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06. März 2010
Eigenständig trotz aller Eigenheiten
Mit Unterstützung gelingt vieles: Brigitte Tausendfreund und Johannes Falk in der Wohnanlage vom Ring der Körperbehinderten.
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Kunst und Internet sind wichtig im möglichst selbstständigen Alltag von Brigitte Tausendfreund. Foto: Bamberger
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Alles griffbereit für Johannes Falk: In den rollstuhlgerechten Küchen und Bädern kommen alle zurecht. Foto: Michael Bamberger
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Eigenständig, aber gut versorgt leben derzeit 53 Menschen im Meckelhof. Foto: Michael Bamberger
BETZENHAUSEN. Ein Morgen ohne Post? Undenkbar bei Brigitte Tausendfreund. Sie braucht keinen Briefträger, Klicks genügen. Doch bevor sie vor dem Computer sitzen kann, braucht sie Hilfe. Und immer wieder, Tag und Nacht – auch wenn sie zur Toilette muss. Dann klingelt sie nach Pflegehelferinnen und -helfern aus dem Assistenzbüro. Brigitte Tausendfreund, 55 Jahre alt, leidet an Muskelschwund. Sie lebt so selbstbestimmt wie möglich. Genau wie Johannes Falk, 47. Beide wohnen in der Ernst-Winter-Wohnanlage des Rings der Körperbehinderten im Meckelhof.
Überall Farbtuben und Pinsel in allen Größen, das Bild leuchtet blau. Bis vor ein paar Minuten saß Brigitte Tausendfreund noch vor ihrem neuen Werk – von den älteren hängen etliche an der Wand ihrer Zweizimmerwohnung –, jetzt rollt sie zur Tür. Sie hat spinale Muskelatrophie, eine angeborene Erkrankung, wegen der sie schon mit 21 auf den Rollstuhl angewiesen war. Carmen Kronenwett steht draußen, ihre Krankengymnastin, die zwei Tage die Woche vorbeikommt und eine Reihe Patienten in der Wohnanlage hat. Hier ist selbstverständlich alles rollstuhlgerecht eingerichtet: In Küchen und Bädern ist alles im Sitzen erreichbar.Werbung
Die zwei Frauen unterhalten sich wie Freundinnen, während Carmen Kronenwett die Beine von Brigitte Tausendfreund massiert. Gespräche, Offenheit: Das ist typisch für Brigitte Tausendfreund, die nicht nur das Malen und historische Romane über das Mittelalter liebt, sondern vor allem in Kontakten auflebt – zu Freunden, Bekannten, unzähligen Chat-Partnern, aus denen oft "echte" Freunde werden, auch außerhalb der virtuellen Welt. Sie ist eine, die mit voller Überzeugung sagen kann: "Ich habe ein total ausgefülltes Leben." Von ihrer Krankheit hat sie sich dabei immer so wenig wie möglich stören lassen, hat allerdings früh schon mit dem Gefühl gelebt, sich beeilen zu müssen. Mit 16 war sie verlobt, mit 18 verheiratet, mit 20 geschieden. Mit 21 folgte die zweite Ehe, mit Mitte 30 die zweite Scheidung.
Ihre beiden inzwischen erwachsenen Söhne hat sie als Rollstuhlfahrerin aufgezogen, am Ende alleinerziehend. Doch dann kam der Zeitpunkt, an dem sie merkte, dass sie eine Perspektive brauchte, die ihr auch beim Fortschreiten ihrer Krankheit ihre Lebensform ermöglicht. In einer eigenen Wohnung, keinem Heim – aber abgesichert. Vor 15 Jahren zog sie in der Wohnanlage ein. Nachts klingelt sie, wenn sie im Bett Hilfe beim Umdrehen braucht, tagsüber muss sie oft zur Toilette, so wie jetzt: Renate Ehret hat Rufbereitschaft, sie hilft Brigitte Tausendfreund beim Anlegen der Gurte für den Lifter, damit sie die Toilette nutzen kann.
