"Flüchtlinge sind keine Katastrophe"

Jutta Geiger

Von Jutta Geiger

Mo, 01. Oktober 2018

Müllheim

Fotojournalist Dirk Marquardt berichtete über seine Erfahrungen in Afghanistan und als Seenotretter.

MÜLLHEIM. Geflüchtete gehören mittlerweile zum Straßenbild der Region. Man trifft sie auf der Straße, im Fußballverein, oder auf dem Gerüst des Dachdeckers am Haus gegenüber. Ist die Angst davor, in Deutschland von Flüchtlingen überrannt zu werden, berechtigt? "Nur drei Prozent der Flüchtenden weltweit kommen überhaupt nach Europa!", klärt Erik Marquardt auf, der auf Einladung des Ortsvereins Markgräflerland und des Kreisverbands Breisgau-Hochschwarzwald des Bündnis 90/Die Grünen mit erschütternden Fotos dem Publikum von seinen Reisen berichtete.

Der kleine Saal des Müllheimer Bürgerhauses war voll und in seinem rund 90-minütigen Reisebericht beleuchtete Marquardt die drei häufigsten Fluchtrouten nach Europa, nämlich die Balkanroute, die Route von Marokko nach Spanien und die Mittelmeerroute nach Italien. "Beschämend" war das Wort, das er am häufigsten gebrauchte, und zwar immer dann, wenn er die Behauptungen von Politikern mit seinen eigenen Erfahrungen vor Ort verglich. Beschämend findet er außerdem, von Flüchtlingen in Verbindung mit Naturkatastrophen zu sprechen, also die Wörter Flüchtlingswelle, -lawine oder -flut. Es handle sich um Menschen, machte Marquardt deutlich, die in Not seien. Doch wie sieht diese aus? Anfang 2017 bereiste er Kabul in Afghanistan, traf dort auf eine angespannte Sicherheitslage, in der Bewohner versuchen, den Alltag zu bewältigen. "Viele Kinder, aber keine Kindheit" habe er vorgefunden, erzählte der 30-Jährige, Kinderarbeit gehöre zum Straßenbild, genau wie die Tagelöhner, die nach zehn Stunden schwerer körperlicher Arbeit nur so viel Lohn erhalten, dass es für ein trockenes Stück Brot reicht. Der Fotojournalist besuchte zwei Flüchtlingslager, in denen Menschen ohne Winterkleidung den Minustemperaturen trotzen mussten. Auch an der türkischen Küste, unweit von Urlaubsorten besuchte er Flüchtlings-Camps, dokumentierte das Ablegen von Schlepperbooten. Auf den Schlauchbooten mit kleinem Motor, die für 12 Menschen ausgelegt sind, wurden 50 bis 70 Personen untergebracht, berichtete Marquardt, die weder Schwimmwesten trugen noch schwimmen konnten und wenn es sie ganz hart traf, unterwegs ihren Motor geklaut bekamen.

Im Folgenden erzählte der engagierte Journalist von seinen Einsätzen als Seenotretter. Grundsätzlich handelt es sich dabei um Freiwillige jeder Berufsgruppe, die sich auf einem meist sehr alten Boot zusammentun, um gemeinsam drei Wochen lang auf See den Horizont abzusuchen und die Einsätze, die ihnen von der Seenotrettungszentrale in Rom zugeteilt werden, abzuarbeiten. Inzwischen sei die Seenotrettung ungewünscht, ärgerte sich Marquardt, lieber werde die libysche Küstenwache damit beauftragt, Flüchtlinge nach Libyen zurückzubringen. Seit Juni gebe es keine Einsatzkoordinierung mehr in Rom, berichtete er, und auf seiner letzten Rettungsaktion im Mai, wurden sie mit lang dauernden Fahrten nach Italien von weiteren Einsätzen abgehalten. Der Vorteil der langen Reise war jedoch, mit den geretteten Menschen ins Gespräch zu kommen, so erfuhr der Fotojournalist haarsträubende Lebensgeschichten, die von Gefängnis über Folter bis hin zu Sklaverei handelten, bei Frauen steht Vergewaltigung an der Tagesordnung.

Erik Marquardt (30) wohnt in Berlin, arbeitet als Fotojournalist, war Sprecher der Jugendorganisation von Bündnis 90/Die Grünen und ist seit 2015 Mitglied des Parteirats von Bündnis 90/Die Grünen.