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28. Januar 2012

Kirchendiener mit Bibel und Motorrad

MENSCHEN VON NEBENAN: Nach zweieinhalb Jahrzehnten Dienst an "seiner" Ludwigskirche ging Hermann Junginger in Ruhestand.

  1. An der Ludwigskirche hat Hermann Junginger sich immer wohlgefühlt. Nun freut er sich aber auch auf den Ruhestand, für den er mit seiner Frau nach Denzlingen umgezogen ist. Foto: Günter Hammer

HERDERN (BZ). Als Hermann Junginger sich in den 80er Jahren bei der evangelischen Kirche bewarb, wurde noch seine Frau zu den beiden Vorstellungsgesprächen miteingeladen. Die Kirchenältesten der damaligen Ludwigsgemeinden Süd und Nord wollten ganz genau wissen, wem sie die Stelle geben und wer in die leerstehende Pfarrwohnung neben dem Gemeindehaus einzieht. Nun wurde Junginger in einem festlichen Gottesdienst in "seiner" Ludwigskirche von Pfarrerin Folkers, dem Ortsältestenkreis und vielen Gästen in den Ruhestand verabschiedet.

"Wir saßen beim Bewerbungsgespräch vor zwanzig Leuten, das war schlimmer, als wenn ein Bischof ausgesucht wird", erinnert sich der 62-Jährige schmunzelnd. Als Kirchendiener und Hausmeister für die Ludwigskirche an der Starkenstraße und das damals noch an der Hauptstraße angesiedelte Gerhard-Ritter-Haus nahm er dann die Arbeit auf, die er rund zweieinhalb Jahrzehnte lang ausüben sollte. Heute gehöre er zu einer "aussterbenden Spezies", meint Hermann Junginger. Denn Kirchendiener mit einer vollen Stelle, die nur an einer Kirche tätig sind, gibt es in Freiburg bald nicht mehr. Im Zuge des von der evangelischen Stadtsynode verabschiedeten Personalkonzepts zur Haushaltssicherung müssen die Kirchendiener und Hausmeister künftig in mehreren Kirchen und Gemeindehäusern einer Pfarrgemeinde tätig sein. Dies wird als realistisch angesehen, weil einerseits die zu pflegenden Raumflächen reduziert werden und es andererseits Unterstützung durch Reinigungsfirmen und andere Dienstleister gibt.

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Der Gas- und Wasserinstallateur war "Mädchen für alles"

Junginger konnte allerdings dem althergebrachten, ortsgebundenen Modell viel abgewinnen. Zu den wichtigsten Aufgaben eines Kirchendieners zählt er die Präsenz: "Ich war wie ein Landwirt, der sich 24 Stunden um seinen Hof kümmert." Für viele sei er so der erste Ansprechpartner in Sachen Kirche gewesen, vor allem für diejenigen, für die "die Schwelle zum Pfarrer zu hoch war".

Zum "Hof" des gelernten Gas- und Wasserinstallateurs gehörten neben der fast 60 Jahre alten Kirche in Herdern und dem Kirchturm auch das Gemeindehaus und früher auch der Kindergarten. Mit der Fusion zur "Pfarrgemeinde Nord" kam aber in den vergangenen Jahren bereits das Gemeindezentrum der Thomaskirche in Zähringen zu seinem Aufgabenbereich dazu.

Der Alltag, das hieß die Räume richten, die Küche pflegen, hier und da mal eine kleine Reparatur mit eigenen Mitteln bewerkstelligen, den Winterdienst ausführen, das große Gelände mit den fünf großen Laubbäumen versorgen und vieles mehr. Von morgens bis zum späten Abend.

Zu Beginn der Woche ging’s häufig etwas ruhiger zu, "das wurde dann zum Wochenende hin stets intensiver". Samstag und Sonntag war Dienst die Regel. Seine Arbeitszeit konnte der leidenschaftliche Pfeifenraucher und Elvis-Fan sich dabei zum größten Teil frei einteilen. Ein Vorteil, den er auch genoss.

War er auf seinem Kirchhof stets gegenwärtig, so hielt er sich in der Kirche während des Gottesdiensts am Sonntagmorgen im Hintergrund: "Da war ich nur zu sehen, wenn das Mikrofon kaputt war." Er kümmerte sich, dass die Liedtafel richtig bestückt war, die Altarkerzen brannten und an Weihnachten darum, dass der bis zu acht Meter hohe Christbaum sicher stand und die Lichter schön funkelten. Ein besonderes Anliegen war ihm die Sakristei: "Die hab ich verteidigt, dass der Raum nicht als Kammer missbraucht wurde."

Ein bisschen stolz auf den guten Gottesdienstbesuch

Regelmäßig brannte eine Kerze vor und während des Gottesdienstes in dem Raum, wo sich die Geistlichen zurückziehen, um sich vorzubereiten und innerlich zu sammeln. Und die Pfarrerinnen und Pfarrer haben es ihm gedankt. "Hier fühlt man sich richtig eingeladen", habe mal einer gesagt. Bis heute ist er denn auch ein bisschen stolz auf den auffallend guten Gottesdienstbesuch, den es in der Ludwigskirche ganz selbstverständlich gibt.

In der vergangenen Woche ist er mit seiner Frau Sigrid nach Denzlingen umgezogen. Denn auf dem Platz des ehemaligen Kirchendienerhauses steht inzwischen das neue Gerhard-Ritter-Haus, in das das Pfarramt und das Landeskantorat eingezogen sind. Zwischenzeitlich hatte das Ehepaar in einem Privathaus gegenüber der Kirche gewohnt. Am neuen Wohnort freut er sich erstmal auf die Ruhe, wenn "niemand mehr an der Haustür klingelt" und er endlich Zeit hat, die großen kirchlichen Feiertage auch als Privatperson zu feiern. "Wahnsinnig" freut er sich auf das neue Stehpult, das er zum Abschied von der Gemeinde als Geschenk erhielt. Darauf legt er dann seine Hausbibel, denn "die Bibel möchte ich im Stehen lesen". Und er freut sich auf sein Motorrad. Mit seiner schweren Maschine war er immer wieder mal ab und zu eine Stunde in den Schwarzwald gefahren. "Da konnte ich alles hinter mir lassen", sagt er und lacht.

Autor: bz