Zwei Etagen über ihr im dritten Stock piepst bei Johannes Falk der Trockner. Er rollt in seiner Zweizimmerwohnung vom Wohnzimmer ins Bad und stellt ihn ab. Gleich wird seine Ex-Frau vorbeikommen, wie jede Woche an einem Tag. Später wird sie ihn zum Arzt begleiten. Johannes Falk legt Termine bevorzugt auf diese Besuchstage, an denen er besondere Unterstützung hat. Nach seinem Schlaganfall vor 14 Jahren, als er mit 33 von einem Tag auf den anderen aus seinem gewohnten Leben herausgeschleudert wurde, hatte er anfangs komplett auf die Hilfe seiner Ex-Frau, mit der er damals noch verheiratet war, gesetzt. Darüber schüttelt er inzwischen den Kopf: "Zu wissen, dass man nur leben kann, wenn der Partner immer da ist – das ist unzumutbar. Was für eine Belastung für eine Beziehung!"
Doch 1998, als nach dem Ende seiner Ehe seine Ex-Frau für ihn den Umzug in die Wohnanlage organisierte, konnte er in seinem neuen Umfeld noch keine Chance erkennen. Er fühlte sich abgeschoben, litt unter der Trennung. Seitdem sind zwölf Jahre vergangen. Johannes Falk wechselte zwischendrin aus seinem ersten Ein-Zimmer-Appartment zusammen mit seiner (nicht behinderten) Freundin in eine größere Wohnung, mittlerweile lebt er wieder allein. Wirklich allein aber fühlt er sich nie. Er weiß, dass zu jeder Tages- und Nachtzeit jemand da ist, wenn er Hilfe braucht. Auch wenn er mit seinem Rollstuhl stürzen würde, wäre das kein Problem: Um seinen Hals hängt an einer Schnur der Knopf mit dem Hausnotruf. Einmal drücken, schon hat er einen Ansprechpartner. Johannes Falk sieht seine Einschränkungen sportlich: Mit seiner rechten Hand, die im Gegensatz zur linken Seite nicht gelähmt ist, versucht er, sich "durchs Leben zu tricksen." Schwer genug bleibt es doch. Schlimm ist nicht, dass er Unterstützung braucht, wenn er ins Bett oder auf die Toilette geht. Sondern dass er, der "mit Vollblut engagiert" in seinem Beruf als Kirchenmusiker war, nicht mehr arbeiten kann.
Ehrenamtlich unterrichtet er Männer und Frauen, mit denen er in seiner katholischen Gemeinde St. Albert einen Kantorendienst aufbaut, in Stimmbildung. Er besucht Konzerte, komponiert an der Orgel in seiner Wohnung und ist bei Freizeitgruppen des Rings der Körperbehinderten dabei. Auch wenn das alles seinen Beruf nicht ersetzen kann: Er hat sich ein neues Leben eingerichtet. Eigenständig.
DER MECKELHOF UND DAS NEUBAUPROJEKT DES RINGS
In den 47 Ein-, Zwei- und Dreizimmerwohnungen der Ernst-Winter-Wohnanlage im Meckelhof leben 53 Menschen – wenige Paare und überwiegend Alleinstehende zwischen 20 und 85 Jahren. Eine 60 Quadratmeter große Zweizimmerwohnung kostet 750 Euro warm, dazu kommen je nach Situation weitere Pflegekosten. Die Finanzierung läuft über Pflegekassen, eigenes Vermögen oder Sozialhilfe. Die Wohnanlage gibt es seit 1987, bereits im Jahr 2000 entstanden erste Pläne für ein weiteres Wohnprojekt, wie es jetzt im Rieselfeld umgesetzt wird, denn Wartelisten gab es immer. Derzeit warten 67 Menschen auf eine Wohnung im Meckelhof – wo selten jemand auszieht – oder im Rieselfeld. Dort ist der Baubeginn für September geplant, Anfang 2012 sollen die Ersten einziehen. Es entstehen 39 barrierefreie Wohnungen (wie im Meckelhof mit Unterstützung bei Bedarf), sechs Plätze "Trainingswohnen" für junge Menschen und 18 Plätze in Wohngruppen für Menschen mit schwerster Körperbehinderung. Von den 7,5 Millionen Euro Kosten muss der Ring der Körperbehinderten 1 Million aufbringen. 2,9 Millionen Euro stammen aus Darlehen der Landes-Mietwohnraumförderung, 1 Million Euro vom Kommunalverband für Jugend und Soziales, 600 000 Euro von einem Bundeszuschuss, 70 000 Euro vom Landkreis Emmendingen, 1,9 Millionen Euro aus Bankkrediten. Das Grundstück bietet die Stadt Freiburg in Erbpacht (mit dem Pachtzins als Zuschuss).
Autor: anb
Autor: Anja Bochtler


