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17. Dezember 2011
Bauen auf Teufel komm raus
Marode, aber günstig: Die ECA-Siedlung soll abgerissen werden.
HASLACH. Am Rande Haslachs, im Geviert zwischen Basler Straße, Müllheimer Straße, Schildackerweg und Neuenburger Straße, liegen die neun Wohnblöcke der sogenannten ECA-Siedlung (siehe Info-Box). Die Häuser sind in einem schlechten Zustand; in den kleinen Wohnungen lebt es sich sehr einfach. Die Blöcke, die der Stadtbau gehören, sollen abgerissen werden, um mehr und besseren Wohnraum zu schaffen. Hier zeigt sich geradezu exemplarisch, wie schwierig das Thema "Wohnen in Freiburg" sein kann.
DIE BEWOHNERINNENSonja Steiert hat zum Kaffee eingeladen. Das Wohnzimmer ist klein, aber die Begrüßung ist herzlich und bald ist die Stimmung bestens. Gekommen sind ihre Nachbarinnen Dalila Ayachi, Elke Flebbe und Rabia Ismael, sehr verschiedene Frauen aus sehr unterschiedlichen Herkunftsländern. Aber so unterschiedlich sind sie gar nicht in ihrer zupackenden Art – und in ihrem Ärger. Ärger darüber, wie sie wohnen und wie ihre Häuserblocks vergammeln. Die Damen legen los.
"Im Flur habe ich das große Loch in der Wand mit einem Foto abgedeckt", sagt Sonja Steiert. Die Rentnerin lebt seit drei Jahren in einem der Wohnblocks und das gerne. Aber diese Ausstattung: "Wir brauchen eine bessere Isolierung. Im Winter ist es kalt, zum Balkon hin ist eine Holzwand." Für ihre Zwei-Zimmer-Wohnung mit rund 40 Quadratmetern bezahlt sie 284 Euro Warmmiete im Monat – plus 29 Euro für Strom und 69 Euro für Gas. Das ist viel Geld für eine Rentnerin.
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Wenn Dalila Ayachi nachts von der Arbeit nach Hause kommt, muss sie im Dunkeln die Blocks entlanglaufen, weil es keine Beleuchtung gibt: "Da habe ich manchmal richtig Angst." Elke Flebbe, seit zweieinhalb Jahren Mieterin, erzählt, wie hellhörig die Wohnungen sind. Wer neu einzieht, bekommt einen Elektroboiler installiert – Dalila Ayachi, die mit ihrer Familie im gleichen Haus in eine andere Wohnung zog, zahlt nun 349 Euro Miete und 354 Euro Strom. Das Eternit der Balkone bröckelt, im Keller macht sich Schimmel breit. Rabia Ismael sagt: "Die Eingänge sehen so schäbig aus, warum wird das nicht gestrichen?" Die Frauen fühlen sich alleingelassen. "Warum macht die Stadtbau nur die notwendigsten Renovierungen? Warum hat man die Häuser überhaupt vergammeln lassen?", fragt Sonja Steiert. "Will man die Blocks entwohnen und verkaufen? Mit uns spricht ja niemand." Man müsste, sind sich die Damen einig, sanieren. "Wenn man hier einen Bewohnertreff einrichtet, dann könnte das ein Schmuckkästlein werden", ist sich Elke Flebbe sicher.
DIE VERMIETERIN
Sanieren? Ralf Klausmann, Geschäftsführer des städtischen Wohnungsunternehmens Stadtbau, schüttelt den Kopf. Die alten Blöcke mit ihren 147 Wohneinheiten, sagt er, müsse man abreißen. Seine Argumente klingen vernünftig: Die Wohnungen sind alt, die Ausstattung ist äußerst einfach. Deshalb liegt die Nettokaltmiete bei 4,71 Euro pro Quadratmeter; der durchschnittliche Stadtbau-Mieter zahlt 78 Cent mehr. Doch da kommen ja noch die enormen Heizkosten dazu – und energetisch sind die Häuser eine Katastrophe. Sollte man als Mieter heute noch dünne Wände und zugige Fenster haben, Durchlauferhitzer, Linoleum, mit Kohleöfen heizen müssen oder schlechte Grundrisse in Kauf nehmen? "Wir reparieren, was repariert werden muss, aber wir haben keine Modernisierungen geplant." Bis 2016 werde sich nichts ändern, danach soll abgerissen werden. "Man müsste das viel früher machen", sagt Klausmann, "aber das schaffen wir nicht."
