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23. Januar 2012

Als die Wiehre kräftig wuchs

WIEDERSEHEN! An der Geschichte des Gebäudes Günterstalstraße 39 zeigt sich exemplarisch die Geschichte des Quartiers.

  1. Das Haus Günterstalstraße 39 einst und jetzt. Vor allem im ersten Obergeschoss haben sich die Bewohner für die 1911 entstandene historische Aufnahme links in Position gebracht. In dieser Etage wohnte Carl Eberlin, dessen Geschäft im Erdgeschoss zu sehen ist. Links schließt sich das Haus Nummer 37 an, das mit der 39 ein Doppelhaus bildet. Foto: Archiv Manfred Gallo/Ingo Schneider

  2. Foto: Ingo Schneider

WIEHRE. Das historische Foto oben links zeigt um 1911 das Haus Günterstalstraße 39 mit der Wein- und Spirituosenhandlung von Carl Eberlin. Dieses Unternehmen entwickelte sich im Laufe der Jahre zum Zigarrenspezialgeschäft. Den Laden hat Carl Eberlin rund 50 Jahre selbst geführt und diesen danach noch rund zehn Jahre als Tabakwarengeschäft verpachtet. Anschließend vergab Eberlin die Räume an die Zasius-Apotheke, die sich seit etwa vier Jahrzehnten dort befindet.

Mit dem links angebauten Gebäude Günterstalstraße 37, von dem man am linken Bildrand des historischen Bildes eine senkrechte Fensterreihe sieht, bildet das Gebäude Günterstalstraße 39 ein Doppelhaus. Beide Häuser haben die gleiche Baugeschichte und über den Erdgeschossen zur Straße hin Fassaden, die identisch sind.

In der Sitzung vom 29. September 1859 hatte der Freiburger Bürgerausschuss den Bau der Günterstalstraße genehmigt, den Bürger schon mehr als 40 Jahre früher gefordert hatten. Baulustige, die dort Häuser errichten wollten, hatten sich schon gefunden. Eine rege Bautätigkeit begann aber erst nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870 bis 1871. Zu den Bauherren gehörte auch der Architekt Eduard Kaufmann, der das ursprüngliche Doppelhaus Günterstalstraße 37/39 errichtet hat. Die beiden Gebäude mit den damaligen Hausnummern 21 und 23 hatten als Vorstadthäuser wohl zunächst nur zweieinhalb Geschosse. Aus der Vollstreckungsmasse des Architekten erwarben im März 1874 der Ziegeleibesitzer Carl Walterspiel die linke und der Zimmermeister Josef Kürzel die rechte Haushälfte. Josef Kürzel hat seinen Teil am Doppelhaus aber nicht behalten, sondern im August 1881 ebenfalls an Carl Walterspiel verkauft, der damit insgesamt Eigentümer wurde.

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Die heutigen Bürgervereine haben ihren Ursprung im Jahr 1875

Carl Walterspiel (1831 bis 1901) war in Kappelrodeck geboren worden. 1866 zog er nach Merzhausen, 1867 nach Freiburg und 1873 in die Wiehre. In Merzhausen gründete er eine Ziegelei, die eine Aktiengesellschaft wurde und ungefähr 200 Arbeiter beschäftigte. Den Lokalverein Wiehre, aus dem die heutigen beiden Bürgervereine der Wiehre (Mittel- und Unterwiehre sowie Oberwiehre-Waldsee) hervorgegangen sind, gründete Carl Walterspiel mit einigen anderen Männern 1875 und blieb bis zu seinem Tod Vereinsvorstand. Er erreichte damals für den Stadtteil viel, zum Beispiel die Verbesserung und Neuanlage von Straßen, eine Apotheke, die langersehnte "Posthilfsstelle" oder die Sicherstellung des Platzes zum Bau der heutigen Kirche St. Johann. Posthilfsstellen (damals als "Posthülfsstellen" bezeichnet) waren übrigens Einrichtungen der Post im 19. Jahrhundert, die an Privatleute vergeben wurden, um den Postdienst auf dem flachen Land zugänglich zu machen. Das Prinzip ähnelt damit den heutigen Postagenturen. Auch diese Veränderungen trugen dazu bei, dass die Wiehre sich innerhalb von wenigen Jahrzehnten von einem eher dünn besiedelten zu einem dicht bebauten Gebiet wandelte. Mitte der 1870er Jahre wurde Carl Walterspiel Stadtverordneter im Bürgerausschuss und 1882 Stadtrat. Für seine zahlreichen Verdienste wurde er 1894 zum Ritter des Zähringer-Löwen-Ordens ernannt.

Im Juli 1904 verkauften die Erben von Carl Walterspiel die beiden Häuser Günterstalstraße 37 und 39 an den Kulturmeister Andreas Eberlin (1859 bis 1932). Danach wurde mit den Architekten-Bauunternehmern Philipp Walter und Friedrich Bauer umgebaut. Die bisherige Bebauung wurde einbezogen und umgewandelt.

Es entstanden höhere, barock beeinflusste Wohn- und Geschäftshäuser mit zeitgenössischen Elementen des Jugendstils. Außerdem ließ Andreas Eberlin an das Haus Günterstalstraße 39 noch das Eckhaus Erwinstraße 1 und daran wiederum die Häuser Erwinstraße 3 und 3a anbauen, wodurch ein aus fünf Gebäuden bestehendes Ensemble entstand, dessen Bestandteile aufeinander Bezug nehmen. Man hat also auch schon früher bestehende Bebauung nachverdichtet.

Der Vergleich von historischem Foto und heutiger Ansicht zeigt, dass sich am Gebäude und im Bereich davor doch einiges verändert hat, zum Beispiel bei den Dachgauben, bei den Gliederungselementen, beim Laden, beim Vorplatz und dem nicht mehr vorhandenen Baum. Schön renoviert ist derzeit die Fassade.

Bevor Carl Eberlin die Wein- und Spirituosenhandlung im Laden eingerichtet hatte, befand sich darin übrigens rund vier Jahre lang eine "Konditorei und Leckerlefabrik".

Autor: Manfred Gallo