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23. Dezember 2011
Eintauchen in andere Welten
MENSCHEN VON NEBENAN: Stephen Willaredt liebt das Theater.
HERDERN. Was fasziniert Stephen Willaredt (24) am Theater am meisten? Vielleicht, sagt er nach kurzem Überlegen, dass beim eineinhalb- oder zweistündigen Abtauchen in andere Welten niemand die ihm verhasste Frage stellt danach, was für eine Behinderung er denn eigentlich hat. Mit solchen Schubladen kann er nichts anfangen. Mit Theater und Technik dagegen sehr viel. Darum ist es für ihn selbstverständlich, die Theater-AG der Richard-Fehrenbach-Gewerbeschule zu unterstützen, zu der er selbst gehörte, bis er vor vier Jahren dort Abi gemacht hat.
Ein paar Wochen lang konnte Stephen Willaredt so arbeiten, wie es ihm am besten gefällt: mit Jugendlichen, die aus Begeisterung dabei sind, ohne Noten zu bekommen. "Noten sind ohnehin das Bescheuertste, was man sich ausdenken kann", sagt Stephen Willaredt. Einige Wochen war er Technik-Chef für die Aufführung "Der Joker" nach dem Roman von Markus Zusak an der Richard-Fehrenbach-Gewerbeschule. Und es blieb nicht beim Beleuchten, was eigentlich sein Hauptjob war. Stephen Willaredt hatte auch dramaturgische Tipps parat und arbeitete eine neue Technikgruppe ein.Werbung
Dafür hat er gern eine Pause bei seinem Bachelorstudiengang "Theater und Medien" an der Uni Bayreuth eingelegt. Die Richard-Fehrenbach-Gewerbeschule hat ihn auch nach seinem Abschied vor vier Jahren nie losgelassen. Sie ist hauptverantwortlich für seine Theaterfaszination, auch wenn die ursprünglich ganz anders angefangen hatte: Mit einem Mädchen in der Theater-AG der Stephen-Hawking-Schule in Neckargemünd, die er bis zur mittleren Reife besuchte – "auf dieses Mädchen stand ich wahnsinnig".
Danach hätte ihn eigentlich nichts mehr zum Theater gedrängt, doch Hiltrud Hainmüller, die Deutschlehrerin an seiner neuen Schule, lud ihn zum Mitmachen ein. Sie leitet die 30-köpfige, nach ihrer Auskunft einzige Theater-AG einer Freiburger Gewerbeschule mit ihrem Kollegen Mathias Lauck. Stephen Willaredt war damals neu an der Schule, er ging aufs technische Gymnasium. Das war keineswegs selbstverständlich: Von den meisten Schulen hatte er Absagen bekommen, nur die Richard-Fehrenbach-Gewerbeschule war bereit, ihn aufzunehmen. Stephen Willaredt braucht wegen einer Tetraspastik – einer Lähmung der Arme und Beine – als Folge von Sauerstoffmangel bei der Geburt einen Rollstuhl, darum war er ursprünglich auf der Stephen-Hawking-Schule gelandet.
Irgendwann hatte er "keinen Bock mehr auf eine Spezialschule" – doch in den Zeiten vor der UN-Konvention zur Gleichstellung von Menschen mit und ohne Behinderung war ’s schwer, das umzusetzen. Auch an der Richard-Fehrenbach-Gewerbeschule blieb er immer ein bisschen in einer Sonderrolle, bilanziert Stephen Willaredt, trotz aller Theaterbegeisterung, die bald mehr Raum einnahm als alles andere Schulische, und trotz aller Rollen – seine erste war übrigens die eines Psychoanalytikers.
Das mit der Sonderrolle hat sich geändert, bei der Arbeit mit den Schülern war er kein Rollstuhlfahrer, sondern ein Theaterexperte. "Das war cool", sagt Stephen Willaredt. Er hasst die im Trend liegenden Diskussionen um Inklusion, denn eines ist klar: "Wenn man über Integration sprechen muss, dann ist sie nicht da."
Klar ist aber auch, dass Stephen Willaredt mit Einschränkungen lebt, die ihn zu bestimmten Entscheidungen geführt haben: Er setzt seine Schwerpunkte bewusst eher auf technische Aspekte, ist Beleuchtungsassistent und technischer Abendleiter im Theaterraum der Uni Bayreuth und plant nach seinem Bachelor-Abschluss einen technischen Master-Studiengang. Sein Traum: Als Beleuchter an Laientheatern arbeiten, im Idealfall als Koordinator für Schultheater.
Das findet er viel reizvoller als Profis, die oft weit weg vom wirklichen Leben sind: "Da werden fünf Liter Blut auf der Bühne vergossen, aber die Energie fehlt."
Autor: Anja Bochtler
