Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

07. Dezember 2010

Mit Talent gute Geschäfte machen

Adventsmärkte gibt’s derzeit viele – doch der vom "Tauschring" am Samstag war anders>: Dort konnte man ohne Geld einkaufen.

  1. Foto: Rita Eggstein

  2. Foto: Rita Eggstein

  3. Socken und Weihnachtliches gab’s beim Adventsmarkt des Tauschrings – und viele Kontakte. Foto: Rita Eggstein

WALDSEE. Nicht alles kann man kaufen – und auch nicht alles tauschen: Anna (7) ist enttäuscht, als sie von Bianca Mögel erfährt, dass sie das kuschelige kleine Lama an ihrem Stand im Saal der katholischen Gemeinde "Heilige Dreifaltigkeit" nicht bekommen kann. Bianca Mögel braucht es, um zu zeigen, woher die Wolle für ihre Socken stammt. Die aber kann man erstehen, und nicht nur für Geld. Denn beim Adventsmarkt des Talent-Tauschrings am Samstag galt neben der üblichen Währung in Euro auch die in Talenten.

Wie ist das denn jetzt mit diesen Talenten? Dorothea Braschoss, die Mutter von Anna, ist aus Neugier zum Markt gekommen und erfährt von Bianca Mögel, dass ein Talent einem Euro entspricht. Doch gehandelt wird nicht mit Münzen und Geldscheinen, sondern mit Gegenleistungen. Alle Mitglieder des Tauschrings haben ein Talente-Konto. Sie bieten an, was sie haben oder können. Bianca Mögel, die gerade erst beim Tauschring einsteigt, bietet vor allem Naturtextilien an, die sie normalerweise auf dem Wiehremarkt verkauft. Beim Tauschring verlangt sie Kombipreise: In Euro hätte sie gerne ihren eigenen Einkaufspreis erstattet, ihren Gewinn verlangt sie in Talenten – und möchte die gegen Massage eintauschen.

Werbung


Auch Dorothea Braschoss hat schon eine Idee, wie sie ihr Konto mit Talenten anreichern könnte: Sie ist Diplom-Pädagogin und möchte andere beraten. Unter den derzeit rund 350 Mitgliedern des Tauschrings werden die unterschiedlichsten Dinge ausgetauscht, Dienstleistungen genauso wie Waren. Die Preise legen die Anbieter in Talenten selbst fest, die Mitglieder informieren sich in der "Marktzeitung" über die Angebote.

Dabei geht’s den meisten nicht nur darum, sich ohne Geld etwas leisten zu können. Sie finden auch die Kontakte spannend. "Es sind so viele interessante Leute hier, auch altersmäßig gemischt", sagt eine ältere Frau, die vor Gestricktem, Apfelringen und Dinkelkissen sitzt – alles selbst gemacht. Sie hat über den Tauschring schon rechtlichen Rat und Training für den Wiedereinstieg beim Autofahren bekommen. Doch nicht allen fällt es leicht, auf Fremde zuzugehen, beobachtet Thomas Schulz, der bei der Entstehung des Tauschrings vor 15 Jahren zu den ersten Mitgliedern gehörte. Manche steigen wieder aus, wenn sich auf ihr Angebot in der Marktzeitung nicht gleich jemand meldet.

Da ist es umso wichtiger, die anderen persönlich kennen zu lernen – und genau das passiert auf diesem Adventsmarkt, der zum siebten Mal stattfindet. Natürlich sollen auch Menschen kommen, die bisher noch nicht dazu gehören. Meist melden sich an solchen Tagen rund 50 Neue an, sagt Thomas Schulz. Damit die Atmosphäre stimmt, sind Helferinnen und Helfer im Einsatz. Sie bekommen einen Stundenlohn von zehn Talenten. Marie-Luise Bergerowski ist eine von denen, die Kürbiscremesuppe und Waffeln (Preis: je zwei Talente/Euro) und Getränke verkaufen (von Säften für ein Talent/Euro bis zu Glühwein für zwei Talente/Euro). Sie will Leute treffen, durchaus mit der Hoffnung, dass ihr zweites Talent-Standbein neben ihrem Angebot als Friseurin bald besser nachgefragt wird: astrologische Beratung, 40 Talente die Stunde.

Johannes Weiermann, der Mann am Infostand neben den Getränken, kann mit seiner Währung hier auf dem Adventsmarkt gar nichts anfangen. Trotzdem informiert er über den "Freitaler". Das ist eine regionale Währung, für die es sogar Geldscheine gibt. Die gelten aber nur bei teilnehmenden Betrieben in Freiburg und Umgebung, um die regionale Wirtschaft zu stärken. Weiermann findet sowohl Freitaler als auch Tauschring gut, er ist bei beiden Initiativen Mitglied – so wie einige andere, die sich eine Koppelung der beiden Euro-Alternativen wünschen.

Autor: Anja Bochtler