Stadtteiljubiläum

Weingarten feiert 50-jähriges Bestehen

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Di, 10. Oktober 2017

Freiburg Südwest

So viel los ist hier selten: Am Samstag wurde der ruhige, hinter dem Einkaufszentrum versteckte Drachenberg zum sehr lebendigen Festgelände. Beim 50-Jahre-Weingarten-Jubiläum war viel geboten, und das kam bei den zahlreichen Gästen gut an.

Nachmittags brechen Nur (5) und ihre Mutter wieder auf, zurück nach Hause: Nur hat mit den anderen Kindern vom katholischen St.-Andreas-Kindergarten auf der Bühne gesungen, danach haben sie und ihre Geschwister gespielt – denn Spielangebote gibt’s hier jede Menge. Die vielen Einrichtungen in Weingarten, die mit Kindern arbeiten, bieten alles Mögliche an, unter anderem Kastanien-Basteln mit Mitarbeitern der "Spieloffensive", Fischen von Plastikfischen aus einem Planschbecken der Arbeiterwohlfahrt oder Infos über Rettungsboote bei der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft.

Nur und ihrer Mutter gefällt es – und sie mögen auch das Leben in Weingarten insgesamt, weil es vom Zusammenleben mit vielen Nationalitäten geprägt ist. Nurs Familie stammt aus dem Libanon. Ein Stück weg im Festzelt legen gerade deutsch-französische Sängerinnen und Sänger los: Ludwig van Beethovens "Ode an die Freude", erst auf Deutsch, dann auf Französisch, danach folgt "Die Gedanken sind frei". Neun der knapp 20 Menschen auf der Bühne sind aus dem Straßburger Stadtteil La Meinau zu Besuch, wie so oft. Der Chorleiter Rudi Wagner kam in den vergangenen neun Jahren mit seiner Truppe mindestens 20 Mal nach Weingarten, erzählt er nach dem Auftritt.

Bei allen Festen besuchen sich die Franzosen und die Weingartner und singen in ihrem gemeinsamen "MeinGarten-Chor". Die Kontakte entwickelten sich aus der Kooperation der Fachhochschulen für Soziale Arbeit in der Region, sagt Rudi Wagner, er ist Dozent in Straßburg. Ende November sollen bei einem Treffen in Straßburg, an dem auch Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach teilnimmt, Vorbereitungen für eine offizielle Stadtteil-Partnerschaft in die Wege geleitet werden, sagt die Quartiersarbeiterin Christel Werb vom Verein "Forum Weingarten". Sie koordiniert den Chor auf der Freiburger Seite.

Nach den deutsch-französischen Sängern tritt ein Chor der Evangelischen Hochschule auf, gesungen wird an diesem Nachmittag andauernd, nachdem die Grußworte zu Ende gegangen sind. Unter anderem sprach Oberbürgermeister Dieter Salomon. Außer ihm und Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach sind Gäste aus den meisten Fraktionen des Gemeinderats da. Damit die vielen Besucher gut versorgt sind, legen sich etliche ins Zeug: Vor dem Zelt gibt’s Pommes bei Mathias Staenke, dem Geschäftsführer beim Verein "Nachbarschaftswerk", neben ihm braten Ute Landerer vom Bürgerverein und ihre Bekannte Annette Gumpp Würstchen – obwohl sie beide Vegetarierinnen sind.

Hinter der Kaffeetheke im Zelt steht Karin Richter. Sie und die anderen Helferinnen und Helfer in einer der Nachmittagsschichten stammen vom Quartierstreff in der Bugginger Straße 50, wo es immer montags und donnerstags Frühstück gibt. Sie geht dort hin, obwohl sie im Nachbarhaus wohnt. Vor mehr als 50 Jahren zog sie her, damals zusammen mit ihren Eltern. "Jetzt bin ich halt eine Weingartnerin", sagt sie und lacht. An diesem Festtag steht überall das Positive im Vordergrund, auch wenn der Alltag oft voller Herausforderungen steckt, weil hier viele sozial benachteiligte Menschen leben, die es nicht leicht haben. Drei Jungs rappen mit ihren Weingarten-Songs gegen alle Vorurteile an. Sie treten auf der offenen Bühne vom Kinder- und Jugendzentrum auf. Mohammed Hamudi (Künstlername "Hamudi-G", 17), Caleb Clottey ("C.C.", 15) und Kevin Wrzesinski ("Krime", 16) haben sich zusammengetan, proben regelmäßig im Kepler-Gymnasium im benachbarten Stadtteil Rieselfeld und singen über ihr "Blockleben": Alle drei wohnen in Hochhäusern, und das finden sie ideal. "Jeder kennt jeden, und wir teilen alles", schwärmt Caleb Clottey.

Damit, dass das nicht alle so sehen wie sie, werden sie immer wieder konfrontiert. "Die in Vauban denken, wir seien eine andere Liga, als ob wir ganz andere Menschen wären", sagt Mohammed Hamudi. Umso mehr schweißt sie das zusammen. "Weingarten für immer!", sagt Kevin Wrzesinski, "auch wenn wir berühmt werden, bleiben wir in unseren Blocks." Und berühmt werden wollen sie, am liebsten als Rapper. Falls das nicht klappt, wäre Mohammed Hamudi gern Bauingenieur und Caleb Clottey am liebsten Fußballer. Kevin Wrzesinski ist kompromisslos: "Rap – oder nichts!" Nach dem Auftritt geht’s noch lange weiter, in den Abend hinein. Es wird zwar etwas kühl, bleibt aber trocken.