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09. August 2011 18:46 Uhr

Versorgung

Freiburg hat zu viele niedergelassene Ärzte

Wie viel Arzt ist gesund? Laut Gesundheitsministerium hat Freiburg bei Hausärzten einen Versorgungsgrad von 141 Prozent. Eine Überversorgung? Nein, meinen Experten. Denn nicht alle Stadtteile sind gleich gut versorgt.

  1. Freiburg hat zu viele niedergelassene Ärzte Foto: dpa

So praktizieren beispielsweise in keiner anderen Stadt in Deutschland so viele Hausärzte im Vergleich zur Einwohnerzahl. Auch bei Augen- und Nervenärzten, Orthopäden und Psychotherapeuten rangiert Freiburg unter den zehn Städten mit der höchsten Ärztedichte. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen hervor. Während AOK-Chef Wolfgang Schweizer die Kostenseite im Blick hat, halten Ärzteverbände die Grundlagen der Berechnungen für nicht mehr zeitgemäß.

Laut Gesundheitsministerium hat Freiburg bei Hausärzten einen Versorgungsgrad von 141 Prozent und liegt damit auf Rang zwei nach Starnberg. Nimmt man eine andere Kennziffer zum Maßstab, dann ist die Stadt bundesweit spitze: nämlich mit 89,9 Hausärzten je 100 000 Einwohnern. Ebenfalls in den deutschen Top-Ten liegt Freiburg bei den Psychotherapeuten (377,9 Prozent, Rang zehn). Zum Vergleich: Spitzenreiter Tübingen weist gar einen Versorgungsgrad von 578 Prozent auf. Bei Augenärzten, Orthopäden und Nervenärzten zählt Freiburg zu den zehn Städten mit den meisten Medizinern im Verhältnis zur Bevölkerung. Über alle Fachgruppen hinweg gilt nicht nur Freiburg, sondern der ganze Südliche Oberrhein als überversorgt.

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In einer Stadt kann es Unter- und Überversorgung geben

Der Markt ist also dicht. Und das seit Jahren. "Sperrgebiet", sagt Ulrich Clever, der seit 20 Jahren eine Frauenarztpraxis betreibt. Er ist gleichzeitig Präsident der Landesärztekammer und will von einer Überversorgung dennoch nicht sprechen. Notfälle würden zwar auch in den Freiburger Arztpraxen immer noch behandelt. "Aber für einen regulären Termin müssen die Patienten mehrere Wochen warten." Clever hält die Bedarfsplanung für reformbedürftig. Sie müsse viel kleinräumiger ausgelegt werden. So müsse eine Praxis in Weingarten, die kaum Privatpatienten versorgt, deutlich härter arbeiten und mehr Fälle behandeln, als ein Kollege in Herdern. Mit der Folge, dass die weniger privilegierten Stadtteile auch weniger Fachärzte aufweisen – innerhalb einer Stadt kann es also Unter- und Überversorgung geben.

Ganz abgesehen davon, dass die niedergelassenen Freiburger Ärzte auch zahlreiche Pendler behandeln, was die Bedarfsplanung nicht berücksichtigt. "Das Denken in Stadt- und Landkreisgrenzen bildet die Patientenströme nicht ab", meint auch Kai Sonntag, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KV), die für die Vertragsärzte mit den Krankenkassen ums Geld verhandelt und es verteilt. Von tatsächlicher Überversorgung könne keine Rede sein.

Allerdings: Gerade in Gemeinden im Freiburger Speckgürtel finden sich auffallend viele Arztpraxen, die in ihren Karteien viele Patienten aus der Stadt haben. Ein Ausgleich, der sich aus keiner Statistik ablesen lässt.

Bestehende Praxen dürfen weiterverkauft werden

Dass in Freiburg besonders viele Ärzte praktizieren, ist typisch für Universitätsstädte. Die Mediziner wollen nach ihrer langen Ausbildung in der gewohnten Umgebung bleiben. "Das gibt es auch in anderen Berufszweigen, etwa bei den Juristen", sagt KV-Sprecher Sonntag. "Und Freiburg hat einen hohen Wohnwert und ist damit ein attraktiver Standort für Familien."

Dass die Zahl der Ärzte nicht zurückgeht, obwohl seit Jahren keine neue Praxis zugelassen wird, hat einen einfachen Grund: Bestehende Praxen dürfen weiterhin an Nachfolger verkauft werden. "Aber", sagt Gynäkologe Ulrich Clever, "früher gab es fünf bis zehn Bewerber um eine Praxis, heute sind es vielleicht zwei." Mit Folgen: Laut Clever haben sich die Preise in den vergangenen fünf Jahren halbiert. Genaue Summen werden in der Branche allerdings nicht genannt. Dass der Verkauf einer Praxis gleichsam die Altersversorgung für den ausscheidenden Arzt ist, könne man sich inzwischen abschminken.

Einen anderen Blick hat Wolfgang Schweizer, Geschäftsführer der AOK Südlicher Oberrhein. "Das Angebot generiert Nachfrage." Sprich: Wo Ärzte sind, gibt es Patienten. Und damit Kosten. "Jeder Deutsche geht im Jahr durchschnittlich 17 mal zum Arzt." Ihm macht vor allem Sorge, dass in ländlichen Gebieten die Ärzteversorgung dünner wird. "In der Bundesrepublik gibt es 12 000 Ärzte zu viel, aber am falschen Platz."

Die Bundesregierung will nun mit einem Versorgungsgesetz finanzielle Anreize schaffen, damit sich Ärzte auch in weniger attraktiven Gegenden niederlassen.

Bedarfsplanung

Seit 1993 legt eine bundesweit gültige Bedarfsplanung für die Stadt- und Landkreise fest, wie viele Ärzte in welcher Fachrichtung als ausreichend gelten. Der Berechnung liegt eine höchst komplizierte mathematische Formel zugrunde, die die Art der Städte ebenso berücksichtigt wie die Bevölkerungsstruktur. Wenn die Quote bei 110 Prozent und höher liegt, gilt ein Gebiet als überversorgt. Die Folge: Kein weiterer Vertragsarzt kann sich mehr mit einer Praxis selbständig machen. Darüber wacht ein Zulassungsausschuss, in dem die Kassenärztliche Vereinigung und die Krankenkasse sitzen.

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Autor: Uwe Mauch