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14. Januar 2012

Der Zaun des Anstoßes

Dass eine Eigentümergemeinschaft eine seit Jahrzehnten frei zugängliche Wiese einzäunen ließ, stößt in Betzenhausen auf Kritik.

  1. Eingezäunt ist neuerdings die Wiese hinter dem Wohnkomplex Thannhauserstaße 8-12. Foto: Ingo Schneider

  2. Schon vor der Zaunaktion wies ein Schild darauf hin, dass es sich um Privatgelände handelt. Foto: Ingo Schneider

BETZENHAUSEN. Als "kinderfeindlich" bezeichnet eine Anwohnerin den rund 1,60 Meter hohen Zaun, der Anfang Dezember um die große Wiese hinter dem Gebäudekomplex Thannhauserstraße 8-12 gezogen wurde. Die Besitzer des Wohnkomplexes mit 36 Eigentumswohnungen, Baujahr 1970, wollen damit verhindern dass Unbefugte die Fläche betreten. Zuvor war das Gelände frei zugänglich gewesen – wie das bei den großen Wohnblocks im Betzenhauser Quartier Bischofslinde auch weiterhin die Regel ist.

"Es ist einfach nur traurig. Jahrzehntelang spielten hier Kinder und niemanden hat es gestört", sagt Katharin Velic, zweifache Mutter und Bewohnerin eines Nachbargebäudes. Ihr fünfjähriger Sohn habe oft mit Freunden auf der Wiese gespielt. Bewohner hätten ihn sogar mal beschimpft, als er seine Chipstüte in deren Mülltonne warf. Auch Manuela Tichy, die selbst Mieterin im betroffenen Wohnkomplex ist, hält vom neuen Zaun nichts: "Ich bin der Meinung, dass die Flächen zwischen den Häusern zur gemeinschaftlichen Nutzung offen stehen sollten."

Ein Schild mit der Aufschrift "Privatgrundstück" steht schon jahrelang auf der Wiese, aber beachtet wurde es kaum. Weil immer mehr fremde Kinder auf der Wiese gespielt hätten, Pflanzen zerstört worden seien und vermehrt Hundeexkremente auf der Wiese gelegen hätten, hätten die Eigentümer auf einer Vollversammlung im Sommer 2010 den Beschluss gefasst, einen Zaun zu errichten, sagt Helmut Hildenbrand, der Besitzer einer Eigentumswohnung. Bis zur Umsetzung vergingen rund eineinhalb Jahre. "Die ganzen Jahre haben wir es toleriert. In den vergangenen beiden Jahren aber wurde es zu viel. Letzten Sommer war es so extrem und laut, dass man keine Ruhe mehr hatte", berichtet Hildenbrand. Mehr Hunde seien angeschafft worden und viele Familien mit Kindern zugezogen, so sein Eindruck. Alles habe sich auf diese Wiese konzentriert, obwohl es im Umfeld andere gäbe. Sie ist jetzt nur noch für die Bewohner und deren Kinder zugänglich. Den Vorwurf der Kinderfeindlichkeit weist Hildenbrand zurück: "Wir haben nichts gegen Kinder, aber am Ende wurde es einfach zu viel."

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Der Bauverein setzt auf ein "offenes" Konzept

Verwaltet wird der einst vom Wohnstättenbau Freiburg erstellte und direkt danach privatisierte Wohnkomplex im Auftrag der Eigentümer durch den Bauverein Breisgau. "Tendenziell werden Grundstücksgrenzen immer weniger geachtet. Die Wiesen werden als Abkürzungen genutzt, es entstehen Trampelpfade und Pflanzen werden beschädigt", sagt Christoph Konanz vom Bauverein, der die Thannhauserstraße 8-12 betreut. Für ihn begann diese Entwicklung in Bischofslinde schon vor einigen Jahren, als die nahe gelegene Esso-Tankstelle an der Sundgauallee ihre Öffnungszeiten auf 24 Stunden erweiterte. Die Kunden hätten häufig die gegenüberliegende Wiese einer anderen Eigentumsgemeinschaft betreten, Alkohol getrunken, Müll hinterlassen und in die Pflanzen uriniert. Mittlerweile befindet sich dort ebenfalls ein stabiler Zaun, der das gesamte Grundstück eingrenzt.

Für seine eigenen Immobilien – in Freiburg und Umgebung immerhin rund 5000 Wohnungen – verfolgt der Bauverein aber ein buchstäblich "offenes" Konzept. "Beim Bauverein Breisgau gibt es keine Zäune", betont Geschäftsführer Reinhard Disch. Die Bauverein-Mieter störe es nicht, wenn Kinder verschiedener Blöcke auf einer Wiese spielen oder andere Anwohner sie mitnutzten. Das sei letztlich ein gegenseitiges Geben und Nehmen: "Mal toben die Kinder von Wohnblock A auf der Wiese von Block B, mal ist es umgekehrt." Er hat aber auch Verständnis für die Entscheidung an der Thannhauserstraße: "So etwas hängt natürlich auch vom Nutzungsverhältnis ab. Als privater Grundstücksbesitzer stört man sich mehr daran, wenn Fremde Pflanzen zerstören, als wenn es um das Gelände des Bauvereins geht, wo man Mieter ist."

Auch bei der Freiburger Stadtbau GmbH, einer städtischen Tochtergesellschaft, die rund 10 000 Wohnungen besitzt oder verwaltet, sei es nach wie vor üblich, dass die Wiesen um die Wohnkomplexe nicht eingezäunt seien, sagt Sprecherin Annette Engelke: "Streitfälle gibt es überall mal. Wir versuchen, dann als Mediator zwischen den Parteien zu vermitteln, um eine stabile Nachbarschaft zu erhalten." Eine Zunahme solcher Fälle sehe sie nicht.

Autor: Katharina Sternhardt