Wo früher Milch gesammelt wurde, reift künftig Bier in den Tanks

Regine Ounas-Kräusel

Von Regine Ounas-Kräusel

Fr, 07. September 2018

Fischingen

Der 28-jährige Fischinger Sven Wendland hat sich einen Traum erfüllt und baut das Milchhüsli in eine Mikrobrauerei um / Ziel ist es, Gasthäuser zu beliefern.

FISCHINGEN (ouk). Sven Wendland will das Milchhüsli wieder zum Leben erwecken. Er will dort eine Mikrobrauerei eröffnen und Bier brauen. Der 28-Jährige aus Fischingen arbeitet bei Feldschlösschen, dem wohl bekanntesten Bierhersteller der Schweiz, als Lebensmitteltechnologe und Brauer. "Ich habe schon immer davon geträumt, mein eigenes Bier zu brauen", sagt er. Diesen Traum will er sich nun im Fischinger Milchhüsli erfüllen – als Hobby neben seinem Beruf in der Schweiz.

"Ein gutes Pils. Aber es gibt viele Biere, die ich gerne mag", antwortet Sven Wendland auf die Frage nach seiner Lieblingssorte. Er schwärmt von der Bierkultur in der niederländischen Stadt Leeuwarden, wo seine Freundin studiert. In vielen Gasthäusern dort stünden zehn oder mehr Biersorten auf der Karte, die Bedienung berate den Gast und bringe das passende Glas. Er erzählt von "Beer Tastings", bei denen die Gersten- oder Weizengetränke verkostet werden, so wie man in unserer Region Wein verkostet.

Sven Wendland bedauert, dass sich das Bierangebot in Gasthäusern unserer Region oft nur auf Pils, Weizen und Alkoholfreies beschränkt. Er sieht sich als Teil einer wachsenden Craft-Bier-Szene. Zu dieser Szene zählen sich Klein- und Kleinstbrauereien, die unabhängig von großen Firmen, handwerklich nach eigenen Rezepten Bier brauen. Die Bewegung kam von den USA nach Deutschland. Laut dem deutschen Brauverband gibt es in Deutschland aktuell rund 1500 Bierhersteller. Weit mehr als die Hälfte von ihnen sind Mikrobrauereien, die höchstens 1000 Hektoliter Bier ihm Jahr herstellen. Der Begriff steht übrigens in keinem Gesetz, sondern das Statistische Bundesamt verwendet ihn.

Die Kleinbrauereien müssen nicht zwangsläufig nach dem deutschen Reinheitsgebot arbeiten. Wenn sie "Bierspezialität" statt "Bier" auf die Flaschenetiketten schreiben, dürfen sie dem Getränk auch Kräuter oder andere Aromen zusetzen. "Man kann viel ausprobieren", sagt Sven Wendland. Doch solche "krassen Sachen" will er gar nicht machen. Er will lieber mit Hopfen, Malz, Hefe und Wasser experimentieren – den vier Zutaten, die das deutsche Reinheitsgebot erlaubt.

Die Würze verleiht jeder Biersorte ihren Charakter und auch den typischen Alkoholgehalt. Die Würze entsteht, wenn der Brauer das Gersten- oder Weizenmalz schrotet und, vereinfacht gesagt, in Wasser einweicht. Bei diesem Maischevorgang wandelt sich die Stärke aus dem Malz in Zucker um, den die Hefe später zu Alkohol vergärt. Der Hopfen verleiht einem Bier die Bitterkeit. Spezielle Hopfensorten könnten aber auch für exotische Aromen wie Zitrone oder Mango sorgen, erzählt Sven Wendland.

So können mit nur vier Zutaten so verschiedene Biere gebraut werden wie ein süffiges Weizen oder ein kräftiges dunkles Bockbier, ein helles Lagerbier oder ein herbes Pils. Sven Wendland ist überzeugt, dass die Leute auch in unserer Region diese Vielfalt schätzen und genießen würden.

Der große sportliche Mann liebt seinen Beruf. "Ich war schon immer an Naturwissenschaften und Handwerk interessiert. Die Bierbrauerei verbindet beides", sagt er. In jahrelanger Arbeit hat er – neben dem Dreischichtbetrieb am Arbeitsplatz – seine eigene kleine Brauanlage gebaut. Ein Freund hat ihm dabei geholfen. Diese Anlage will er nun im Milchhüsli aufstellen. Er habe sie übrigens aus alten Milchtanks gebaut, erzählt er schmunzelnd.

Vor wenigen Wochen gab der Fischinger Bauer Alfons Jost sein Milchvieh auf und nutzt das Milchhüsli seitdem nicht mehr. Sven Wendland fragte daraufhin bei Bürgermeister Axel Moick, ob er das Gebäude für seine Brauerei mieten könne. Der Gemeinderat stimmte dem am 18. Juli zu. In den kommenden Wochen will die Gemeinde das alte Gebäude, das Risse in den Wänden hat, grundlegend sanieren lassen. Extras wie eine Kühlung für die Brauanlage wird Sven Wendland aber selbst bezahlen oder auch selbst einbauen müssen.

Im Herbst soll er einziehen können. Sein Bier will er dann als Fassbier an Gasthäuser aus der Umgebung verkaufen. Mit zwei Gasthäusern sei er schon im Gespräch, sagt er.