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19. Mai 2017

Gewöhnt an Herausforderungen

MENSCHEN VON NEBENAN: Christine Asal ist die neue Quartiersarbeiterin des Vereins "Nachbarschaftswerk" im Stadtteil Stühlinger.

  1. Gut gewappnet für alle Probleme: Christine Asal im Stühlinger Quartiersladen. Foto: ingo Schneider

STÜHLINGER. Reitlehrerin oder Astronautin: Das waren die Traumberufe von Christine Asal (38) in ihrer Kindheit. Auf keinen Fall wollte sie was Soziales machen – es reichte, dass ihre Eltern Sozialpädagogen waren. Doch es kam anders: Nach einer außergewöhnlichen Schulzeit und nachgeholten Schulabschlüssen begann Christine Asal 2008 als alleinerziehende Mutter ihr Studium der Sozialen Arbeit an der Evangelischen Hochschule. Schnell war sie voll in ihrem Element. Seit Januar ist sie die neue Stühlinger-Quartiersarbeiterin des Vereins "Nachbarschaftswerk".

Christine Asal kommt sehr gern in den Quartiersladen an der Ferdinand-Weiß-Straße: "Man weiß nie, was der Tag bringt", sagt sie. Das genießt sie: "Die Menschen und Themen kommen einfach." Und die sind so vielfältig wie das Leben. In ihrer halben Stelle bringt sie da längst nicht alles unter, Überstunden sind die Regel. Vor ihr war bis Herbst Marion Tritschler im Einsatz, die in Rente ging – vor kurzem ist sie gestorben.

Unter Marion Tritschlers Regie war es engagiert vorangegangen mit den Plänen zur Neugestaltung vom Quartier Metzgergrün durch die Bewohner und die Freiburger Stadtbau. Das ist auch für Christine Asal ein Hauptthema. Wenn in ein paar Jahren der Abriss der idyllischen kleinen Häuschen beginnt, sollen aus bisher 252 künftig 500 Wohnungen werden, die Hälfte sozial gefördert. Das werde der Knackpunkt, sagt Christine Asal – dass wirklich genügend bezahlbare kleine Wohnungen dabei sein werden für alle, die hier leben. Von diesen Menschen ist sie beeindruckt: Die Bewohnerinitiative gab den Ausschlag dafür, dass sie die Stelle unbedingt haben wollte – "dort arbeiten viele Generationen und Menschen mit unterschiedlicher Bildung effektiv miteinander, das ist einfach klasse!"

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Darauf, für alles Lösungen zu finden, fühlt sich Christine Asal gut vorbereitet. Dazu trug ihre abenteuerliche Schulzeit bei, die sie ambivalent sieht: Sie gehörte, 1979 in Emmendingen geboren, zur ersten Schülergeneration der Freien Schule Elztal in Kollnau, die sich an Waldorfschulen orientiert, aber nicht zu deren Verbund gehört. Statt eines Abschlusses gab’s am Ende eine einjährige Weltreise, unter anderem durch Ägypten, Israel, Indien, China, die Mongolei und Russland.

Durch die vielen Auseinandersetzungen der nur sieben Jugendlichen der Abschlussklasse untereinander und mit einer Lehrerin blieb Christine Asal die Zeit vor allem als stressig in Erinnerung. Und wie sehr sie während der ganzen Schulzeit festgelegte Ziele vermisst hatte, wurde ihr klar, als sie mit Anfang 20 in der Abend-Realschule und am Kolping-Kolleg die Mittlere Reife und das Fachabitur nachholte: "Ich fand es genial, klar definierten Stoff zu haben und Arbeiten zu schreiben." Umso mehr legte sie sich ins Zeug, machte die Abschlüsse quasi nebenher, während sie immer jobbte – unter anderem als Tagesmutter, in Pflegeheimen und im Einzelhandel.

Dann hätte sie eigentlich ein Studium in ihren Lieblingsfächern Biologie oder Chemie gereizt – doch 2003, direkt nach dem Fachabitur, wurde sie Mutter und war von Anfang an alleinerziehend. Auch eine Ausbildung zur Tanzlehrerin stellte sich mit dem Alleinerziehenden-Alltag als unvereinbar heraus. Da bot sich die Soziale Arbeit an. Christine Asal merkte schnell, dass das eine gute Entscheidung für sie war, sie fand bald zu den Themen, die sie bis heute am meisten bewegen: Armut, die Lage von Frauen und besonders von Alleinerziehenden – und Gemeinwesenarbeit, die in Freiburg Quartiersarbeit genannt wird. Ihr Praxissemester machte sie im Mehrgenerationenhaus Waldkirch in der Gemeinwesenarbeit, ihre Bachelorarbeit schrieb sie über die Armutsbewältigung von alleinerziehenden Müttern, danach leitete sie unter anderem den Alleinerziehenden-Treff in Waldkirch und arbeitete bei "In Via" mit jungen Müttern. Zurzeit schreibt sie neben ihrem Teilzeitjob und dem Leben mit ihrer nun 13-jährigen Tochter ihre Masterarbeit über religiöse und nichtreligiöse Sekten – die Idee kam ihr durch die Strukturen ihrer alten Schule, die sie kritisch sieht.

Der Stühlinger ist von ihrem derzeitigen Zuhause in Opfingen zwar ein Stück weg, doch sie hat hier früher mal gewohnt und den Stadtteil immer sehr gemocht.

Autor: Anja Bochtler