Möglichst gelassen bleiben

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Fr, 12. Februar 2016

Freiburg Südwest

MENSCHEN VON NEBENAN: Farid Salem hat immer wieder neu angefangen und glaubt an das Gute.

WEINGARTEN. Mal geht es aufwärts und mal abwärts im Leben – das kennt Farid Salem (47) zur Genüge. Er versucht, immer gelassen zu bleiben. Und auch wenn er zur Zeit das Gefühl hat, dass die Weltlage wieder mal besonders düster aussieht, ist er sicher: "Am Ende besiegt die Liebe das Böse." Geprägt haben ihn sein Herkunftsland Tunesien ebenso wie seine neue Heimat Deutschland. Vor allem aber die Menschen, die er in den beiden Ländern kennt und ins Herz geschlossen hat.

Wenn ihn einer seiner Freiburger Freunde anruft, geht es Farid Salem ähnlich, wie wenn sich seine Geschwister bei ihm melden: "Ich höre ihre Stimmen, dann fühle ich mich gut." Er ist dankbar, dass er solche Menschen traf, als er 1999 zu seiner damaligen deutschen Frau nach Freiburg zog. Dazu beigetragen hat der Sportverein Ebnet, wo er vor 16 Jahren beim Fußball einstieg, als er in Littenweiler lebte. Inzwischen wohnt er in Weingarten, die Wege sind länger, aber immer war klar, dass er dabei bleiben würde.

Durch den Fußball wurde der nicht einfache Neustart in Deutschland leichter, schwer genug blieb es dennoch. Der deutsche Alltag war anders, als er ihn sich vorgestellt hatte – in Tunesien hatte er zwölf Jahre in Hotels am Meer im Sicherheitsdienst gearbeitet und den Umgang mit Touristen genossen. Dabei lernte er auch seine frühere Frau kennen. "Doch der Urlaub ist nicht das normale Leben", wurde ihm in Freiburg klar. Manches aber gefiel ihm in Deutschland sofort: Die Regeln, die Sauberkeit – "auch in meiner Religion, dem Islam, ist Sauberkeit wichtig." Inzwischen ist er nur noch einmal im Jahr in Tunesien, obwohl sein Herz dran hängt: "Meine Mama ist dort, und es gibt nichts Besseres auf der Welt als meine Mama!" Sie ist 83 Jahre alt.

Anfangs in Freiburg beunruhigte ihn, wie er einen Einstieg in die deutsche Arbeitswelt schaffen sollte. In Tunesien hatte er vor dem Hoteljob eine Gärtnerausbildung gemacht und seinem Vater beim Handel mit Datteln geholfen.

Er ist verunsichert durch die Silvesterereignisse in Köln

Dann lief alles einigermaßen reibungslos: Über eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme kam er nach fünf Monaten zur gemeinnützigen Freiburger Qualifizierungs- und Beschäftigungsgesellschaft (FQB) und begann, Möbel für ein großes Möbelunternehmen aufzubauen.

Daraus wurde eine Festanstellung, inzwischen ist er derjenige, der am längsten dabei ist, und Anleiter für die anderen. Als Farid Salem nach Freiburg kam, wurde seine Frau schwanger, außerdem adoptierte er ihre kleinen Zwillinge. Inzwischen sind die drei Kinder zwischen 16 und 19 Jahren alt, der Kontakt zu ihnen wurde schwieriger, als er und seine Frau sich trennten. Er kämpft um sie, ebenso wie er jahrelang für seine Ehe gekämpft hatte – wenn auch vergeblich, 2010 war die Scheidung.

Beim Urlaub in Tunesien lernte er seine neue Frau Hana Rouisi-Salem kennen. Er wurde wieder Vater: Amir ist fast drei Jahre alt. Seit er in die Kita geht, redet er mit seinen Eltern nur noch Deutsch. Die kleine Lina ist sieben Wochen alt. "Meine Kinder sind Deutsche", sagt Farid Salem lachend. Er selbst fühlt sich verunsichert durch die Silvesterereignisse in Köln und die veränderte Stimmung. Er fürchtet, dass er nun anders wahrgenommen wird und will Fehldeutungen vermeiden: "Wenn mir abends eine Frau entgegenkommt, wechsle ich die Straßenseite."