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08. September 2008 17:06 Uhr

Sperrmüll in Freiburg

Was die Schrottsammler den Profis übrig lassen

Den Profis bleibt nur der Müll: Wenn die Männer von der Stadtreinigung kommen, ist nicht mehr viel übrig, was Geld bringt. Schrottsammler haben den Sperrmüll schon am Abend davor durchwühlt. Eine Reportage aus dem Freiburger Stadtteil Stühlinger.

  1. Sperrmüll in Freiburg: Abholung nur auf Bestellung. Foto: Daniel Gräber

  2. Profi-Schrottsammler Foto: Daniel Gräber

  3. Der Vorarbeiter Foto: Daniel Gräber

  4. Ausrangiert Foto: Daniel Gräber

  5. Am Presswagen Foto: Daniel Gräber

  6. „So wenig Schrott bei so viel Sperrmüll.“ Foto: Daniel Gräber

  7. Was Geld bringt, ist schon weg. Foto: Daniel Gräber

  8. Aufräumen müssen die Profis. Foto: Daniel Gräber

  9. Männer in Orange Foto: Daniel Gräber

  10. Den Rest schluckt die Presse. Foto: Daniel Gräber

Den Profis bleibt nur der Müll: Wenn morgens die Männer von der Stadtreinigung kommen, ist nicht mehr viel übrig, was Geld bringt. Schrottsammler haben den Sperrmüll schon abends durchwühlt. Eine Reportage aus dem Freiburger Stadtteil Stühlinger.

Es ist ruhig in der Guntramstraße. Neben einem Hauseingang lehnen drei Sofapolster und ein Paar Langlaufski an der Wand. Davor stehen Pappkartons, gefüllt mit Dingen, die nicht mehr gebraucht werden. Die Straßenlaterne taucht sie in gelbes Licht.

Ein knatterndes Mofas nähert sich während auf dem Gehweg eine junge Frau stehen bleibt. Sie nimmt drei Ordner und zwei Federballschläger, mit denen sie im Eingang des Nachbarhauses verschwindet.

Das Mofa hält. Der Fahrer, ein junger Mann, schiebt den Helm lässig nach oben und schaut den Sperrmüllhaufen an. Zwei ältere Männer wühlen schon drin herum – auf der Suche nach verwertbarem Schrott. Ein kaputtes Fahrrad ohne Räder entdeckt der Kleinere, der nach Alkohol riecht. Der andere hat selbst ein Fahrrad dabei, das er mit Plastikplanen und Kleinzeug aus Metall belädt. Wackelnd fährt er davon. Auch der Mofafahrer knattert weiter, sein Anhänger quietscht dabei. Es gibt hier wohl nichts mehr zu holen.

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Der kleinere Mann entdeckt einen lila Kuscheldino, setzt ihn auf eines der Polster, das an der Hauswand lehnt. Der Mann lacht. Mit dem kaputten Fahrrad in der rechten Hand schlurft er in die andere Richtung. Es ist wieder ruhig in der Guntramstraße.

Morgens kommen die Profis

Am nächsten Morgen in der Fehrenbachallee: Vier Männer in Orange durchwühlen Möbelreste in einer Tiefgarageneinfahrt. Zwischen zerbrochenen Spanplatten und alten Matratzen fischen sie ein Modem und ein Telefon heraus und legen beides auf einen Kühlschrank. Den Rest schluckt die Müllpresse.

Die Männer sind Profis. Sie kommen nur, wenn sie gerufen werden. Sperrmüll auf Bestellung, das hat die Freiburger Stadtreinigung eingeführt, um es den Schrottsammlern schwieriger zu machen. Vertreiben lassen sie sich aber nicht, sie haben am Vorabend ganze Arbeit geleistet.

"So wenig Schrott bei so viel Sperrmüll, das ist alles", klagt der Muskulöseste der Männer. Er hat sehr kurze, blonde Haare und stammt aus Albanien. Auf der Ladefläche des Lastwagens, mit dem er dem Presswagen hinterherfährt, sammelt er Elektrogeräte und Altmetall. Den Schrott verkauft die Stadtreinigung weiter.

Den Kühlschrank zieht er die Einfahrt hoch und dreht ihn um. Dort, wo sonst der Kompressor sitzt, ist nichts. "Alles weg, was Geld kostet. Kabel, alles", sagt der Profi-Schrottsammler. – "Das waren die Leichenfledderer", meint der Vorarbeiter, ein kleinerer Mann mit Schnurrbart.

Mal 10, mal 20 Euro oder mal gar nichts

Die Leichenfledderer sind meistens auf Mofas unterwegs. So wie der etwas dickere Dunkelhaarige, der am Abend zuvor auf einen Anwohner der
Klarastraße einredet. "Schreib mir, sonst Ärger mit Polizei", wiederholt er aufgeregt. Der Mann will eine Quittung für seine kostenlose Beute. Kein Wunder: Er hat ein Fahrrad quer auf seinen Anhänger gelegt, die Kette verrostet, ansonsten wirkt es tadellos. "Du kannst das Rad mitnehmen, aber ich schreibe nichts", sagt der Anwohner, der gerade eine neue Ladung Gerümpel auf den Gehweg gebracht hat.

Im Mofaanhänger liegen ein paar Meter Kabel, zusammengerollt. 60 oder 70 Cent je Kilo bekomme er dafür auf dem Schrottplatz, sagt der Sammler. An einem Abend kämen mal 10, mal 20 Euro zusammen, oder mal gar nichts. Die zehn Euro fürs Benzin muss er immer bezahlen.

Woher er weiß, wo es abends was zu holen gibt, die Stadtreinigung behält ihre Route ja für sich? "Spazieren, spazieren", sagt er und setzt sich den roten Helm auf.

Leider keinen Platz mehr

Nebenan in der Guntramstraße ist nicht mehr viel zu holen für Schrottsammler. Eine Plastikwanne ist umgekippt, aber das ist das einzige Zeichen der Verwüstung. Eine Frau um die 50 mit einer Tätowierung auf dem Oberarm, nähert sich den Kartons. Zwei flache Tontöpfe nimmt sie heraus, bewundert sie im gelben Licht der Straßenlaterne und murmelt vor sich hin: "So schön, so schön. Was man da alles rein machen kann. Erdnüsse. Nur leider habe ich keinen Platz mehr." Seufzend stellt sie das Tongeschirr zurück. Ihr suchender Blick bleibt an dem lila Kuscheldino hängen, der immer noch auf dem Sofapolster sitzt. Ein kurzes Zögern und er verschwindet in ihrer Kunstleder-Umhängetasche. "Der passt zu meinem Krokodil", murmelt sie und verschwindet in der Dunkelheit. Morgen kommen die Profis.

Autor: grae