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12. November 2008 21:22 Uhr

Stromausfall

Freiburg ohne Saft

Plötzlich ist der Computerbildschirm schwarz, das Telefon stumm, selbst das Handy findet kein Netz. Um 10.44 Uhr ist auf einen Schlag Freiburg ohne Saft. Die Leute strömen auf die Straße und fragen verdutzt: "Was ist passiert?"

  1. Erich Möck von Badenova zeigt auf die ab 10.43 h ansteigende Spannungskurve. Dieser plötzliche Anstieg war der Auslöser für den Stromausfall. Foto: Ingo Schneider

  2. Ebenfalls im Einsatz: die Freiburger Feuerwehr. Foto: Thomas Kunz

Im Drogeriemarkt am Bertoldsbrunnen steckt eine Mutter mit ihrem Kind im Aufzug fest. Die Cafés können keinen Kaffee mehr ausschenken, für Licht sorgen die Kerzen auf den Tischen. Mehr als zwei Drittel der Ampeln fallen im Stadtgebiet aus. Doch die Fahrer passen sich schnell an. "Alle sind sehr rücksichtsvoll und vorsichtig gefahren", sagt ein Autofahrer danach.

Die Straßenbahnen stehen weitgehend still. Lediglich die Linie 1 von Ost nach West rollt. Die städtische Verkehrs AG schickt Ersatzbusse auf die Strecken. Die Polizei fährt Patrouille. Die Hautklinik und die Psychiatrie des Universitätsklinikums werfen den Dieselmotor ebenso an wie das Regierungspräsidium, der Kaufhof und Institute der Universität. Die Uni-Klinik selbst verfügt über ein eigenes Kraftwerk und hängt nicht am Stromnetz der Badenova-AG. Und manch’ einer findet das Blackout ganz nett: "Das ist, als wäre die Zeit stehen geblieben", sagt ein Mann, der vor seinem Laden steht.

Am Mittwoch zeigte sich in Freiburg, wie sehr eine Stadt vom Strom abhängt. Bis zu 45 Minuten fiel in weiten Teilen der Stadt der Strom aus. Der Grund: Bei Wartungsarbeiten wurden die 110-Kilovolt-Netze von Badenova und Energie Baden-Württemberg (EnBW) im Umspannwerk Eichstetten zusammengeschaltet. Dabei kam es zu Spannungsschwankungen. Die Sicherheitseinrichtungen schalteten vier Transformatoren ab, was zu dem Stromausfall führte. "So etwas kann passieren", sagt EnBW-Sprecher Jürgen Scheurer. Lediglich 16 Minuten fiel 2007 der Strom im EnBW-Netz aus. Der Schnitt liegt in Deutschland bei 20 Minuten. Dagegen müssen die Kunden in Frankreich 51, in Italien 76 und in Finnland 103 Minuten pro Jahr auf Strom verzichten.

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Dass es in jüngster Zeit vermehrt zu Stromausfällen kommt, kann auch Erich Möck, Sprecher des regionalen Energieversorgers Badenova, nicht bestätigen. Allerdings berge der Kostendruck im liberalisierten Strommarkt die Gefahr, dass die Energieversorger weniger in ihre Infrastruktur investierten.

Für einen tagelangen Blackout gibt es keinen Aktionsplan

Bei Hüttinger Elektronik versucht Werksleiter Andreas Friedel erst gar nicht, seinen Ärger zu verbergen. Seine Firma erhält von Badenova eine Leitung, bei der aus zwei Quellen Strom eingespeist wird. Sie soll garantieren, dass das Unternehmen stets mit Strom versorgt wird. "Daher haben wir uns ganz bewusst gegen ein Notstromaggregat entschiedet", sagt Friedel.

Das hat sich gestern morgen gerächt. Gegen elf Uhr stehen die Maschinen still, die Server stürzen ab. Kollegen aus Japan rufen an und fragen, warum sie nicht auf das System zugreifen können. Die elektronischen Zutrittskontrollen fallen aus. Die Mitarbeiter müssen die Türen mit Keilen offen halten, um sich nicht aus- oder einzuschließen.

Wie es in Deutschland nach einem Tag Stromausfall aussehen würde, damit haben sich vier Bundestagsabgeordnete von Union, SPD, Grünen und FDP, Wissenschaftler und Vertreter der Wirtschaft beschäftigt. Ihr Szenario steht in einem Grünbuch des "Zukunftsforums Öffentliche Sicherheit", das vor kurzem vorgestellt wurde. Es liest sich wie ein Katastrophenroman: Wasser- und Abwasserversorgung versagen, Tiefgekühltes vergammelt. Wer vor dem Stromausfall kein Geld abgehoben hat, steht blank da. Benzin gibt es kaum noch, weil die Pumpen an den Tankstellen ohne Strom nicht laufen.

"Es ist ein realistisches Szenario", sagt Co-Autorin Marie-Luise Beck. "Die Netze sind heute viel größer und viel stärker ausgelastet, aber zum Teil veraltet." Vorbereitet ist auf diese Situation nach Ansicht der Autoren niemand in Deutschland. Beck: "Für einen tagelangen Stromausfall gibt es keinen Aktionsplan."

"Die Betreiber lassen die Netze verrotten", beklagt auch Aribert Peters vom Bund der Energieverbraucher. Nach Ansicht seines Verbandes ist die Stromversorgung in den vergangenen Jahren schlechter geworden. Die Statistiken der Versorgungswirtschaft zeigen selbst, dass Stromausfälle zunehmen, so Peters.

Wer für den gestrigen Stromausfall verantwortlich ist, darüber streiten sich EnBW und Badenova. Der Karlsruher Konzern EnBW spricht von einer "üblichen Spannungsabweichung". Diese Lesart weist Badenova strikt zurück. "So etwas habe ich noch nie erlebt", sagt Rudolf Gebert, der seit 15 Jahren in der Freiburger Verbundwarte arbeitet.

Autor: Constance Frey, Uwe Mauch, Joachim Röderer, Frank-Thomas Uhrig und Silke Kohlmann