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16. Juli 2014

Für einen offenen Umgang mit Depression

LEUTE IN DER STADT: Die Gebärdendolmetscherin Bea Blumrich radelt auf der Mood-Tour bis Bremen.

  1. Kurz vor dem Start: Bea Blumrich Foto: T. Kunz

Bea Blumrich sitzt bereits in sportlicher Kleidung auf dem Vordersitz eines Tandems, Fahrradhandschuhe an den Händen. Die Satteltaschen sind vollgepackt mit Zelten, Isomatten und Gaskochern. Ihr Helm hängt am Lenker. Ein Unterstützer schraubt an den Pedalen. Letzte Vorkehrungen vor dem Start. Die 32-Jährige ist Teil eines Sextetts, das zur "Mood-Tour" aufbricht, einer Fahrradreise durch ganz Deutschland gegen die Stigmatisierung von Depressionen.

Die Tour rollt seit einem Monat auf verschiedenen Strecken und in mehreren, stets wechselnden Teams kreuz und quer mit Tandems durch die Republik. 70 Städte werden insgesamt angefahren, bevor sich alle Teams am 20. September in Köln treffen. Hauptanliegen der Fahrradtour ist Aufklärung über eine Volkskrankheit, die jährlich mehr als 9000 Menschen das Leben nimmt, und die mit so vielen Vorurteilen behaftet ist, wie kaum eine andere Erkrankung.

Bea Blumrich ist schon zum zweiten Mal dabei. Sie ist freiberufliche Dolmetscherin für deutsche Gebärdensprache und Deutsch. Vier Jahre lang hat sie Gebärdensprachdolmetschen an der Hochschule in Magdeburg studiert, wo sie auch geboren ist. 2010 verschlug es sie nach Freiburg "aus privaten Gründen", wie sie sagt. Weil es ihr von Anfang an gut gefiel, ist sie der Stadt bis heute treu geblieben. Mittlerweile hat sie einen festen Kundenstamm. Ihre Arbeit beginnt dort, wo eine Übersetzung zwischen Hörenden und Gehörlosen notwendig wird. Ihre Einsätze sind so vielfältig wie das Leben selbst: Geburtsvorbereitungskurse, Theaterbesuche, Arzttermine, Meetings in Firmen, Familien- und Firmenfeste oder Behördengänge. Ein Job mit hoher Verantwortung und Überraschungen, immer im Kontakt mit Menschen. Dass Blumrich darin ihren Traumjob gefunden hat, glaubt man der kommunikativen und lebhaften jungen Frau sofort.

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Ihre Arbeit war es auch, die sie 2012 zur ersten Mood-Tour brachte. Eine gehörlose Freiburger Teilnehmerin hatte sie gefragt, ob sie mitfahren wolle. Kurz entschlossen ist Blumrich daraufhin in das Team eingestiegen, auch um als gebärdenkompetente Teilnehmerin die Verständigung zwischen allen Radlern zu vereinfachen. "Die Erfahrungen während der Tour haben meinen Horizont erweitert", sagt sie. "Es war mein erster intensiver Kontakt mit dem Thema Depression, und ich habe erkannt, wie wichtig das Thema ist. Aber auch wie tabuisiert."

Gegen dieses Tabu will Bea Blumrich mit den anderen Tandemfahrern vorgehen: an Infostände in den Städten, durch mediale Aufmerksamkeit und in persönlichen Gesprächen mit möglichst vielen Menschen. Ab Hildesheim werden auch Gehörlose mitfahren. Auf der Etappe, die in Freiburg startet, radelt eine Hörgeschädigte mit. Blumrich kann die Fähigkeiten, die sie für ihren Job benötigt, mit ihrem privaten Engagement verbinden, das ihr sichtbar am Herzen liegt.

Depression zum Thema zu machen, offen und ohne Tabus darüber zu sprechen, in Laut- und Gebärdensprache, das ist Bea Blumrich wichtig. Auf der Mood-Tour will sie ihren Teil dazu beitragen.

DIE MOOD-TOUR

Mood ist Englisch und bedeutet Stimmung. Die Organisatoren der Mood-Tour wollen ein Zeichen setzten, um die Depression aus der Tabuzone zu holen. 64 Männer und Frauen – davon sind oder waren 39 depressiv – fahren in Staffeln über drei Monate eine Strecke von insgesamt 7 000 Kilometern. Pro Teilstück sind drei Tandems unterwegs, die im Schnitt 55 Kilometer täglich bewältigen. Von der Erkrankung sind in Deutschland etwa vier Millionen Menschen betroffen. Das Projekt wird unter anderem unterstützt von der Deutschen Depressionshilfe, dem Freiburger Bündnis gegen Depression und der Aktion Mensch. Wer möchte, kann kostenlos mitradeln.  

Autor: lwx

Autor: Laura Wisser