Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

11. November 2017

Fesselnder Erzähler

Ein Freiburger Albert-Klavierabend mit Igor Kamenz.

Bedrohlich grollende Bässe, blitzschnelle, harte Akkordfolgen, perlende Regentropfen im Diskant – mit drei kurzen Werken, die tonmalerisch Sturm und Gewitter beschreiben, begann der russische Pianist Igor Kamenz seinen Albert-Klavierabend in Kooperation mit dem Studium generale in der Aula der Universität. "Schlechtes Wetter" von Richard Strauss in einer sehr gelungenen Bearbeitung für Klavier von Gieseking, "Der Sturm" von Sibelius aus seinen fünf Charakterstücken op. 103 und "Sturmwolken" aus dem Nachlass von Edvard Grieg leiteten einen äußerst temperamentvollen Konzertabend ein.

Es folgte die Dante-Sonate von Franz Liszt, in der der Komponist seine Begegnung mit der "Divina Commedia" des italienischen Dichters musikalisch verarbeitet. Er wählte die offene Form einer "Fantasia quasi Sonata", kontrastierte in ihr die Beschreibung der Verdammten, der Hölle mit den Liebesqualen der Francesca da Rimini. Kamenz interpretierte das Werk mit atemberaubender Virtuosität und Leidenschaft, aber leider zu holzschnittartig. Zu schnell war ein Einheitsfortissimo erreicht, das keinerlei Steigerungsmöglichkeiten, keine Feindifferenzierung mehr zuließ. Schön ausgesungen erklang das lyrische Liebesthema, aber es wurde von der infernalischen Höllenbrut förmlich zermalmt.

Werbung


Nach der Pause erfreuten sich Pianist und Zuhörer an einer kleinen Auswahl aus den "Pièces de Clavecin" des Barockmeisters François Couperin. Sehr berührend erklangen sie, man lauschte verzückt der klar strukturierten Klangrede. Die Verzierungen wurden fein ausgespielt, Kamenz wurde zum fesselnden Erzähler. Mit diesem Gestus begann er auch die "Appassionata" Beethovens.

Sie wurde zum Ereignis. Jede Phrase hatte da Bedeutung, war beseelt, tief empfunden. Das viertönige Schicksalsmotiv in den Bässen drohte unheilschwer. Die grandiosen Läufe gelangen nahezu makellos. Auch im Andante des zweiten Satzes konnte jede Phrase ausschwingen und atmen, feinste Farbnuancen beglückten. Im Presto des Schlusssatzes brach nochmals ein gewaltiger Sturm los, den Kamenz pianistisch so gut beherrscht: eine hochspannende Interpretation dieses großen Werks. Dafür gab es tosenden Beifall und Bravorufe. Eine barocke Zugabe erklang, der Pianist war erschöpft, aber glücklich, so schien es.

Autor: Elke Seifert