L 154

Felsstürze im Albtal: Hier stirbt eine Straße

Susanne Ehmann und Hannes Schuster , Falko Wehr

Von Susanne Ehmann und Hannes Schuster (Text), Falko Wehr (Video)

Mi, 18. Mai 2016 um 08:59 Uhr

Kreis Waldshut

Sie ist eine historische Straße, wildromantisch, ein touristisches Kleinod. Doch die L 154 im Albtal ist gesperrt, schon seit einem Jahr. Zu groß ist die Gefahr von Felsstürzen. Ob sie je wieder geöffnet wird, ist ungewiss.

Wäre die Straße befahren gewesen, die Sache im Januar wäre wohl böse ausgegangen. Der etwa acht Meter lange, zwei Meter breite und 50 Zentimeter hohe Gesteinsbrocken ist nach seinem Sturz am Straßenrand aufgekommen. Kleinere Teile haben sich beim Aufprall gelöst und liegen auf der Fahrbahn (Fotos). Doch die Albtalstraße L 154 zwischen Görwihl-Tiefenstein und Albbruck-Hohenfels im Kreis Waldshut ist unbenutzt. Denn seit einem Jahr ist sie gesperrt – eben wegen der Gefahr von Felsstürzen. Ob sie je wieder geöffnet wird, ist ungewiss.

Weinbergschnecken haben es dieser Tage gut auf der Albtalstraße: Eine Straßenüberquerung ist für sie gänzlich ungefährlich. Und so ziehen zahlreiche Exemplare gemächlich ihre Spuren. Auch sonst drängt die Natur seit der Sperrung an Pfingsten 2015 mit Macht auf den rund drei Kilometer langen Straßenabschnitt. Sumpfdotterblumen wachsen in den Pfützen der Wasserrinnen am Straßenrand, daneben Löwenzahn und Brennnesseln. Der Asphalt ist grün vom Moos. Aus Ritzen sprießt das Gras.

"Mit der Schließung würde sie eine Attraktion verlieren." Görwihls Bürgermeister Quednow
Als im Juni 2013 der erste größere Felsbrocken auf der Albtalstraße aufschlug, beschloss der Landkreis Waldshut, sich die Sache genauer anzusehen. Beim Regierungspräsidium (RP) Freiburg gab das Landratsamt ein Gutachten in Auftrag, das die "Steinschlag- und Felssturzgefährdung" fachlich beurteilen sollte. Das Ergebnis zwei Jahre später: eine "hohe bis sehr hohe latente Gefährdungslage". Das Landratsamt reagierte prompt und machte den betroffenen Streckenabschnitt im Herzen des Hotzenwaldes dicht.



Sanierung würde Millionen kosten

Seitdem herrscht dort Ruhe. Kein Röhren durchschneidet die Stille auf der sonst bei Motorradfahrern beliebten Strecke; keine Autoabgase stauen sich in den fünf Tunnels, die im 19. Jahrhundert durch den Fels getrieben worden sind. Einzig der Fluss Alb in der angrenzenden Schlucht erfüllt die Luft mit seinem Rauschen. In den Bäumen des Waldes ringsum zwitschern die Vögel.

Damit der Verkehr wieder fließen könnte, müsste der Fels oberhalb des gesamten Streckenabschnitts gesichert werden – und das kostet. Bis zu 2,8 Millionen Euro, sagt Walter Scheifele, Leiter des Dezernats für Ordnung, Verkehr und Kommunalangelegenheiten im Waldshuter Landratsamt. "Und selbst dann sind nur die wichtigsten Dinge erledigt." Für alles Weitere müssten zusätzliche Millionen investiert werden. Doch bevor auch nur ein Cent in die Hand genommen werden könnte, müssen andere Grundsatzfragen geklärt sein. Die Albtalstraße liegt nämlich in einem FFH-Natur- und Landschaftsschutzgebiet. Eingriffe in die Natur bei den Sicherungsarbeiten verlangen daher Ausnahmeregelungen nach europäischem Recht – und die sind schwer zu bekommen.

Die Natur zähmt hier niemand

Also bleibt es vorerst weiter ruhig, kein Motorenlärm, niemand, der sich vor einem um die enge Kurve heranrasenden Fahrzeug in Sicherheit bringen muss. Die Albtalstraße bleibt leer. An den majestätisch aufragenden Felstürmen am Rand perlt glitzernd das Wasser herab. Unten gedeihen Farne, davor sprenkeln Steinbröckchen den Asphalt. Normalerweise würde die Straßenmeisterei solche kleineren Steinschläge wegfegen, die Regenrinnen frei halten und das Randgrün zurückschneiden – doch die Natur zähmt hier derzeit niemand.

