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11. Januar 2012
Hausputz bei den Kohlmeisen
Im Naturschutzgebiet "Humbrühl-Rohrmatten" ist Schutzgebietsbetreuer Werner Oberle wieder auf Tour und reinigt Nistkästen.
WALTERSHOFEN/LEHEN. "Zizi Zizidää Zizi Zizidää", klingt der Vogelruf aus den kahlen Kronen der Schwarzerlen am Ufer des Mühlbachs im Waltershofener Gewann "Rohrmatten". "Das ist eine Kohlmeise", erklärt Werner Oberle (61) vom Naturschutzbund Freiburg. Er muss es wissen, denn der Lehener kommt seit mehr als 30 Jahren hierher, beobachtet und zählt Vögel und sorgt dafür, dass Gehölze und Bäume regelmäßig geschnitten und die Wiesen so gemäht werden, dass sich Insekten und Vögel darin aufhalten können. Er ist ehrenamtlicher Schutzgebietsbetreuer.
An diesem Morgen reinigt Werner Oberle Nistkästen. An insgesamt drei Tagen wird er wohl unterwegs sein. Die Ausrüstung ist überschaubar. Oberle hat eine Leiter und einen Eimer mit Werkzeug und Ersatzteilen dabei. An einem Apfelbaum setzt er die Leiter an. Er nimmt den Nistkasten ab und öffnet einen Schieber an der Vorderseite. "Hier haben sogar zwei Bruten stattgefunden", freut er sich. Das sorgfältig mit Moos gepolsterte Nest auf dem Boden des Nistkastens belegt, dass eine Kohlmeise hier ihre Eier gelegt hat, und die vergleichsweise unordentliche Ansammlung von trockenen Grashalmen, dünnen Zweigen, Blattfetzen, Fasanen- und Krähenfedern darüber die Präsenz eines Feldsperlings. Ein pudriges, braunes Material beweist zudem, dass die Bruten erfolgreich waren. Denn die Jungvögel hinterlassen das im Nest, wenn sich ihre Federn entfalten.Werbung
Nebenbei macht Werner Oberle Notizen. Auf einem Lageplan sind die Positionen der Kästen eingezeichnet. Es sind an die 50. Jahr für Jahr registriert der Naturschützer, wer wo genistet hat. Um die Kohlmeise steht es eigentlich nicht schlecht. Die Vögel mit dem kohlrabenschwarzen Käppchen zählen zu den häufigsten Singvogelarten. Ohne Nisthilfen wären allerdings auch sie seltener. Denn von Natur aus bauen Kohlmeisen ihre Nester gern in Astlöchern in morschen Bäumen. Und die werden aus Sicherheitsgründen oft gefällt.
Zwar gibt es solche Bäume im Naturschutzgebiet "Humbrühl-Rohrmatten" und dank eines Vorkommens von Bunt- und Grünspechten auch natürliche Bruthöhlen, aber die Kohlmeisen stehen im Wettbewerb mit vielen anderen Höhlenbrütern. Dazu kommen Mäuse und Fledermäuse, die sich gern in solche Löcher zurückziehen. "Es geht im Naturschutz auch nicht um eine einzelne Art, sondern um eine ganze Tier- und Pflanzengesellschaft, also um einen bestimmten Lebensraumtyp. Kohlmeisen zeigen an, dass das Ökosystem intakt ist und sich auch viele andere Arten wohlfühlen", erklärt Oberle. Denn Meisen ernähren sich von Insekten. Ein Brutpaar und seine Jungen vertilgen im Jahr an die 70 000 Raupen sowie 20 Millionen Mücken, Schnaken und Fliegen.
Davon gibt es im Gebiet "Humbrühl-Rohrmatten" genug, weil die Waltershofener Landwirte die feuchten Wiesen von jeher nicht intensiv nutzen und diese Wiesen von Gehölzen und Baumgruppen durchzogen sind. In der Verordnung zur Ausweisung des Schutzgebiets ist denn auch von einem "Mosaik unterschiedlicher Biotoptypen" die Rede, die Lebensraum zahlreicher seltener und gefährdeter Tier- und Pflanzenarten sind. Dazu zählen Raritäten wie das Schwarzkehlchen, der Feldschwirl und der Neuntöter, die ebenfalls Insekten fressen.
Werner Oberle macht klar, dass die Pflege des Naturschutzgebiets ein Gemeinschaftswerk ist. Seit 1980 hat der Naturschutzbund Freiburg Schritt für Schritt Flächen erworben (13 Hektar) und weitere vier Hektar gepachtet (ein Hektar sind 10 000 Quadratmeter) . Zusammen sind das zwei Drittel der gesamten Schutzgebietsfläche. Landwirte mähen das Gelände nach Vorgaben, die mit der Oberen Naturschutzbehörde abgestimmt sind. Am wichtigsten ist das späte Mähen Mitte Juni, damit sich die Wiesenpflanzen vermehren können. Weiter kann Werner Oberle auf eine Gruppe von 10 bis 15 Engagierten zurückgreifen, die jedes Jahr im Winter mithelfen, Gehölze und Bäume zu schneiden. Der Erfolg des Bemühens kann sich sehen lassen. Rund hundert verschiedene Vogelarten wurden bisher im Schutzgebiet beobachtet. Viele Vögel machen hier auch Station auf ihrem Zug in die Winter- oder Sommerreviere. Werner Oberle freut sich besonders, dass hier Arten vorkommen, die verschwunden waren. Auf die Frage, was ihn motiviert, antwortet er: "Die Natur gibt uns so viel, und ich will etwas zurückgeben – und dazu beitragen, dass auch künftige Generationen in einem intakten natürlichen Umfeld leben können."
Autor: Silvia Faller
