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12. Januar 2012

Bilder und Bratkartoffeln

Auf der Haid führt Maria Reinhardt einen Ganzjahresflohmarkt, in dem man auch tauschen kann.

  1. In Maria Reinhardts Laden gibt es fast nichts, was es nicht gibt. Foto: Thomas Kunz

Der Eingang zu "Marias An- und Verkauf" im Gewerbegebiet Haid liegt ein wenig versteckt, so wie der Laden an sich. Im Hof stehen unzählige alte Stühle, Fahrräder und zwei Oldtimer-Motorräder. Drinnen führt ein langer Flur durch einen, wie es scheint, einzigen großen Flohmarkt, vorbei an antiken Kommoden, goldenen Bilderrahmen und allerlei Krimskrams.

Neugierige Erstbesucher und Stammkunden landen schließlich im Hauptraum – Büro, Küche und Ausstellungszimmer zugleich. Es riecht nach Kaffee und Bratkartoffeln. "Willst du was essen oder trinken?", fragt Maria Reinhardt (50), die Geschäftsinhaberin. Reinhardt nimmt sich für jeden Kunden Zeit. Sei es die Hausfrau, die ihr Wohnzimmer voll von Chippendale-Erbstücken ausräumen will oder der Mittzwanziger, der nach vergoldeten Spiegeln und Schallplatten sucht. Seit zwei Jahren führt Reinhardt den Trödelladen auf der Haid. Doch trotz der unauffälligen Lage finden außer Stammkunden auch immer wieder Passanten per Zufall zu ihr. So wie ein 31-Jähriger, der zuvor beim Secondhand-Kaufhaus "Fairkauf" um die Ecke war. Gerade hat er einen Goldrahmen mit Ornamenten und Ausgaben der Zeitschrift "Spiegel" aus den 60er-Jahren entdeckt. "Mir gefallen alte Sachen, deshalb stöbere ich auch oft auf Flohmärkten", erzählt er.

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Da ist er bei Reinhardt genau richtig: In vier Räumen stehen, hängen und stapeln sich antike Möbel, Schreibmaschinen, Haushaltsgeräte, Bilder, Porzellanfiguren und vieles mehr. Dolche, Kameras und Uhren liegen neben einem Telefon der US-Army aus Kriegszeiten. Akkordeons gibt es ab 30 Euro, Gitarren ab 25. In jedem Raum wartet eine voll eingekleidete Schaufensterpuppe auf neugierige Besucher – und ist jedes Mal von Neuem für einen Schreckensmoment gut. Währenddessen klingelt ständig das Telefon: Kunden wollen ihre alten Sachen verkaufen, verschenken oder tauschen. Denn "Marias An- und Verkauf" bietet mehr als der Name sagt: Alte Sachen können auch gegen andere antike oder neue Artikel getauscht werden. "Wenn ich mir die Leute auf dem Recycling-Hof so anschaue – was die alles wegschmeißen!", ruft die zierliche, quirlige Geschäftsführerin, die in Weingarten wohnt: "Bei mir können sie ihr Zeug auch loswerden. Und bekommen sogar noch etwas dafür."

Eine alte Kundin fand den Laden nun auch am neuen Standort

So wie Gerda Eichin aus Freiburg: Sie war einst Reinhardts erste Kundin in ihrem alten Trödelmarkt an der Gehrenstraße in Haslach. Dort musste Reinhardt vor einigen Jahren schließen, weil die Bauarbeiten für die Straßenbahnlinie durch den Stadtteil praktisch von heute auf morgen die Laufkundschaft wegfallen ließen. Erst nach einer längeren Pause wagte die gebürtige Freiburgerin auf der Haid den Neustart. Heute hat Eichin nun "Marias An- und Verkauf" durch Zufall wiedergefunden: Sie hat eine Annonce in der Zeitung gelesen und sich sofort mit antiken Porzellanvasen auf den Weg gemacht. "Solche Unternehmer sollte man unterstützen. Hier ist es schön urig und heimelig. Wo sonst kann man einkaufen zwischen Bratkartoffeln und Eiern mit Speck?", meint Eichin. Währenddessen fängt eine Kundin an, auf einer antiken Flöte zu spielen, ein weiterer ruft: "Hier gibt es echte Raritäten!" Es gibt tatsächlich überall etwas zu entdecken. In einem Raum wächst sogar ein Baum durch die Decke. Als Verkaufsraum wird er aber nicht mehr genutzt: "Hier wurde immer mal wieder geklaut." Im Flur hängt nun ein Skelett, um den knochigen Hals hängt ein Schild mit der morbiden Warnung: "Ich habe hier gestohlen!"

Nur die Mecki-Puppen sollen so schnell keinen Käufer finden

Reinhardt leitet ihr Geschäft alleine, ab und zu unterstützt von ihrem Ehemann. Die Liebe zu alten Sachen liegt in der Familie: "Ich mache das nun schon seit 30 Jahren. Meine Verwandten sind Möbelrestaurateure. Auch mein jetziger Laden war vorher eine Restaurationswerkstatt der Sinti", erzählt die 50-Jährige. Auf der Suche nach neuen antiken Gegenständen ist sie ständig: "Porzellanfiguren oder alte Musikinstrumente gehen super weg. Geschirr ist eher ein Ladenhüter." Und nur eines soll doch bitte ein Ladenhüter bleiben: "Die Mecki-Puppen sind mir schon ans Herz gewachsen. Ich hoffe, die kauft so schnell keiner."

Marias An- und Verkauf, Merdinger Weg 4,   0172/1901277, Montag bis Samstag: 10 bis 18 Uhr.

Autor: Julia Dreier