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27. Januar 2010

Alte Geschichten bleiben aktuell

MENSCHEN VON NEBENAN: Jutta Scherzinger, Märchenerzählerin

  1. Märchenhafte Atmosphäre: Jutta Scherzinger und der Musiker Wolfgang Rogge beim Auftritt im Kappler Pfarrgemeindeheim Foto: Anja Bochtler

KAPPEL. Es ist mollig warm in der Kachelofenstube des katholischen Pfarrgemeindeheims Kappel. Und so voll, dass die Stühle bis in den Flur stehen. Doch trotz der Enge sind alle Besucher still. Die Kerze auf dem kleinen Tisch mit der roten Samtdecke flackert vor sich hin. Daneben steht Jutta Scherzinger und erzählt Märchen.

Ganz vorn sitzt Pia (9). Sie und ihr Freund sind die einzigen Kinder bei diesem Märchenabend für Erwachsene mit dem Thema "Winterspuren". Pia ist gespannt, noch ein bisschen mehr als alle anderen. Denn Jutta Scherzinger (45) ist ihre Mutter. Wie ist das mit einer Märchenerzählerin als Mutter? "Toll!", sagt Pia. Sie ist meist die Erste, die alles zu hören kriegt, was Jutta Scherzinger einstudiert. Eine Woche bis zu einem halben Jahr dauert es, bis ein Märchen "sitzt". Jutta Scherzinger lernt alles erstmal Wort für Wort auswendig, sie braucht ein Gerüst, an dem sie sich entlanghangeln kann. 70 Märchen sind es mittlerweile, die sie erzählen kann, gelesen hat sie natürlich viel mehr – sie hat einen ganzen Schrank voller Märchenbücher.

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Pia mag am liebsten "Jorinde und Joringel" von den Brüdern Grimm, ihre Mutter findet Märchen für Erwachsene am faszinierendsten, besonders die chinesischen: "Da steckt so viel Feinheit drin." Als Kind war sie ein großer Fan von "Aschenputtel". Damals fing es damit an, dass sie ihre liebsten Märchen anderen erzählte. Doch dann wurde Jutta Scherzinger, die in Karlsruhe aufwuchs, erwachsen, und mit den Märchen war erstmal Schluss. Sie wurde Arzthelferin und las lange kein einziges Märchen mehr – bis sie Mitte, Ende 30 war und ihr Sohn Tim (inzwischen 11) und dann Pia ins Erzählalter kamen.

Eines Tages hörte Jutta Scherzinger einer professionellen Märchenerzählerin zu und beschloss: "Das will ich auch machen!" Mit 40 begann sie eine Ausbildung zur Märchenerzählerin in Rastatt. Zwei Jahre lang überlegte sie zusammen mit anderen immer an einem Wochenende im Monat, was ihr Märchen sagen, sie spielte sie nach und verinnerlichte sie.

Seit diesem Start in einen neuen Beruf sind fünf Jahre vergangen, sie hat noch eine Meditationsausbildung drangehängt, mittlerweile ist sie rund 20 Mal im Jahr im Einsatz, bei Festen, in Galerien, auf Themenabenden – so wie jetzt in Kappel, wo sie seit zwölf Jahren lebt und das Bildungswerk zweimal im Jahr Märchenabende mit ihr organisiert. Sie hat ihr festes Publikum. "Das ist Entspannung pur", sagt eine Frau, die regelmäßig kommt.

Trotzdem – davon leben könnte Jutta Scherzinger bisher nicht, ohne die Absicherung durch ihren Mann ginge es nicht. Oft tritt sie mit dem Musiker Wolfgang Rogge auf, manchmal singt sie seine Lieder mit. Doch vor allem erzählt sie: laut und leise, lachend und mit der Stirn in Falten gelegt, humorvoll und ernst.

Märchen sind kein bisschen altmodisch, findet sie, viele sind im Gegenteil höchst aktuell. Zum Beispiel das japanische Märchen, das sie an diesem Abend erzählt: Da kommt ein Mann verbittert und verändert aus dem Krieg zurück. Seine Frau macht sich nach dem Rat einer Heilerin auf die beschwerliche und gefährliche Jagd nach einem weißen Haar aus dem Kragen des schwarzen Bären, das ihren Mann aus seiner Erstarrung reißen soll. Sie folgt den Spuren des Bären durch den Schnee. Doch als sie das Haar der Heilerin bringt, wirft die es vor ihren fassungslosen Augen ins Feuer. Es genüge, wenn sie sich daran erinnert, wie sie sich mitten in der Bedrohung gefühlt hat, sagt die Heilerin – dann verstehe sie ihren Mann.

Autor: Anja Bochtler