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21. März 2017

Im Roman "Der Block" übernimmt die extreme Rechte Regierungsverantwortung

In Jérôme Leroys Roman "Der Block" übernimmt die extreme Rechte Regierungsverantwortung / Lesung in Freiburg.

  1. Für ihre Anhänger ist sie eine Lichtgestalt: Marine Le Pen beim Wahlkampf in Südfrankreich Foto: AFP

In dieser Nacht werden die Weichen gestellt. Doch niemand glaubt, dass der Zug noch die Richtung ändert. In ganz Frankreich brennen die Vorstädte, auf dem Fernsehbildschirm werden die Toten gezählt. Manche reden schon von einem Bürgerkrieg, seit vier Monaten herrscht Ausnahmezustand. Dabei hat sich die konservative Regierung selbst in die Bredouille gebracht. Nun scheint der einzige Ausweg eine Koalition mit dem Bloc Patriotique: Die Rechtsradikalen haben ihr Ziel erreicht.

Aus deren Sicht ist dieser Erfolg die logische Konsequenz ihrer Bemühungen, für den Kriminalroman "Der Block" dient dieses Horrorszenario quasi als Kulisse. Mitten aus dem Zentrum der neuen Macht erzählt Jérôme Leroy von einem großen Einschnitt für zwei wichtige Figuren der Partei. Für den einen beginnt ein neues Leben, für den anderen ist es vorbei. Allein, dass diese äußerst zynische Konstellation glaubwürdig erscheint, zeigt, wie schlimm die Zeiten schon sind. Analytisch und zugleich auch Voyeurismus bedienend, taucht Jérôme Leroy in die Abgründe eines zumindest hierzulande in dieser Form fremden Milieus. Der Kunstgriff dabei ist, dass er zwei Hauptakteure selber sprechen lässt.

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Zum einen fungiert Stanko als Ich-Erzähler, um von seinem Aufstieg zum Sicherheitschef der Partei zu berichten. Nun geht es ihm an den Kragen, da der nicht minder skrupellose und brutale Chef des Verfassungsschutzes seinen Tod verlangt. Aus Rache. Für die große Sache wird diese Hinrichtung in Kauf genommen. Antoine Maynard, sein langjähriger Freund, Weggefährte und Waffenbruder leidet darunter, und doch ergibt er sich dem vermeintlichen Schicksal. Antoine führt an diesem denkwürdigen Abend ein Zwiegespräch mit sich selbst, er ist der Gatte der Parteichefin Agnes Dorchelle, die den Bloc Patriotique von ihrem schwächelnden Vater übernommen und modernisiert hat. Parallelen zum Front National sind natürlich gewollt, zumal eine Parteigeschichte auch Thema des Buches ist. Aber der Roman funktioniert nicht als Dokumentation oder semi-dokumentarische Innenschau, sondern ist viel mehr als das: Eine Fiktion, die sich verhält wie Literatur im besten Sinne. Charaktere werden entfaltet und Wahrscheinlichkeiten ausgelotet, Erzählstrategien angewandt und ein Sog entsteht, dem sich der Leser kaum entziehen kann.

Während Stanko, der Ex-Skinhead, präzise und mit einfachen Worten von seiner Herkunft und seinem Werdegang berichtet, bekommt man als Leser fast Mitleid: Der Vater, ein Arbeiter und zwangsläufig Kommunist, brachte sich um, als das Kohlerevier zugemacht wurde. Nach Militär und einer Karriere als Skin wurde Stanko im Block die Anerkennung zuteil, nach der er immer gesucht hat. Zum Sicherheitschef befördert, baut er eine illegale Armee auf und später noch eine Eliteeinheit. Seine Schüler sollen ihn jetzt liquidieren. Die Warnung eines Verräters nimmt Stanko ohne Groll als schlichte Kriegserklärung an.

Zehn Ministerposten sollen es werden in dieser alles entscheidenden Nacht – Maynard ist als Staatssekretär vorgesehen. "Du bist Faschist geworden, wegen der Möse einer Frau", kokettiert er mit seiner Situation. Doch Karriere und Biografie sprechen eine andere Sprache. Leroy inszeniert Manyard als hochkomplexen Charakter: Als Romanautor weiß er zu fesseln, als Intellektueller zu überzeugen und als Ideologe und Propagandist zu verführen. Während seiner Selbst-Reflexion läuft im Fernsehen der Film-Klassiker "Masculin-Féminin" von Godard, sein Ausbruch aus dem trägen katholischen Bürgertum erscheint geradezu klassisch. Seinen Eintritt in die rechte Szene schon als Jugendlicher rechtfertigt Maynard mit der saturierten 68er-Linken und dem Tod seines eigenwilligen Großvaters. Seinen Hang zu Gewaltausbrüchen erklärt er aus dem Zeitgeist der 70er, der ihn als wildes Kind schon zum Außenseiter stempelte. Und vor allen Dingen – wie er selber sagt – ist er kein Freak wie fast alle seiner Parteigenossen, sondern ein gut aussehender Hüne mit unbändiger Kraft und scharfem Verstand. Der sein altes Frankreich wieder haben will, die Brasserien, die Bäcker und die guten alten Zeiten. Und der sich über das Reichsmarschall-Getue der neureichen Ultra-Rechten mokiert, aber letztendlich alles tut für die Macht. Und der für den neuerlichen Hang zum Luxus sogar über die Leiche seines besten Freundes geht.

Nicht zwischen den Zeilen, sondern in den Zeilen wird alles gesagt. Jérôme Leroy hat ein grandioses Buch geschrieben, weil es auch die Mechanismen rechter Romantik entlarvt.

Jérôme Leroy: Der Block. Roman. Deutsch von Cornelia Wend. Edition Nautilus, Hamburg 2017. 317 Seiten, 19,90 Euro.
Lesung mit dem Autor am Mittwoch, 22.3., 19:30 Uhr im Centre Culturel Français Freiburg.

Autor: Joachim Schneider