Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

05. Oktober 2011 14:49 Uhr

Wiedersehen!

Eine anrüchige Angelegenheit

Es war am 5. August 1985, als die Stadt Freiburg nach 94-jähriger Betriebsdauer das Rieselfeld endgültig stilllegte. Zuletzt wurde noch das Schmutzwasser aus St. Georgen und Merzhausen in das Gebiet geleitet.

  1. Die Erschließung des neuen Stadtteils beginnt mit dem Anlegen der Straßen. Foto: Silvia Faller

  2. Bereits 1996 zogen im ersetn Bauabschnitt die ersten Bewohner ein. Darum herum war alles noch wüst und leer. Foto: STadtplanungsamt

  3. Der Stadtteil Rieselfeld in der Ansicht nach Osten. Foto: Stadtplanungsamt

RIESELFELD. Schon 1980 hatte der Abwasserzweckverband Breisgauer Bucht, den die Stadt mit 24 kleineren Kommunen bildet, in Forchheim im Kreis Emmendingen eine Kläranlage eingeweiht.

Der letzte Schieber am Einlauf zum Rieselfeld konnte erst 1985 geschlossen werden, nachdem ein letzter Kanal in Richtung Forchheim entlang des Autobahnzubringers Mitte fertig gestellt war, um den Hauptabwasserkanal bei einem Unwetter mit starken Regenfällen zu entlasten.

Über eine Bebauung des Rieselfelds war damals schon nachgedacht worden. Wegen des hohen ökologischen Wertes, den ein Feuchtgebiet besitzt, war sie allerdings zunächst umstritten. Abgesehen davon gab es Zweifel, ob die Freiburger auf dem Gelände einer früheren Kläranlage wohnen wollten. Auch sonst hatte das Gebiet nicht gerade den besten Ruf. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließen sich Landfahrer an der Mundenhofer Straße nieder. Die Stadt baute an der Opfinger Straße Holzbaracken, um der katastrophalen Wohnungsnot Herr zu werden. Letztlich gab auch in den 1980er Jahren die Wohnungsknappheit den Ausschlag. Der Gemeinderat beschloss 1991 die Bebauung einer 78 Hektar großen Fläche an der Ostseite und die Ausweisung von 257 Hektar im Westteil als Naturschutzgebiet.

Werbung


Schrittweise Umwandlung des einstigen Abwassergebiets

Dann ging es Schlag auf Schlag: 1992 gab es einen städtebaulichen Wettbewerb, 1994 startete die Erschließung im ersten Bauabschnitt, 1996 waren die ersten Wohnungen bezugsfertig, 1997 wurde die Clara-Grunwald-Grundschule eingeweiht, das Kepler-Gymnasium zog von der Habsburgerstraße hierher in seinen Neubau um und die Straßenbahn ging auf ihre Jungfernfahrt. 2002 wurde am Maria-von-Rudloff-Platz der Stadtteiltreff eröffnet und 2004 die Maria-Magdalena-Kirche für beide Konfessionen geweiht. Im Juli 2010 stellte die ämterübergreifende Projektgruppe ihre Arbeit ein. Denn das Werk, einen kompletten Stadtteil neu aufzubauen, war vollendet. 2012 werden die letzten Baulücken geschlossen sein und knapp 10 000 Menschen in fast 4000 Wohnungen leben dann hier.

Die anrüchige Vorgeschichte begann 1891. Damals erwarb die Stadt ein insgesamt 500 Hektar großes Gelände mit dem Gutshof "Mundenhof" von der Universität, um Rieselfelder zur Abwasserklärung anzulegen. Der Standort war wohl überlegt, denn aufgrund des Gefälles floss das Wasser auf natürlichem Wege dorthin. Wie alle Städte im Deutschen Reich war Freiburg im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts stark gewachsen, die Einwohnerzahl nahm von 30 600 im Jahr 1875 auf 49 000 in 1890 zu. Die Verrieselung von Abwasser war damals eine gängige Praxis, wobei dieses großflächig auf kiesigem, durchlässigem Boden verteilt wurde. Beim Versickern blieben die Schmutzstoffe im Boden hängen und wurden von Mikroorganismen abgebaut. 1928 wurden 43 Prozent des Areals mit täglich 46 000 Kubikmetern Schmutzwasser berieselt. In den 1970er Jahren wurde es komplett genutzt, die Kapazität war erschöpft. Abgesehen davon war es nicht mehr zulässig, Abwässer ohne Vorbehandlung zu verrieseln. Die Luftaufnahme aus dem Jahr 1980 (oben links) zeigt, dass das Gelände gleichmäßig eingeteilt war und zwar durch Dämme sowie Zu- und Ableitungsgräben. 1928 waren es 285 Abteilungen, in die das Areal unterteilt war.

Zunächst strömte das Abwasser in abwechselnd genutzte Vorklärbecken, wo sich die gröbsten Stoffe absetzten, die dann abgetragen, zerkleinert und in organischen Dünger umgewandelt wurden. Zuletzt betrieb dieses Geschäft die Firma Biohum auf einem Gelände am Waldrand im Südwesten des Rieselfelds. Das auf diese Weise vorgeklärte Wasser wurde dann auf die eigentlichen Rieselflächen geleitet, versickerte dort bis in eine Tiefe von 50 Zentimetern, floss über Drainageröhren an der Westseite der Becken in Ableitungsgräben und dann weiter Richtung Gottenheim und Umkirch dem Rhein zu.

Die einzelnen Rieselabteilungen waren nicht dauernd gefüllt, vielmehr wurden sie abwechselnd auch für die Produktion von Nahrungsmitteln genutzt. Der Mundenhof war ein florierender landwirtschaftlicher Betrieb, der im Jahr 1928 rund 70 Beschäftigte zählte. Deren Aufgabe war es auch, die Verteilergräben frei zu halten und die Schieber zu regeln. Das Stadtgut hielt damals 90 Milchkühe, 360 Schweine und 19 Pferde. Die Ertragskraft der Böden war aufgrund der ständigen Versorgung mit Nährstoffen und Wasser aus der Kanalisation enorm.

Mehr zum Thema:

Autor: Silvia Faller