In Lehen stoßen die Dietenbachpläne auf Ablehnung

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Fr, 20. Juli 2018

Freiburg West

Bei seinem Besuch im Ortschaftsrat Lehen trifft Rüdiger Engel, der Leiter der städtischen Projektgruppe, auf viel Skepsis und Fragen.

FREIBURG-LEHEN. Eigentlich hätten die Ortschaftsrätinnen und -räte einen Ordner mit 800 Seiten durchackern müssen. So dick war die Vorlage zum geplanten Baugebiet Dietenbach, das Hauptthema der Ortschaftsratssitzung am Mittwochabend war. Da war es gut, dass Rüdiger Engel, der Leiter der städtischen Projektgruppe Dietenbach, als Gast die Inhalte zusammenfasste. Gut an kamen die Pläne allerdings nicht: Nur Gerda Strecker (Freie Bürgervereinigung Lehen) stimmte zu, fünf Räte waren dagegen, es gab eine Enthaltung, die anderen fehlten oder durften nicht mitstimmen, weil sie von den Planungen selbst betroffen sind.

Aus städtischer Sicht ist klar: Angesichts der aus dem Ruder gelaufenen Freiburger Wohnungssituation ist Dietenbach notwendig. Rüdiger Engel betonte, dass aufgrund des ständigen Bevölkerungszuwachses bis 2030 laut Prognosen mindestens zwischen 14 000 und 15 000 Wohnungen fehlen. Er hoffe, dass die Flächen für das neue Baugebiet letztlich weitgehend ohne Enteignungen gewonnen werden können – seiner Erfahrung nach finden sich durch den Enteignungsdruck meist auch noch im späteren Prozess andere, einvernehmliche Lösungen. Er sagte aber klar: "Die Situation der Landwirte, die Flächen aufgeben müssen, ist schmerzhaft, das kann man nicht schönreden." Es gebe auch viele ökologische Probleme, die man klären müsse.

Martin Gnädinger (Zukunft Lehen) war derjenige, der am ausführlichsten Gegenargumente auflistete: Er bezweifelt die Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung und schlägt Wohnungsbau-Alternativen vor, unter anderem Aufstockungen. Die Neubaupreise in Dietenbach würden den Mietspiegel ohnehin nur weiter in die Höhe treiben. Die zum Bauen in Dietenbach nötigen Erd-Aufschüttungen seien mit mindestens 250 000 Lkw-Ladungen für Dietenbach und weiteren damit zusammenhängenden 35 000 Lkw-Ladungen für das Bohrertal gigantisch und nicht nachhaltig. Die ökologischen Probleme seien nicht lösbar, die Regionalität der Lebensmittel sei wegen der Einschränkung der Landwirtschaft in Gefahr.

Rüdiger Engel konterte: Die alternativen Wohnungsbau-Ideen seien "Traumtänzerei", umso mehr, da inzwischen geplante Wohnbebauungen in Mooswald, Littenweiler und Vauban weggebrochen seien. Und viele Flächen seien bereits seit 30 oder 40 Jahren für Wohnungsbau vorgesehen, könnten aber nie umgesetzt werden. Denn überall gelte, genau wie bei allen derzeitigen Verdichtungsplänen: "Es gibt sofort Proteste." Dachgeschossausbau sei teuer, die Stadt könne Eigentümer nicht zu Aufstockungen zwingen. Und Achtgeschosser , wie sie in Berlin oder Hamburg gebaut würden, sind seiner Meinung nach aufs kleinere Freiburg "nicht übertragbar". Aber die für Dietenbach vorgesehenen Enteignungen seien "der Hammer", kritisierte Thomas Braun (Freier Wählerbund Lehen): "Ich bin enttäuscht, warum gibt es keine anderen Ideen?" Engel entgegnete, dass der frühere Oberbürgermeister Dieter Salomon einst die Diskussionen um den Flächenbedarf zwar "befriedet" habe, indem die Ausweitung gestoppt wurde: "Aber wir sehen jetzt die Konsequenzen, uns fehlen städtische Flächen als Instrument in der Wohnungsbaupolitik."

Doch können in Dietenbach überhaupt moderate Miet- und Eigentumspreise erreicht werden? Caroline Amann (Zukunft Lehen) war skeptisch. Rüdiger Engel erläuterte, dass 40 Prozent städtische Flächen seien und von der Freiburger Stadtbau oder für geförderten Eigentumswohnungsbau genutzt werden könnten. Auch bei den anderen 60 Prozent der Flächen, die über die Sparkassengesellschaft laufen sollen, könne die Stadt Ziele vorgeben, "sofern sie wirtschaftlich sind". Derzeit seien dabei erst 30 Prozent sozial geförderte Mietwohnungen vorgesehen, die vom Gemeinderat beschlossene Quote liegt bei 50 Prozent, darüber wird zurzeit diskutiert. Die Pläne überzeugten die Mehrheit der abstimmenden Räte nicht.
Dauer: zwei Stunden, zehn Minuten.
Teilnehmer: neun der zwölf Räte (teilweise konnten zwei von ihnen wegen Befangenheit nicht mitstimmen).
Zuhörer: drei.