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19. Juni 2012
Buch in der Diskussion
FIFA-Mafia: Wo man trickst, besticht und mundtot macht
BUCH IN DER DISKUSSION: Thomas Kistner fällt in seinem Buch ein vernichtendes Urteil über den Fußball-Weltverband.
Wahrscheinlich ist Joseph Blatter froh darüber, in diesen Tagen nicht im Mittelpunkt zu stehen. Die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine fällt nicht in sein Aufgabengebiet, sie wird von der Europäischen Fußball-Union (Uefa) veranstaltet. Blatter steht indes dem Weltverband (Fifa) vor – und weil diese Organisation für ihren Chef ungefähr so bedeutsam ist wie alle Religionsgemeinschaften zusammen, ist auch der 72-jährige Schweizer ganz wichtig. Das bringt ihm Audienzen bei Staatsoberhäuptern, Wirtschaftsbossen und Religionsführern ein.
Es hat allerdings auch die unangenehme Nebenwirkung, dass Blatters Machenschaften von kritischen Journalisten wie Thomas Kistner von der Süddeutschen Zeitung ausgeleuchtet werden – mit einem vernichtenden Urteil. In seinem Buch "Fifa-Mafia – die schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball", arbeitet sich Kistner auf 426 Seiten an der Fifa ab – oft unaufgeregt nüchtern, manchmal sarkastisch, aber immer informativ und mit einer Detailtreue, die nach dem Lesen der krimihaft spannenden Lektüre nur einen Schluss zulässt: Der Name Fifa steht für Bestechung, Amtsmissbrauch, Vetternwirtschaft – kurz: für mafiöse Strukturen. Das Gebaren der Spitzenfunktionäre ist so dreist, dass es treffend in einem Satz ausgedrückt werden kann: Über der Fifa steht nur der Himmel.
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Das Seltsame an der Sache ist: Es gibt Ermittlungen gegen Fifa-Funktionäre, teils von Fifa-eigenen Kommissionen, teils von staatlichen Stellen. Es existieren Urteile, die unter anderem belegen, dass die Fifa-nahe Rechteagentur ISL die sagenhafte Summe von 140 Millionen Euro an Bestechungsgeldern im Weltsport bezahlt hat, aller Wahrscheinlichkeit nach einen Teil davon auch an Vertreter des Fußball-Weltverbandes. Doch die Fifa macht weiter wie bisher.
Der Autor des Buchs hat viele Dokumente gesammelt und Funktionäre befragt. Das Ergebnis: Bei der Vergabe von Weltmeisterschaften wird getrickst und gemauschelt. Stimmen werden gekauft, es gibt Briefkastenfirmen und dubiose Geldflüsse. Verbandsfürsten stecken sich gern Geld in die eigene Tasche, das als Entwicklungshilfe deklariert ist: die Fifa als Selbstbedienungsladen, aber nicht einer vom Tante-Emma-Format, sondern von XXL-Größe. Und wer beim Thema Finanzen aufmuckt, wie der ehemalige Fifa-Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen, wird mundtot gemacht und bei der nächstbesten Gelegenheit aus dem Amt gedrängt.
Der Fußball-Weltverband wird – wie jedes Weltunternehmen – von der Zentrale aus gesteuert. Die befindet sich in Zürich. Und es ist natürlich kein Zufall, dass die Fifa, ebenso wie fünf Dutzend anderer Sportverbände in der Schweiz residiert. Nur sehr naive Zeitgenossen bringen das damit in Verbindung, dass Fifa-Chef Blatter ein Schweizer ist. Nein, auch bevor der kleine Mann aus Visp im Oberwallis 1998 das Fifa-Zepter übernahm, wurde diese Organisation von Zürich aus geleitet, weil die Schweiz die Verbände wie Vereine behandelt und deshalb von ihnen kaum Steuern verlangt – obwohl die Fifa im laufenden WM-Zyklus rund vier Milliarden Euro erlöst, vor allem mit dem Vermarkten der Weltmeisterschaft.
Vor Blatter war es der Brasilianer Joao Havelange, der von 1974 bis 1998 den bedeutendsten Sport-Fachverband der Welt mit eiserner Hand regierte und seinen damaligen Generalsekretär (Joseph Blatter) einwies in die korrupte Welt des Fußballs.
Dabei wird in der Fifa-Zentrale in Zürich brav darauf geachtet, dass das Geschäftsgebaren möglichst wenig transparent ist. Nicht umsonst wählten die Bürger der Schweiz den Begriff "Fifa-Ethikkommission" zum Unwort des Jahres 2010. Und die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche hat erst kürzlich die "Verschlossene Auster" wegen fehlender Transparenz an den Fußball-Weltverband vergeben.
Deren Chef Joseph Blatter hält die Fäden in der Hand – und er hat schon seinen Nachfolger ausgeguckt. Es ist der Franzose Michel Platini. Als Präsident der Europäischen Fußball-Union ist er für die EM verantwortlich. Nach der Lektüre des Buchs kann man sich gut vorstellen, dass der Autor Recht hat, wenn er darüber schreibt, auch bei der EM-Vergabe sei tüchtig geschmiert worden.
Wer die 426 Seiten gelesen hat, wundert sich jedenfalls über gar nichts mehr.
Autor: Georg Gulde



