Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
24. August 2011
Flugzeuge und Ferraris vom Familienbetrieb
Manfred Seyfert betreibt eine Autowerkstatt wie in alten Zeiten – und ist zugleich ein begeisterter Auto-Kunst-Handwerker, der Sammlerherzen höherschlagen lässt.
Manfred Seyfert steht im Blaumann in seiner dunklen Ölhöhle mit Röhrenbeleuchtung unter der Hebebühne. "Jetzt gucket se sich des amol a", winkt er die besorgte Kundin herbei. Tatsächlich: Ein Riesennagel steckt im hinteren Reifen. Seyfert, der Automechanikermeister schüttelt den Kopf. Mehr als den Ersatzreifen aufziehen ist heute nicht drin. Schließlich warten draußen im Hof zwischen den Mietshäusern knapp zehn Wagen auf die TÜV-Abnahme. Für ein Geplänkel über den Zustand des eingelieferten Fahrzeugs, über die Welt im Allgemeinen bis hin zu Schikanen von Behörden im Besonderen ist trotzdem immer noch Zeit.
Manfred Seyferts Dienstleistungen rund ums Auto möchte hier niemand missen – mitten in der Wiehre im grünen Wohngebiet, wo er auch schon mal persönlich um die Ecke kommt. Und wo Autos auch noch richtig repariert werden – nicht nur Ersatzteile ausgetauscht. Aber er hat ja noch mehr zu bieten, als einen inzwischen 95 Jahren alten Betrieb, den sein Großvater Franz 1916 einst in der Universitätsstraße gründete. Gerne malochen trotz wiederkehrender Rückenschmerzen und zwei Herzinfarkten ist das eine. Richtig Spaß macht dem 64-Jährigen aber die malerische Umsetzung von Fotos alter Formel-1-Rennen in Acryl. Und vor allem sein einzigartiges artverwandtes Hobby, die Zündkerzenkunst: Autos, Trecker oder Flugzeuge aus zusammengeschweißten Zündkerzen und gelöteten Blechteilen, angemalt mit – was sonst? – Autolack. 1998 wurden sie in das Musterregister des deutschen Patent- und Markenamts München aufgenommen.Werbung
Von diesen Objekten, an denen er pro Stück zwischen zwei und fünf Stunden arbeitet, hat eine große Zahl schon ihren Weg weit weg von der Wiehre und Freiburg auf die Schreibtische begeisterter Sammler bis nach Hamburg und Übersee gefunden. Sie lieben die stilisierten roten Ferraris, die chromfarbenen "Silberpfeile", die Dampflokomotiven, Monstertrucks, die Doppel- und Dreifachdecker und die Kampfflugzeuge – alles Handarbeit und jedes ein Unikat. Eine Sammelleidenschaft, die sie kaum ruinieren wird – bei Preisen von etwa 15 bis 150 Euro pro Stück. Teurer käme da schon der alte Opel P4 aus dem Jahr 1936, den Seyfert gerade stilecht mit Originalteilen restauriert hat. Der aber ist nicht zu haben. Den behält er für sich.
Der Großvater betrieb einst noch einen Kleinhandel mit Reifen und anderem Zubehör für Fahrräder und Motorräder, hatte Rodelschlitten und Skier genauso im Angebot wie Nähmaschinen und diverse Kleinmöbel, wie aus dem Aufnahmedokument in den Badischen Fahrrad-Nähmaschinen- und Kraftfahrzeug-Händler-Verband e.V. hervorgeht. Heute wird in der kleinen Werkstatt in der Zasiusstraße 76 ausschließlich an Kfz-Maschinen gewerkelt. Enkel Manfred hatte in dem reinen Familienbetrieb 1962 seine Lehre begonnen. Rund 20 Jahre später drückte er noch einmal die Schulbank ("das war brutal, ich musste erst das Lernen wieder lernen!") und machte seinen Meister.
Und da, wo sich bis unter die Decke Ordner, Papiere, Schraubenkästen, Scheibenwischer und Innereien von Motoren oder alte Büromaschinen stapeln, und wo der seit Jahren durchgesessene Schreibtischstuhl steht, ist Manfred Seyferts Minibüro. Weit mehr als 50 Lehrgänge hat Seyfert in all den Jahren absolviert, um auf dem neuesten technischen Stand zu sein. Nostalgisches Ambiente hin oder her: die neuesten Modelle der Automobilindustrie soll er für seine Kunden genauso fachgerecht auf Vordermann bringen, wie etwa den alten Opel Corsa oder den Ford Capri. Und auch wenn die Kunden bitten, sonst alles so zu lassen, wie es ist: liebenswert altmodisch.
Autor: Mechthild Blum
