Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

24. Juni 2008

Wo die schöne Adrienne eine Hochantenne hat

Gut gelauntes Publikum bejubelte die "südbadische Grammophon" bei ihrem Konzert im voll besetzten Freiämter Kurhaus.

FREIAMT. So oft kommt es nicht vor, dass in einem Konzert alles stimmt – abgesehen vielleicht von Kleinigkeiten. "Leicht(es) und Skandalöses aus den zwanziger Jahren" hieß es am Samstag im Kurhaus – auf der Bühne stand die "Südbadische Grammophon". Trotz Fußball war der Saal voll, obwohl dessen herber Charme der Siebziger nicht unbedingt Assoziationen an Friedrich Holländer und Erich Kästner weckt. Wer diesen Abend der Fußballeuropameisterschaft versäumte, wurde mehr als entschädigt, schließlich standen Meister ihres Fachs auf der Bühne. 14 Sängerinnen und Sänger, dazu sieben Begleitmusiker, ließen mit Charme, Witz und sehr viel Können die Zeit von Friedrich Hollaender, Robert Stolz oder Erich Kästner auferstehen.

Die Musik geht ins Ohr, die Arrangements sind ausgezeichnet gemacht, der Chor entwickelt mühelos Klangkraft und Substanz. Die meisten der Akteure gehen anderen, zeitaufwändigen Berufen nach und musizieren noch in weiteren Ensembles. Ralf Wolter, von dem die Arrangements stammen, erzählt, dass gerade alle zwei Wochen Proben drin sind; viel, sagt Wolter, übten die Beteiligten zu Hause. Groß auf Star macht hier keiner – Wolfgang Faller, musikalischer Leiter, singt selbst im Bass. Dass die Gruppe, übrigens von einem sehr guten Ensemble begleitet, Ohrwürmer zu Gehör bringt, ist nichts, wofür man sich schämen müsste. "Mein Bruder macht im Tonfilm die Geräusche" ist so einer, genauso "Die schöne Adrienne hat eine Hochantenne".

Werbung


Harmonisch schwierig, aber für die "Südbadische Grammophon" keine Klippe, ist "In Nishni-Nowgorod". Anlass für eine Menge anzüglicher Bühnenkomik gab "Meine Beine, deine Beine unterm Tisch". Der erste Teil des Konzerts rauschte kurzweilig und im besten Sinn unterhaltend über die Bühne.

Musikalisch ziemlich knifflig wurde es nach der Pause: Drei Stücke von Erich Kästner aus dem Hörspiel "Leben in dieser Zeit" kamen durchaus nicht so eingängig wie die Musik des ersten Teils daher. Aber auch hier konnten die Sängerinnen und Sänger der "Grammophon" absolut überzeugen und zeigten, dass sie auch das Zeug zu Solisten haben – so Wolfgang Faller in "Man müsste wieder . . ." Kästner geht hier der alten und ewig jungen Frage nach, was man täte, wenn man noch einmal Sechzehn wäre. Christoph Weis brillierte in "Die möblierte Moral".

Jedem Superlativ gerecht wurden dann die Hollaender-Stücke "Ach, wie mich das aufregt", "Sexappeal" (wunderbar am Klavier: Eva Maurus), "Guck doch nicht immer nach dem Tangogeiger hin" (Ironie am Rande: in Freiamt spielte eine Tangogeigerin, Melina Meiner). Femmy Lipschinski, Susanne Wolter, Thomas Erle und Stephan Schieting machten "Laß mich einmal deine Carmen sein" ebenso zum Ereignis wie Jutta Meiner und Wolfram Waltersberger "Du bist die Frau".

Jubel, Ovationen, Zugaben – wobei man heute nicht um die Bemerkung herumkommt, dass der Song über die Fidschi-Inseln allenfalls als historische Reminiszenz durchgehen kann, politisch korrekt ist der Text noch nie gewesen.

Apropos: Ralf Wolter blieb in seinen Moderationen seltsam skizzenhaft. Dabei ist seine Idee, das Geschehen auf der Bühne in Ausschnitte aus dem Leben Friedrich Hollaenders zu kleiden, eigentlich ganz gut; nur müsste sie deutlicher gefasst werden.

Die "Südbadische Grammophon" spielt am Samstag, 19. Juli, in der Riegeler "Kumedi".

Autor: Frank Berno Timm