Das erfreut freilich nicht alle Menschen. Unter den Bewohnern im Gebiet rund um die Albtalstraße ist der Unmut über die lange Sperrung groß. Es herrscht die Angst, das Albtal werde mehr und mehr abgehängt; besonders Berufspendler fürchten um ihre Infrastruktur – und Hoteliers und Gastronomen um eine beliebte Touristenattraktion.

Eine dauerhafte Sperrung hätte beträchtliche Auswirkungen auf die Region, sind sich die Bürgermeister von Albbruck und Görwihl, Stefan Kaiser und Carsten Quednow, einig – und zwar "keine guten". Werde einmal eine derartige Straße im ländlichen Raum für immer geschlossen, sei man schnell bei der nächsten, glauben die beiden Bürgermeister. Und das sei schlecht für die Zukunft des ländlichen Raums.

Regierungspräsidium verweist auf Alternativrouten

Diese Sorge vermag man im Regierungspräsidium allerdings nicht nachzuvollziehen. Es gäbe doch genügend Alternativen, etwa die Kreisstraßen Richtung Albbruck-Schachen, sagt ein Sprecher. Das RP würde, bliebe es bei der Sperrung, diese Straßen zu Landesstraßen hochstufen und deren Unterhalt übernehmen. Schon wegen dieser kostengünstigeren Alternative werde die Albtalstraße das Nachsehen haben, so die Befürchtung mancher Anwohner. Doch dafür könnte auch der Naturschutz sorgen. Ein zweites Gutachten soll deshalb die Rechtslage klären – und dessen Ergebnis könnte erst recht jede Investition in die Sicherung der Albtalstraße verhindern und damit deren Dauersperrung bedeuten.

Albbrucks Bürgermeister Stefan Kaiser sieht das Land in der Pflicht, das Gutachten in Auftrag zu geben und auch zu bezahlen. Entsprechende Vorbereitungen laufen, heißt es dazu von Seiten des Regierungspräsidiums. Und da man mit nicht allzu hohen Kosten für das Gutachten rechnet, würde das Land diese tragen.

Nicht nur Motorradfahrer mögen die kurvige Strecke

Doch was bedeutet die drohende Sperrung der historischen Strecke für den Tourismus? "Die Albtalstraße ist für die Region ein bedeutsames Kleinod", sagt Görwihls Bürgermeister Quednow. "Mit der Schließung würde sie eine Attraktion verlieren." Laut Norbert Göppert vom Infobüro der Hochschwarzwald Tourismus GmbH in St. Blasien ist die Straße gerade für Schweizer Touristen eine so attraktive wie kurze Verbindung in den Hochschwarzwald oder zu Zielen wie Görwihl, Dachsberg und St. Blasien. Gerade Motorradfahrer schätzen die kurvige Strecke. Laut dem RP waren dort 2013 pro Tag 852 Fahrzeuge unterwegs. Sollte die Albtalstraße gesperrt bleiben, rechnet Göppert mit Einbußen für die Pensionen und Gasthöfe nahe der Straße, die "deren Existenz durchaus bedrohen". In St. Blasien sei, bedingt auch durch Baustellen direkt vor Ort, schon im bisherigen Frühjahrsverlauf die Zahl der Tagestouristen zurückgegangen. Aber erst wenn die Bauarbeiten abgeschlossen sind, könne festgestellt werden, ob die Sperrung der Albtalstraße nicht doch die Hauptursache für den Rückgang sei.

Also kämpfen die Menschen der Region um ihre Straße. Martin Kistler, Landrat des Kreises Waldshut, steht mit Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer in Kontakt. An der Tiefensteinerbrücke sollen am Mittwoch, 18. Mai, um 18.30 Uhr die Bürger über die neuste Entwicklung informiert werden. Zugleich will man für den Erhalt der Straße demonstrieren. Ob sie jemals wieder befahren werden kann – niemand weiß es. Die letzte Entscheidung lässt noch auf sich warten. Derweil sprießen Pflanzen zwischen Felsen und Asphalt, und die Straße verschwindet mehr und mehr im Grün des Waldes.

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