Alternative zum Abriss

Wohnungen an der Quäkerstraße können laut Gutachten saniert werden

Jelka Louisa Beule

Von Jelka Louisa Beule

Sa, 10. Februar 2018

Freiburg Süd

Die Bewohnerinitiative, die sich gegen den geplanten Abriss der Häuser Quäkerstraße 1-9 wehrt, hat ein eigenes Gutachten vorgelegt: Danach ist durchaus eine Sanierung möglich - anders als die Baugenossenschaft Familienheim das bislang behauptete. Die Familienheim hat am Freitag selbst "erneute Untersuchungen" angekündigt.

FREIBURG-WIEHRE. Gut eine halbe Million Euro würde es kosten, die Häuserzeile der Baugenossenschaft Familienheim in der Quäkerstraße 1-9 im Stadtteil Wiehre zu sanieren. Das geht aus einem Gutachten hervor, das die Bewohnerinitiative "Wiehre für alle" auf eigene Kosten erstellen ließ. Das beauftragte Büro widerspricht den bisherigen Aussagen der Familienheim: Laut Gutachter kann der Gebäuderiegel, den die Genossenschaft abreißen lassen möchte, ohne Probleme instandgesetzt werden. Die Familienheim kündigte gestern "erneute Untersuchungen" an.

Die Familienheim kündigte gestern Nachmittag in einer Pressemitteilung an, die Wohnungen in der Quäkerstraße 1-9 ebenso wie die weiteren Teilbereiche "Gerwigplatz" sowie "Rosegger-/Dreikönigstraße/Adalbert-Stifter-Straße" unter Einbeziehung "weitere Experten" detaillierter untersuchen zu lassen. Dies hätten Vorstand und Aufsichtsrat der Baugenossenschaft Anfang Februar in einer gemeinsamen Sitzung beschlossen. In der Pressemitteilung gibt es keinerlei Bezug auf das Gutachten der Bewohnerinitiative. Auch Recherche-Anfragen der BZ zum Thema wurden in den vergangenen beiden Tagen nicht beantwortet.

Die Bewohnerinitiative hat der Baugenossenschaft das achtseitige Papier und die technischen Ausführungen bereits vor gut zwei Wochen zukommen lassen, die Kostenschätzung hat die Familienheim laut Aussage von "Wiehre für alle" seit dem 1. Februar auf dem Tisch.

Hintergrund des Streits ist, dass die Familienheim die Quäkerstraße 1-9 durch Neubauten ersetzen möchte. Die in den 1950er Jahren errichtete Häuserzeile sei nicht mehr zeitgemäß und die Mängelliste lang. Eine Sanierung sei allein deshalb nicht möglich, weil Mauern und Dach keine schweren Dämmmaterialien tragen könnten, sagt die Familienheim.

Der von "Wiehre für alle" beauftragte Gutachter Sören Scheffelt-Holst widerspricht entschieden. Er ist Geschäftsführer des Büros Forspol mit Sitz in Freiburg und Berlin, das nach eigenen Angaben bereits 44 Millionen Quadratmeter Wohnfläche begutachtet und bewertet hat. Er habe also genügend Erfahrungen in diesem Bereich, sagt Scheffelt-Holst. In dem Gutachten heißt es unter anderem, dass es "keine Anzeichen von Beeinträchtigungen der Standfestigkeit einzelner Gewerke oder des gesamten Bauwerks" gibt. Auch lägen keine Hinweise vor, dass eine Wärmedämmung nicht zu realisieren sei. Andere bauliche Faktoren, "die Abriss und Neubau wirtschaftlich rechtfertigen", hat das Büro ebenfalls nicht gefunden. Die Häuserzeile könne für rund 550 000 Euro saniert werden, rechnet Sören Scheffelt-Holst vor. In der Summe enthalten seien die "in den kommenden zehn Jahren anfallenden Maßnahmen zur Instandsetzung". Das Gutachten hat die Initiative "Wiehre für alle" mit Spenden bezahlt, über die Kosten will der Sprecher keine Angaben machen.

Die Einschätzung des Gutachters beruht auf einer Begehung der Quäkerstraße 1-9. Hinter die Fassaden konnte Sören Scheffelt-Holst dabei nicht schauen. Wäre es deshalb nicht denkbar, dass sich dort noch Überraschungen verbergen, die die Kosten für eine Sanierung massiv in die Höhe treiben? Theoretisch ja, erklärt Scheffelt-Holst gegenüber der BZ: "Aber das halte ich nicht für sehr wahrscheinlich." Seine Zahlen seien "eine ziemlich verlässliche Schätzung". Aber das Gutachten habe selbstverständlich nicht den Umfang, den es für einen tatsächlichen Sanierungsplan benötige. Dazu seien weitere Untersuchungen nötig.

"Wiehre für alle" sieht sich dennoch in ihrer Einschätzung bestätigt und will weiter dafür kämpfen, dass der günstige Wohnraum erhalten bleibt. Das haben inzwischen auch einige Gemeinderatsfraktionen gefordert, genauso wie die beiden Wiehremer Bürgervereine. Auch der Gestaltungsbeirat hatte sich für den Erhalt des Ensembles ausgesprochen.

Die Stadtverwaltung hat sich bislang aus der Debatte herausgehalten. Das Rathaus wollte zunächst abwarten, wie die Genossenschaft auf den bisherigen Verlauf der Debatte reagiert, erklärte Pressesprecherin Edith Lamersdorf. Außerdem läge bislang kein konkreter Bauantrag oder eine Bauvoranfrage der Familienheim vor.