Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
30. Januar 2012
Holzhäuser aus der Kiste
WIEDERSEHEN! Nach dem Zweiten Weltkrieg begegnete die Stadt der Wohnungsnot mit flott aufgestellten Holzhaus-Modellen.
MOOSWALD. Das 40-Holzhäuser-Notprogramm der Stadt Freiburg hatte die Aufgabe, die Bevölkerung, welche 1947 mit 101 000 Einwohnern fast wieder den Stand von vor dem Zweiten Weltkrieg erreicht hatte, mit Wohnraum zu versorgen. Denn noch immer hausten Menschen unter schrecklichen Bedingungen in Trümmerkellern, Gartenhütten und viel zu kleinen Wohnungen. So entstanden unter anderem Holzhäuser vom Typ "Emilie" im Stadtteil Mooswald, die die Stadt dann vermietete.
Interessant ist, dass die bekannte Freiburger Möbelfirma Dietler für ihre Belegschaft sogar ein Holzhaus in Eigenregie erstellen wollte. Den Akten nach blieb es jedoch bei der Planung. Mehrere andere Typen von Holzhäusern auswärtiger Hersteller fanden hingegen in unterschiedlichen Stadtteilen ihren Platz: Typ "Rheinpfalz" in Haslach am Radacker sowie in Herdern, Typ "Georgette" in der Mooswaldsiedlung und gleich um die Ecke die standhafte "Emilie", von der sich ein letztes Exemplar bis vor etwa zehn Jahren halten konnte. Dieses war allerdings ausnahmsweise aus Stein gebaut. In der Yorck- und Blücherstraße am Südrand des Stadtteils Mooswald entstanden ebenfalls Bauten des gleichen Typs. Auch die Stadt Singen hat solche Heime erstellt.Werbung
Zunächst waren die "Emilie"-Häuser nur im Gebiet um die Blücherstraße geplant gewesen. Dort stieß man bei Fundamentierungsarbeiten jedoch auf einen alten Steinbruch, weshalb man in die damals noch junge Mooswaldsiedlung weiter nördlich ausweichen musste. Im Gewann Obere Lachen entstanden vier "Emilie"-Fertighäuser, geliefert durch die Firma Buchert aus Bad Dürkheim. Dieser 1910 als Kistenfabrik gegründete Betrieb hatte in der Nachkriegszeit die Chance gesehen, günstigen Wohnraum zu produzieren. So wurden dort zwischen 1946 und 1953 Holzhäuser vorgefertigt.
Böse Zungen behaupteten, man sähe den einfachen, kastenförmigen Häuschen ihre Herkunft aus einer Kistenfabrik allzu deutlich an. Der gedrungene Baukörper barg im Erdgeschoss eine Dreizimmer-, im Obergeschoss eine Vierzimmerwohnung. Der noch im Entwurf vorhandene Balkon kam dann doch nicht zur Ausführung. Die Wände bestanden aus so genannte Bucharitplatten. Dies waren Isolierplatten mit Hobelspänen und Zement, die dann verputzt wurden.
Ähnlich wie die "Georgette"-Bauten waren die vier "Emilies" ursprünglich als Einfamilienhäuser geplant gewesen. Begehrt waren die Häuschen bei durchweg allen Schichten: Universitätsprofessoren, Studenten und Großfamilien meldeten sich als Bewerber für die 1949 bezogenen Wohnungen. Durch die der Wohnungsnot geschuldete Umnutzung als Zweifamilienhaus wurde jedoch mehr Holz verbraucht, als geliefert worden war. Deswegen war der südlichste – und langlebigste – Bau in steinerner Massivbauweise erstellt worden. Durch die umfangreichen Holzeinschläge der Alliierten war der Naturstoff zudem knapp geworden und die Steinbauweise inzwischen billiger.
Die steinerne "Emilie" an der Ecke zum Wolfswinkel war das letzte Heim des 40-Holzhäuser-Notprogramms und blieb am längsten stehen. Im Zuge der Neugestaltung der Oberen Lachen durch die Freiburger Stadtbau in den 1990er Jahren hatten sowohl "Georgette" als auch "Emilie" Niedrigenergiehäusern weichen müssen. Doch keineswegs ist "Emilie" aus der Mode gekommen: So wird heutzutage von der Firma "Sweet Home" ein Stadthaus "Emilie" angeboten mit begehbarem Schlafzimmerschrank und darin integriertem Bad. Selbstverständlich aus Holz, jedoch in ganz anderen Formen. Und die Singener erkannten ihren wahren Wert: Sie stellten ihre "Emilien" in den 90er-Jahren unter Denkmalschutz.
Autor: Carola Schark


