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29. März 2017

Ein Thema, das die Haid elektrisiert

Bürger sehen Stromleitungen, die über das Gebiet zum Umspannwerk verlaufen, kritisch / Morgen Abend Infoveranstaltung.

  1. Das Umspannwerk am Rankackerweg, in dem Hochspannungsstrom auf normale Haushaltsspannung heruntertransformiert wird, befindet sich in direkter Nähe von Wohnbebauung. Foto: Ingo Schneider

HAID. So etwas gibt es in ganz Freiburg nicht – und möglicherweise ist es sogar bundesweit einmalig: Im Gebiet Haid verlaufen drei Hochspannungsleitungen direkt über einem Wohngebiet. Schon länger fordern die Bewohner, die Leitungen zu verlegen: an den Rand des Quartiers oder gleich unter die Erde. Aktuell hat der Bürgerverein Weingarten neue Hoffnungen geschöpft. Denn die Deutsche Bahn und die Firma "Netze BW" wollen ihre Trassen sanieren (siehe auch Seite 21), außerdem gibt es ein Rahmenkonzept für die zukünftige Entwicklung des Quartiers.

Es ist eine halbe Doktorarbeit, die zwei Mitglieder des Bürgervereins Weingarten erarbeitet haben: Sie haben sich mit den möglichen Gefahren der elektrischen und magnetischen Felder der Hochspannungsleitungen beschäftigt und verschiedene Varianten durchgespielt, wie die Trassen alternativ verlaufen könnten. Nach Berechnungen von Michael Konstanzer und seinem Mitstreiter, der namentlich nicht genannt werden will, überspannen die rund drei Kilometer Leitungen derzeit 320 Häuser im Gebiet Haid. Zum Teil verlaufen die 110-Kilovolt-Trassen nur wenige Meter oberhalb der Dächer, zudem steht mitten im Quartier ein Umspannwerk. So eine Situation gebe es in ganz Deutschland nicht, behauptet Konstanzers Mitstreiter. Er ist vom Fach: Mehr als 30 Jahre lang arbeitete er für den Energieversorger Badenova. Im Gebiet Haid leben rund 4000 Menschen. "Jeder zweite ist betroffen", sagt Konstanzer.

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Wenn das Gebiet Haid heute neu bebaut würde, dürften so nah an Leitungen und Masten gar keine Häuser stehen. Inzwischen gelten strenge Abstandsregeln – wenngleich sich diese nicht pauschal benennen ließen, sagen sowohl die EnBW-Tochtergesellschaft "Netze BW" als auch die Deutsche Bahn, denen die Leitungen gehören. Bei den Planungen für den neuen Stadtteil Dietenbach, über den die Trassen ebenfalls verlaufen, war von einem Mindestabstand zwischen 22 und 30 Metern die Rede.

Als kürzlich das neue Rahmenkonzept für die zukünftige Entwicklung des Gebiets Haid vorgestellt wurde (die BZ berichtete mehrfach), waren auch Vertreter der Bahn und von "Netze BW" vor Ort. Denn die Trassen sollen saniert werden. Die Betreiber wären auch offen dafür, Leitungen und Masten zu verlegen, hieß es bei der Veranstaltung. Doch die Stadtverwaltung lehnt dies ab. Denn es geht um Investitionen in Millionenhöhe, für die die Betreiber nicht aufkommen wollen. Allein die "Netze BW"-Trassen unter die Erde zu bringen, würde rund 7 Millionen Euro kosten. Das rechne sich nicht, meint die Rathausspitze.

Michael Konstanzer mag das nicht glauben: Ohne die Leitungen könnte die Stadtverwaltung viel mehr Fläche vermarkten, und auch eine höhere Bebauung wäre möglich. Und da die bestehenden Trassen sowieso saniert werden müssten, könnten Bahn und "Netze BW" einen Teil der Kosten übernehmen, sagt Konstanzer. Trotz der ablehnenden Haltung der Stadtverwaltung wollen er und sein Mitstreiter nicht aufgeben und denken etwa über eine Unterschriftenaktion nach. Auch der Weingartener Bürgervereinsvorsitzende Hermann Assies forderte jüngst im gemeinderätlichen Bauausschuss die Rathausspitze auf, sich die Situation noch einmal genau anzuschauen und "nicht nur von vorne herein zu sagen, dass es zu teuer ist".

Die Stadtverwaltung sieht dazu aber auch inhaltlich keinen Anlass. Das neue Rahmenkonzept sehe unter den Hochspannungsleitungen einen Grünzug vor, der für die zukünftige Entwicklung des Quartiers eine wichtige Funktion habe. Zudem gebe es für die Bewohner des Gebiets keine gesundheitliche Gefahr, da die Grenzwerte für die elektrischen und magnetischen Felder "sehr weit" unterschritten würden. Das sei zwar richtig, sagt auch Konstanzer. Allerdings lägen die Grenzwerte in Deutschland vergleichsweise hoch – in Schweden sei beispielsweise bei den Magnetfeldern nur ein Tausendstel des deutschen Werts zugelassen. Hochspannungsleitungen stehen unter anderem in Verdacht, Krebs auszulösen.

Neben dem Bürgerverein Weingarten, der offiziell für einen Großteil des Gebiets Haid zuständig ist, hat sich 2015 im Quartier auch noch der Bürgerverein Haid gegründet. Er hat früher ebenfalls gefordert, dass die Hochspannungstrassen woanders hin kommen. Inzwischen habe der Verein jedoch eine andere Meinung, sagt die Vorsitzende Gabriela Bernauer: "Wir wollen keine Luftschlösser bauen." Auch sie verweist auf die deutlich unterschrittenen Grenzwerte und auf die hohen Kosten – eine Verlegung der Trassen sei unrealistisch.

Der Bürgerverein Weingarten lädt für den morgigen Donnerstag, 30. März, 19 Uhr, zum Vortrag "Haidbürger unter Strom – Abbau der Hochspannungsleitungen auf der Haid" ins Mehrgenerationenhaus EBW, Sulzburger Straße 18, ein. Eintritt frei.

Autor: Jelka Louisa Beule