Und die Mieter? Für sie soll es so laufen wie derzeit an der Berliner Allee: Der erste Neubau wird fertiggestellt, dann ziehen die Mieter sukzessive um. Jetzt will man erstmal schauen, was auf dem Gelände möglich ist. 30 bis 40 Prozent Wohnfläche mehr, schätzt Klausmann, wird man zusätzlich generieren können. Nicht zuletzt deshalb, weil noch sehr viel freie Rasenfläche zwischen den Blöcken ist.
Also: Nachverdichtung. Und Mietwohnungsbau. Vielleicht auch Eigentumswohnungen? Auf jeden Fall würde es für die Mieter viel komfortabler werden – und teurer.
DER GEMEINDERAT
"Wir müssen bauen auf Teufel komm raus." Das war der Tenor im Gemeinderat bei der letzten Sitzung in diesem Jahr – und nächstes Jahr wird sich das nicht ändern. Denn in Freiburg, einer der wenigen wachsenden Städte im Land, mangelt es an Wohnungen. An Mietwohnungen, Eigentumswohnungen, Häusern, vor allem aber an bezahlbaren. Nur: Baut man möglichst viel auf den freien Flächen innerhalb der Stadt und zieht sich mit dieser Nachverdichtung den Zorn der Nachbarschaft zu? Oder weist man außerhalb der Stadt Bauland aus und trägt so bei zur weiteren Zersiedelung der Landschaft? Eine der wenigen Flächen innerhalb der Stadt, bei der Nachverdichtung in größerem Stil möglich wäre, ist – die ECA-Siedlung. Soll man darauf verzichten?
DER DENKMALSCHÜTZER
Hermann Hein geht manchen Leuten gehörig auf die Nerven. Darauf ist er stolz. Denn manchmal ist Hermann Hein das letzte Bollwerk, das zwischen einem schützenswerten Gebäude und der Abrissbirne steht. Von der ECA-Siedlung ist er begeistert: "Dass mit dem Marshallplan auch Siedlungen gebaut wurden, ist völlig unbekannt. Das war eine wahnsinnig wichtige sozialgeschichtliche Tat der Amerikaner, die überhaupt nicht ins öffentliche Bewusstsein gedrungen ist." Denkmalschutz für die Siedlung unter einfachsten Bedingungen, das hat er beim Regierungspräsidium bereits beantragt. Abgelehnt. Nun möchte Hermann Hein in einem weiteren Versuch die gesamte Siedlung unter Ensembleschutz stellen lassen. Dann dürfte kein Gebäude abgerissen oder neu gebaut werden. Wie schätzt er die Chancen ein, dass es klappt? "Fifty-fifty."
Anruf bei Sonja Steiert. "Unsere Häuser sollen abgerissen werden?" Ihre Stimme stockt. Dann: "Wir werden auf die Barrikaden gehen. Wird denn heute nur noch gebaut für Eigentümer und solche, die sich teure Mieten leisten können? Es gibt doch auch noch andere Leute."
ECA-SIEDLUNG
Nach dem Zweiten Weltkrieg baute die amerikanische Economic Cooperation Administration (ECA) mehrere Siedlungen in Deutschland. Mit Geldern des Marshallplanes wurden 1952 auch in Freiburg Kleinwohnungen zu einem Festpreis möglichst billig errichtet, hier entstanden neun Wohnblöcke in Haslach. Sie waren für ausgebombte Freiburger und Vertriebene aus dem Osten gedacht. Heute befindet sich die ECA-Siedlung im Besitz des städtischen Wohnungsunternehmens Freiburger Stadtbau GmbH.
Autor: si
Autor: Simone Lutz


