Das Leben in der Freiau

Carola Schark

Von Carola Schark

Mi, 29. August 2012

Freiburg Südwest

Familie Weber wohnt in der denkmalgeschützten Siedlung – und hat Veränderungen miterlebt.

WIEHRE. "Meine Güte, was sind denn das für Häuser!" Das hatte das Mädchen Irmgard aus Herdern gedacht, als sie 1947 zum ersten Mal in die Siedlung an der Dreisam kam. Sie konnte damals nicht ahnen, dass sie bald darauf ihren späteren Mann Hansjörg Weber dort kennenlernen sollte – und die Freiau bis heute ihre Heimat ist.

Hansjörg Weber ist 83 Jahre alt, genauso lange lebt er in der Freiau, im Haus Nummer 11. Dort kam er 1937 zur Welt, in seinem Elternhaus. Schon sein Vater war "Freiauler", wie man auf dem unten abgedruckten Foto von 1934 erkennen kann. Karl Weber, der 1948 starb, posiert dort vor einem zum Siedlungshaus umfunktionierten Wagen mit der Aufschrift "Gemeinde Freiau." Auf diesem für die Freiau typischen Haus sind zwei wichtige Betriebe genannt: Die Gaststätte zur Freiau, heute Pizzeria da Giovanni im Haus Nummer 3, und das nicht mehr bestehende Kolonialwarengeschäft von Karl Thoma (Nummer 21). Ordenverziert und mit Zylindern geschmückt zeigten die Freiauler am Rosenmontag Präsenz in der Stadt.

Eine Straße trennt Freiau und Dreisam

Die Fasnet liegt bei Webers in der Familie: Karl Webers Enkel, Markus Weber (52), war Zunftvogt der Fasnetrufer – ein Amt, das sein Vater Hansjörg 30 Jahre lang innehatte. Klar, dass sich Mutter Irmgard (81) bereit erklärt hatte, die Kostüme zu nähen.

Die Lust zur Verkleidung durfte der kleine Markus auch bei einem ganz anderen Umzug ausleben: Zum Martinsfest des Kindergartens ritt er als "Heiliger Martin" durch die Freiau – zwar nicht hoch zu Ross, aber immerhin auf einem Pony, das Metzgermeister Karl Epple zur Verfügung gestellt hatte. Zu dessen Betrieb in der Nummer 61 gehörte auch Barry, ein stattlicher Neufundländer, der es an warmen Tagen vorzog, in der nahen Dreisam zu liegen.

Barry ist längst im Hundehimmel, doch würde er heute Richtung Fluss ausbüxen, dann würde er sich und andere in Gefahr bringen. Denn der Anschluss der Schnellstraße trennt nun die Dreisam von der Freiau. Die Pläne der Stadt, für den Zubringer Mitte eine Anschlussstelle in Bahnhofsnähe zu schaffen, hatten diese Idylle zerstört – trotz massiver Proteste (siehe Infobox).

Im August 1974 gingen die Bagger ans Werk, weitere Häuser verschwanden 1975. Seit 1983 steht der verbliebene Rest der Siedlung unter Denkmalschutz: Die Siedlung ist eine der ersten, die komplett in Fertigbauweise errichtet wurden.

In seinem 1911 erschienen Buch "Aus vergangenen Zeiten" beschreibt der Amtsmann Max Föhrenbach die Ursprünge der Siedlung in den 1870er Jahren: "Nach der Kapitulation von Straßburg wurde dessen Besetzung in der Stärke von 17 000 Mann nach Rastatt abgeführt. Das zur Unterbringung derselben vor dem Rheintor errichtete Barackenlager wurde beim Abbruche von der Gemeinnützigen Baugesellschaft in Freiburg erworben und zur Erbauung billiger Wohnhäuser in der Freiau daselbst verwendet."

Legt man Balken in diesen Häusern frei, lassen sich darauf noch Nummerierungen erkennen. Das Gelände lag nahe dem so genannten Wasenplatz beim alten Botanischen Garten der Universität. Im Vorstand der Freiburger Gemeinnützigen Baugesellschaft saß unter anderem der Oberbürgermeister und Unternehmer Eduard Fauler (1819 – 1882), an den die der Freiau gegenüberliegende Faulerstraße erinnert.

Im Protokoll zur Generalversammlung am 9. April 1874 heißt es: "Bis jetzt sind 30 Häuser mit 90 Wohnungen und 264 Wohnräumen fertiggestellt. Weitere 10 Häuser werden zu Johanni fertig und am Ende des Jahres wird die ganze Anlage von 50 Häusern (. . . ) vollendet sein." Die Reihenhäuser erfreuten sich von Anfang an großer Beliebtheit und galten als "bequem, geräumig, trocken und gesund".

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Siedlung stark beschädigt. Die Wunden durch den Straßenbau sind jedoch viel größer und zerschneiden das Ensemble in zwei Teile. Nur fünf Zeilen der ursprünglichen zehn Reihen stehen noch – zwei davon um ein Haus gekürzt. Irmgard und Hansjörg Weber hatten Glück: Ihr Haus Nummer 11 blieb stehen – und die Freiau ist bis heute ihre Heimat.