende Warnungen. Das bedeutet, dass jeder selbst die Lawinensituation einschätzen müsse.

"In exponierten Lagen muss man davon ausgehen, dass eine erhöhte Lawinengefahr auch in anderen Teilen des Schwarzwalds besteht", so Probst. Es habe dort noch mehr Lawinen gegeben. Das sei von einem Hubschrauber aus beobachtet worden. Es gab mehrere Lawinenfelder. Dort ist aber offenbar niemand zu Schaden gekommen.

Uwe Kaiser, Revierleiter von der Polizei Titisee-Neustadt, rät: "In den nächsten Tagen sollte man abseits der Piste auf Touren verzichten." Die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen. Es soll geprüft werden, ob die Lawinen absichtlich ausgelöst wurden. Dies sei zwar unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen, so Kaiser.
Chronologie: Lawinenunglücke am Feldberg seit 2000

  • Am Feldberg sind Lawinenunglücke selten, aber es gibt sie: Zuletzt hatte sich im Dezember 2013 ein Schneebrett am Baldenweger Buck gelöst und eine Frau und einen Mann mitgerissen. Die beiden Tourenskifahrer konnten sich zwar selbst befreien, wurden aber schwer verletzt.
  • Im Februar 2013 waren innerhalb von 24 Stunden zwei Lawinen abgegangen und hatten jeweils die B 317 blockiert. Bei einem der beiden Zwischenfälle wurden drei Snowboarder mitgerissen, die sich leichtsinnigerweise abseits der markierten Pisten aufgehalten hatten. Sie kamen mit dem Schrecken davon.
  • Im Februar 2009 löste ein Skifahrer außerhalb der Piste eine Lawine aus. Verletzt wurde dabei niemand.
  • Im Januar 2005 wurden am Feldberg drei Menschen von einer Lawine erfasst. Sie konnten sich selbst befreien.
  • Am 24. Februar 2002 wurden fünf Tourengeher am Feldberg verschüttet. Vier konnten sich aus eigenen Kräften befreien, ein 22-Jähriger wurde von Helfern nach 80 Minuten lebend geborgen. Unterhalb der Wetterwarte hatte sich eine rund 200 Meter lange und 50 Meter breite Lawine gelöst. Der junge Mann konnte von den Rettern damals unterkühlt, aber ansonsten weitestgehend unversehrt geborgen werden.
  • Die letzte tödliche Lawinenkatastrophe in der Region gab es im Januar 2000 in den Vogesen. Damals starben zwei Belgier, die am Hohneck von einer Lawine erfasst worden waren.
  • Den letzten Lawinentoten im Schwarzwald gab es im Jahr 1980; damals starb ein Leutnant der Gebirgsjäger bei einer Lawine am Feldberg.

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Autor: Max Schuler, Alexandra Röderer, Karl Heidegger, Sebastian Barthmes