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10. Januar 2012
Herberge für die Weihnachtsfeier
Die russisch-orthodoxe Gemeinde feiert traditionell im Januar.
LITTENWEILER/INNENSTADT. Die russisch-orthodoxe Gemeinde Freiburg "Kreuzerhöhung und Heiliger Nikolaus" sucht eine neue Heimat. Denn die Peterhofkapelle an der Niemensstraße in der Innenstadt, die sie 1960 für ihre Gottesdienste nutzt, ist viel zu klein. Erst recht an Feiertagen wie Weihnachten und Ostern, wenn bis zu 300 Gläubige kommen.
Bisher feierte die Gemeinde diese Hochfeste in der Maria-Schutz-Kapelle an der Schützenallee (Wiehre), die vom "Ökumenischen Arbeitskreis Ostkirchen" verwaltet und von der rumänisch- und der griechisch-orthodoxen Gemeinde als Gottesdienstraum genutzt wird. Das aber ist wegen Interessenskonflikten nicht mehr möglich. Abgesehen davon wachsen die vier orthodoxen Gemeinden Freiburgs stetig, weshalb auch die serbisch-orthodoxe Gemeinde schon die Maria-Schutz-Kapelle verlassen hat und nun ihre Gottesdienste in der evangelischen Thomaskirche in Zähringen abhält. Die fünfte Ostkirche in Freiburg, die ukrainische griechisch-katholische Gemeinde Sankt Josafat ist von jeher in der katholischen St. Martinskirche am Rathausplatz angesiedelt.Werbung
Die russisch-orthodoxe Gemeinde feierte nun zum ersten Mal Weihnachten in der katholischen Pfarrkirche St. Barbara in Littenweiler und wird am kommenden Samstag im dortigen Gemeindesaal auch ihre Weihnachtsfeier veranstalten. Am vergangenen Samstag waren an die 170 Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder zum Gottesdienst in die St. Barbarkirche gekommen. Am Samstag deshalb, weil orthodoxe Christen den ersten Weihnachtsfeiertag am 7. Januar feiern, der nach dem Julianischen Kalender (er war bis 1700 auch im deutschsprachigen Gebiet üblich) der 25. Dezember ist. Das Einzugsgebiet der Gemeinde ist groß, es erstreckt sich von der Ortenau, über den Hochschwarzwald bis nach Breisach und Müllheim. Oberhaupt der Gemeinde ist Michael Dronov aus Offenburg.
Angesichts der weiten Anfahrtswege ist es nicht verwunderlich, dass etliche Gottesdienstbesucher erst eintreffen, als die Liturgie schon im Gang ist. Jeder, der kommt, steckt eine brennende Kerze in mit Sand gefüllte Schalen. Und immer wieder passieren zwei Messdiener den Mittelgang, um am Eingang der Kirche Zettel abzuholen, auf die Gläubige Gebetswünsche geschrieben haben. Die beiden Jungen tragen prachtvolle, goldfarbene Gewänder, ebenso wie der Priester und die beiden Diakone.
Im Zentrum der Liturgie steht die Eucharistie, also die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Jesu Christi. Das ist eine Vorstellung, die orthodoxe Christen mit Katholiken teilen. Eine Ikone am Fuß der Treppe zum Chorraum veranschaulicht die Weihnachtsgeschichte. Ikonen haben in den Ostkirchen eine große Bedeutung, sie sind mehr als Bilder, vielmehr bezeugen sie nach Überzeugung der Gläubigen, dass Gott existiert. Im Betrachten erleben sie das biblische Ereignis. "Es ist für uns wie ein Fenster zum Himmel", erklärt Michael Dronov im Gespräch.
Während des Gottesdienstes laufen Kinder hin und her, davon unbeeindruckt geben sich die Erwachsenen der Liturgie hin. Überhaupt sind viele Kinder da, und schon die Jüngsten nehmen an der Kommunion teil. Denn in den östlichen Kirchen empfängt ein Christ dieses Sakrament schon mit der Taufe. Kaum jemand blättert im Gesangbuch. Gesungen wird auswendig und zwar unaufhörlich, verstärkt durch einen Chor und im Wechsel mit dem Priester. Diese Wechselgesänge sind typisch für die orthodoxe Liturgie. In Melodie, Harmonie und Rhythmus erinnern sie an Wiegenlieder. Den Eindruck, in der Kirche geborgen zu sein, sollen sie auch vermitteln. Die melodische Wellenbewegung zieht einen unwillkürlich in den Bann. Auch wer die russische Sprache nicht versteht, begreift, worum es geht. Gott ist als Kind auf die Erde gekommen, schwach und hilfsbedürftig, was für Christen bedeuten soll: Geht so mit euren Mitmenschen um, fürsorglich, geduldig und liebevoll, und gestaltet so auch eure Gemeinden. Gegliedert ist die Liturgie durch Lesungen aus dem Matthäusevangelium und dem Brief des Apostels Paulus an die Galater.
Ob die russisch-orthodoxe Gemeinde auf Dauer in Littenweiler bleiben kann, ist ungewiss. Das Erzbischöfliche Ordinariat und Stadtdekan Wolfgang Gaber unterstützen sie jedenfalls bei der Suche nach einem Gottesdienstraum, den sie dauerhaft nutzen kann. Denn die Peterhofkapelle ist inzwischen schon für normale Sonntagsgottesdienste viel zu klein. Platz braucht die Gemeinde ebenso für andere Aktivitäten. Abgesehen von der Glaubensvermittlung hat sie sich seit der Gründung 1952 zu einem Zentrum russischer Kultur im Breisgau entwickelt. Sie unterhält einen Chor und bietet Sprach-, Literatur- und Kunstunterricht.
Autor: Silvia Faller
